30.11.2020

„Viele unserer Betriebe sind auf Hilfe des Staates angewiesen“

Trenkel Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer vor dem Haus des Deutschen Handwerks in Berlin
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer hat mit Stadtmagazine-Redakteur Hans Peter Brodüffel über die Corona-Pandemie, staatliche Hilfen und Ausbildungsplätze im Handwerk gesprochen.

Was erwartet das Handwerk von den neuen Kommunalparlamenten in NRW? (Verkehr, Baugenehmigungen, Energiewende)
Dass sie die Hindernisse wegschaffen, die ihnen bei ihrer täglichen Arbeit im Wege stehen, das erwarten unsere Betriebe von den neuen Kommunalparlamenten. Die politischen Entscheider müssen sich die Bedürfnisse des regionalen Handwerks genau anschauen, denn an vielen Stellen hakt es gewaltig: Ein großes Thema ist für uns beispielsweise Mobilität. Nur wenn der Verkehr verlässlich fließt, kommen die Fahrzeuge unserer Handwerksbetriebe zum Kunden vor Ort. Stehen sie im Stau, geht Arbeitszeit verloren und der Region Wirtschaftskraft. Stau herrscht auch in vielen Kfz-Zulassungsstellen. Das muss besser werden, damit unsere Betriebe ihre neuen, umweltschonenderen Fahrzeuge auch anmelden und damit ihre Betriebsflotten modernisieren können. Gerade jetzt – angesichts der Corona-Pandemie – sollte auf Digitalisierung gesetzt werden. Online-Zugänge sollten eingerichtet werden: Jeden Hund kann man online anmelden, Fahrzeuge dagegen nicht? Auch in Sachen Baugenehmigungen müssen die Kommunen dringend einen Zahn zulegen, die müssen schneller erteilt werden. Wohnraum wie auch Schul- und Brückensanierungen werden aller Orten dringend benötigt und das Bauhandwerk steht bereit. 

Wie ist das Handwerk bisher durch die Corona-Krise gekommen?
Die Corona-Pandemie hat auch das Handwerk schwer getroffen. Bei über einer Million Betrieben ist die Lage aber ganz unterschiedlich. Wegen des Lockdowns und jetzt auch Teil-Lockdowns können einige Gewerke gar nicht oder nur sehr eingeschränkt arbeiten etwa Messebauer, Lebensmittelhandwerke, die schwerpunktmäßig die Gastronomie oder Veranstaltungen beliefern, Textil- und Gebäudereiniger mit einem Arbeitsschwerpunkt im Hotelbereich oder auch Kosmetiker. Andere Gewerke wiederum sind bislang recht gut durch die Pandemie gekommen, weil sie vorhandene Aufträge abarbeiten konnten, etwa am Bau oder im Ausbau. Doch hier könnte es jetzt im Spätherbst und Winter enger werden, weil wenig Aufträge nachkommen und es bei den Baugenehmigungen stockt. Durch den jetzt beschlossenen Teil-Lockdown sind erneut eine ganze Reihe von Handwerksbetrieben entweder unmittelbar oder mittelbar von den Schließungen betroffen. Das ist bitter und hart für diese Betriebe.

Was kostet die Pandemie die Betriebe?
Wenn Umsätze völlig ausfallen oder zu großen Teilen wegbrechen, dann geht es für viele Betriebe schnell ans Eingemachte. Das hat sich deutlich im ersten bundesweiten Lockdown gezeigt, als die Liquidität bei vielen Betrieben das Hauptproblem war. Das Eigenkapital ist inzwischen vielfach abgeschmolzen. Der nun beschlossene teilweise Lockdown ist für die betroffenen Betriebe fatal. Viele haben keine Reserven mehr. Es könnte sie ihre Existenz kosten. Und das gilt nicht nur für Betriebe, die jetzt schließen müssen, sondern auch für mittelbar betroffene Handwerksbetriebe, bei denen die Auftraggeber zu machen müssen. Erstmals seit 2013 wird das Gesamthandwerk dieses Jahr mit einem Umsatzminus abschließen. 

