09.09.2019

Wie man noch einen Handwerker kriegt – und wo der Mangel herkommt

ZDH/Boris Trenkel

Im Interview mit Ulrike Ruppel von der "B.Z." sprach ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer darüber, wie man noch einen Handwerker kriegt – und wo der Mangel herkommt. Das Interview erschien am 8. September 2019. Nachfolgend finden Sie die veröffentlichte Fassung.

B.Z.: Herr Wollseifer, was raten Sie Bürgern, die verzweifelt einen Handwerker suchen?
Hans Peter Wollseifer: Da habe ich zwei Tipps. Erstens: an die Innung wenden. Da bekommt man in der Regel verlässliche Kollegen genannt. Zweitens rate ich dazu, Stammhandwerker zu beschäftigen. Mit einer persönlichen Beziehung geht manches schneller. Trotzdem müssen momentan immer wieder Kunden warten, weil einfach hinten und vorne Fachkräfte fehlen. Das bremst auch die Wirtschaft – bei der Wertschöpfung, beim Steueraufkommen.

Wo ist der Mangel besonders groß?
Hans Peter Wollseifer: Eigentlich überall. Laut Bundesagentur für Arbeit fehlen 160.000 Fachkräfte im Handwerk, wir gehen von 250.000 aus. 40 bis 50 Prozent der Betriebe melden freie Stellen. Besonders großen Mangel haben wir in den Bereichen Bau/Ausbau, Sanitär/Heizung/Klima, Elektronik, aber auch bei Bäckern, Metzgern, Gesundheitshandwerkern, Friseuren. Ende Juli hatten wir noch 30.000 freie Ausbildungsplätze, davon aktuell in Berlin rund 570.

Wie kam es zu dieser Situation?
Hans Peter Wollseifer: Zum einen sinkt die Zahl der Schulabgänger – gut 130.000 weniger als noch vor zehn Jahren. Auf der anderen Seite hat die Politik auf Druck der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 36 Mitgliedsstaaten – die Red.) die Akademisierung vorangetrieben. Irgendwann entstand dann der Eindruck, ohne Abitur, ohne Studium könne man nichts Richtiges werden. Aber das ist nicht so, ganz im Gegenteil.

Wie ist es denn?
Hans Peter Wollseifer: Heute hat man im Handwerk beste Chancen in allen Zukunftsbereichen – Stichwort Smarthome, Energiewende. Man kann Spezialist werden, angestellter Meister, Betriebswirt im Handwerk. Man kann schon jung sein eigener Chef und Unternehmer werden. Überhaupt hat sich das Handwerk in den letzten 20 Jahren grundlegend gewandelt.

Was meinen Sie konkret?
Hans Peter Wollseifer: Nehmen wir den Kfz-Mechatroniker. Sie haben vielleicht noch das Bild im Kopf, wie der ölverschmiert in der Grube steht. Heute hat er bei der Diagnose Ihres Autos einen Laptop in der Hand. Bei der Digitalisierung ist das Handwerk ganz vorne dabei quer durch die Gewerke. Heizungsbauer, Hörakustiker, Zahntechniker, Modellbauer, Konditoren. Auch Tischler und Steinmetze arbeiten mit digitaler Technik und Robotern, die die Grobarbeit machen, die körperlich anstrengende Arbeit abnehmen. Digitale Technologie richtig einsetzen: Dafür brauchen wir clevere junge Leute. Deshalb muss es an allen Schulen, auch an den Gymnasien, Berufsorientierung geben. In den letzten zehn Jahren stieg die Abiturienten-Quote zwar schon von 6,3 auf 14,6 Prozent. Aber da geht noch mehr!

Wo sehen Sie weitere Potenziale?
Hans Peter Wollseifer: Bei Langzeitarbeitslosen, die wir in Arbeit integrieren. Wir haben eine Reihe von Bildungsmodellen für junge Leute zwischen 25 und Ende 30, die ihre Ausbildung abgebrochen oder bislang nur gejobbt haben. Studienaussteiger können im Handwerk glänzende Karrieren machen. Medizinstudenten, zum Beispiel, können wir zum Augenoptiker, Hörakustiker, Orthopädietechniker oder Zahntechniker machen – bei verkürzten Ausbildungszeiten. Zurzeit erproben wir auch ganz neue Ausbildungsmodelle.