Wie lange wartet man derzeit auf einen Handwerker?
Die Wartezeiten haben sich verkürzt, nicht zuletzt, weil weniger neue Aufträge als üblich in dieser Jahreszeit hereinkommen. Private Kunden sind verunsichert und vergeben zurückhaltender Aufträge. Auch aus der Wirtschaft und besonders der öffentlichen Hand bleiben Aufträge aus. Als Folge hat sich die Wartezeit im Baubereich auf etwa 13 Wochen verkürzt. Im Ausbaubereich sind es derzeit etwas mehr als zehn Wochen, im gewerblichen Bedarf etwa acht Wochen Wartezeit. Im Gesamthandwerk liegen wir derzeit ungefähr bei acht bis neun Wochen.

Braucht das Handwerk die Hilfen des Staates?
Um die Pandemiezeit zu überstehen, sind viele unserer Betriebe auf Hilfe durch den Staat angewiesen. Das hat sich bereits im Frühjahr gezeigt, als Handwerksunternehmerinnen und -unternehmer mit Kurzarbeitergeld, mit der Stundung von Steuer- und Sozialabgaben, mit Soforthilfen und KfW-Krediten unterstützt wurden. Der nun vereinbarte Teil-Lockdown trifft leider besonders Betriebe, die schon durch den ersten Lockdown massiv angeschlagen sind. Es ist zu befürchten, dass viele von ihnen ohne Hilfestellung seitens der öffentlichen Hand die nun beschlossenen weitergehenden Beschränkungen nicht verkraften werden, da ihre Reserven bereits weitgehend aufgebraucht sind. Das angekündigte zusätzliche Unterstützungspaket mit den vorgesehenen Überbrückungshilfen und Umsatzerstattungen muss deshalb zeitnah festgelegt und unbürokratisch umgesetzt werden.

Wie stellt sich im zu Ende gehenden schwierigen Jahr 2020 die Situation bei den Ausbildungsplätzen im Handwerk dar?
Ausbildung bleibt auch in der Pandemie ganz oben auf der Agenda unserer Betriebe: Unsere Betriebe bilden weiter aus und viele bieten weiter die Chance, eine Ausbildung auch noch nach dem offiziellen Start des Ausbildungsjahres zum 1. Dezember oder sogar auch noch danach zu starten. Ende Oktober waren noch mehr als 17.000 Ausbildungsplätze im Handwerk frei. Das sind über 17.000 Angebote unserer Betriebe an junge Menschen, sich auf einen zukunftsträchtigen Berufsweg zu machen. Daher kann ich nur im Sinne unseres Kampagnenmottos ermuntern: „Was soll man dieses Jahr bloß anfangen? Eine Ausbildung.“

Was ist das Besondere an einer Ausbildung im Handwerk?
Für eine Ausbildung im Handwerk sind Kopf und Hand gefragt. Im Handwerk mit seinen so unterschiedlichen Berufen – das reicht ja vom Goldschmied, Geigenbauer, Segelmacher über den Bäcker, Elektriker, Tischler bis hin zum Hörakustiker und Augenoptiker, um nur einige beispielhaft zu nennen -  kann man unterschiedlichste Talente einbringen und sich vielfältige Kenntnisse aneignen, man kann neue Ideen entwickeln und durchstarten. Wohl in kaum einem anderen Wirtschaftsbereich kann man schon so jung sein eigener Chef werden und einen Betrieb leiten wie im Handwerk. Wer eine Ausbildung macht, der lernt von Anfang an die betriebliche Realität kennen, hat meistens schnell mit Kunden zu tun und arbeitet in der Regel im Team. Und da Fachkräfte im Handwerk händeringend gesucht werden, braucht man sich mit einer Ausbildung in der Regel keine Sorgen zu machen, ob man auf dem Arbeitsmarkt unterkommt. Als Handwerker ist man Teil einer der bedeutendsten Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppen dieses Landes und leistet einen ganz entscheidenden Beitrag dazu, Deutschland am Laufen zu halten. Ohne das Handwerk funktioniert unser Land nicht. Und nur mit dem Handwerk wird die Zukunft Deutschlands zu gestalten sein. Alle zukunftsrelevanten Vorhaben wie die Mobilitäts- und Energiewende, der Klimaschutz, die Modernisierung unserer analogen wie digitalen Infrastruktur, der Wohnungsbau, SmartHome sind nur mit dem Handwerk umzusetzen. Handwerkerinnen und Handwerker bauen und gestalten maßgeblich die Zukunft Deutschlands.

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Nahaufnahme von Viren grafisch dargestellt.
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