Auch in Berlin?
Hans Peter Wollseifer: Berlin ist Teil des Pilotprojekts „BerufsAbitur“. Da können junge Leute Abitur und gleichzeitig eine Lehre machen. Die haben dann zwei Abschlüsse in einem, dauert nur ein Jahr länger. In Berlin geht das an der Max-Taut-Schule, im Bereich Sanitär/Heizung. Oder: Es gibt das triale Studium: Da können Abiturienten innerhalb von vier Jahren den Gesellen und den Meister machen und BWL studieren. In Berlin geht das aber noch nicht.

Wie sind die Erfahrungen mit Flüchtlingen?
Hans Peter Wollseifer: Ende des letzten Jahres hatten wir im Handwerk knapp 20.000 Auszubildende aus den acht Haupt-Fluchtländern. Aber viele müssen erst einmal „Deutschland“ lernen. Manche hatten noch nie eine Ampel gesehen und wussten nicht, wie man sich gegenüber einer Kundin oder Chefin verhält. In der Mehrzahl machen wir aber gute Erfahrungen. Viele bleiben am Ball.

Wie können Schulen das Interesse am Handwerk wecken?
Hans Peter Wollseifer: Zum Beispiel mit Werkunterricht an allen Schulen bundesweit. Mal ein Stück Holz bearbeiten, Metall in der Hand halten: Diese Erfahrung ist wichtig, um Talente zu entdecken – zumal die Welt der Jugendlichen immer virtueller wird. Der Werkunterricht sollte sich dann mit dem Fach Wirtschaft fortsetzen.

Wie erleben Sie die jungen Leute heute?
Hans Peter Wollseifer: Die Schüler sind nicht besser und nicht schlechter als die Generationen davor. Sie sind anders. Zeit für die Familie ist ihnen oft wichtiger als die Höhe des Gehalts. Work-Life-Balance ist das Stichwort.

Also keine Defizite beim Lesen, Schreiben, Rechnen?
Hans Peter Wollseifer: Wir stellen das fest, aber wir klagen nicht darüber. Wir packen an und versuchen, sie durch die Ausbildung zu führen. Ich glaube, dass auf diesem Weg Vieles noch repariert werden kann, wenngleich das eigentlich nicht unsere Aufgabe ist. Vom Jugendlichen-Bashing halte ich aber nichts. Wir haben diese Generation erzogen, wir haben keine andere. Im Handwerk brauchen wir alle.

Inwieweit macht die Umweltgesetzgebung dem Handwerk das Leben schwerer?
Hans Peter Wollseifer: Unser Bewusstsein für Nachhaltigkeit, Klima, saubere Luft ist hoch. Aber wenn es Fahrverbote gibt und etwa Köln als erste Millionenstadt den Klima-Notstand ausruft, wird es brisant. Dann müssen wir schauen, inwieweit wir die Bürger noch versorgen und Betriebe überhaupt bestehen können, wenn Kunden und Mitarbeiter mit Dieseln sie nicht mehr anfahren dürfen.

Welche Forderungen leiten Sie daraus ab?
Hans Peter Wollseifer: Wir brauchen Sondergenehmigungen für das Handwerk. Zudem sollte man nicht den Diesel verteufeln, sondern weitere Emittenten in den Blick nehmen. Da müssen sich die Kommunen mal an die eigene Nase fassen und ihre Bauhöfe und Fahrzeugflotten umrüsten. Was ist mit Dieselloks, Schiffen, Heizungen, Industrie? Man darf nicht alles auf den Verkehr schieben. Und bei der mobilen Zukunftstechnologie müssen wir offen sein. Wir brauchen auch in Zukunft noch saubere Diesel. Im Schwerlastverkehr gibt es kaum Alternativen. Einen Heizkessel werden wir auch in den nächsten Jahren nicht mit dem Lastenrad durch die Stadt befördern können.