11.05.2021

„Jede Fachkraft wird gut gebraucht!“

Älterer Herr legt den Arm um die Schulter eines jüngeren Mannes.
Foto: AdobeStock/pressmaster

„So individuell die Beeinträchtigungen der Jugendlichen sind, so individuell sind die Wege, die in Ausbildung und Beschäftigung führen“, betont ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit Cornelia Jurrmann von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke e.V..

Sie haben vor Kurzem die Ausbildung während der Pandemie als „Herkulesaufgabe“ beschrieben. Wie sieht diese aktuell im Handwerk aus?

Schließungen von Betrieben, weniger Kundenaufträge, Kontaktbeschränkungen, Hygiene- und Abstandsvorgaben: Das alles erschwert derzeit die betriebliche Ausbildung und stellt sie vor große Herausforderungen. Berufsschulen sind geschlossen, was die Vermittlung der Fachtheorie deutlich einschränkt und sich auch nachteilig auf die Prüfungsvorbereitung auswirkt. Der Infektionsschutz und die Hygieneauflagen im Betrieb und auf der Baustelle machen es schwerer, betriebliche Ausbildungsinhalte zu vermitteln und Praxiserfahrungen zu sammeln, und sie fordern von Ausbilderinnen und Ausbildern wie auch den Auszubildenden eine besondere Sensibilität im Umgang mit den Kunden. Branchen, die geschlossen sind, wie beispielsweise das Friseur-Handwerk oder Kosmetiker können betriebliche Ausbildungsinhalte nur sehr eingeschränkt oder gar nicht vermitteln, schlicht weil keine Kunden bedient werden können. Dennoch bemühen sich die Ausbildungsbetriebe, die Ausbildung bestmöglich fortzusetzen. Dort, wo Betriebe und Ausbilder von Kontaktbeschränkungen betroffen sind, suchen sie im Sinne ihrer Azubis nach pragmatischen Lösungen, um diese Phase zu überbrücken. Da schalten sich beispielsweise Friseur-Ausbilder und Azubis über WhatsApp-Gruppen zusammen und tauschen sich über die Ergebnisse von Übungen an Übungsköpfen aus.
 

Bis heute entscheiden sich viele Jugendliche mit Behinderungen, die in Berufsbildungswerken eine Ausbildung machen, für eine Ausbildung im Handwerk. Ist das aktuell eine gute Entscheidung? Wie sehen die Jobperspektiven für jungen Menschen mit Beeinträchtigungen im Handwerk aus?

Es ist immer eine gute Entscheidung, einen Ausbildungsberuf zu erlernen. Das schafft eine solide berufliche Basis, die es den Jugendlichen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt zu erwerben und ihr Leben zu gestalten. Sich für eine Ausbildung im Handwerk zu entscheiden, ist in vielerlei Hinsicht gut. Im Handwerk finden Jugendliche mit Behinderungen gute Voraussetzungen, in die Betriebsgemeinschaft aufgenommen und entsprechend ihren handwerklichen Fähigkeiten eingesetzt zu werden. Das oft kleinstrukturierte und häufig familiär organisierte Handwerk bietet gute Voraussetzungen für eine individuelle Betreuung. Und mit Blick auf den schon jetzt bestehenden Fachkräftebedarf, der in der Zukunft sicher bestehen bleibt, wird jede Fachkraft gut gebraucht. Unter den derzeitigen Lockdown-Bedingungen ist es für alle Jugendlichen schwieriger als sonst, die Ausbildung praxisnah fortzusetzen oder einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. So individuell die Beeinträchtigungen sind, so individuell sind die Wege, die in Ausbildung und Beschäftigung führen. Die Inklusionsberaterinnen und -berater bei den Handwerkskammern unterstützen hierbei sowohl die Betriebe als auch die Jugendlichen.
 

Regelmäßige Betriebspraktika in Handwerksbetrieben vor Ort ist für die Azubis im BBW bislang unverzichtbar gewesen, um anschließend auf dem Arbeitsmarkt mithalten zu können. Seit März 2020 sind Praktika aufgrund der Pandemie vielerorts nicht mehr möglich. Was raten Sie den Jugendlichen und Berufsbildungswerken in dieser Situation?

Ein Betriebspraktikum ist und bleibt der Königsweg in eine betriebliche Ausbildung. Aktuell rate ich jungen Menschen, alternativ Online-Angebote zu nutzen. Mit dem Angebot von www.handwerk.de können sich Schülerinnen und Schüler intensiv über das Handwerk und seine mehr als 130 Ausbildungsberufe informieren und über den WhatsApp Berufechecker den passenden Ausbildungsberuf identifizieren. Handwerkskammern, Zentralfachverbände, Kreishandwerkerschaften und Innungen haben vertiefende Informationen und Videos von Auszubildenden, die ihren Ausbildungsalltag beschreiben, im Internet eingestellt, beispielsweise www.back-dir-deine-zukunft.de, dachdeckerdeinberuf.de, www.autoberufe.de, www.textilreiniger-werden.de, lehrlinge-fuer-bayern.de. Ausbilder stellen Gewerke vor und Ausbildungsberaterinnen und -berater der Handwerkskammern informieren über Videochats. Einige Arbeitsagenturen und Fachverbände stellen Schulen auch 3D-Brillen und AR-Videos zur Verfügung, um den Schülerinnen und Schülern einen realistischen Einblick in den betrieblichen Alltag zu bieten. Schließlich können die jungen Menschen Kontakt zu einem möglichen Praktikumsbetrieb aufnehmen, damit zeitnah nach dem Ende des Lockdowns ein – zumindest  kurzzeitiges – Praktikum nachgeholt werden kann.
 

In den kommenden Wochen stehen für BBW-Auszubildende des 3. Lehrjahres die Abschlussprüfungen an. Viele Jugendliche sorgen sich, dass sie aufgrund der längeren virtuellen Heimlernphasen in den Prüfungen benachteiligt sind. Haben die Kammern einen „Corona-Nachteilsausgleich“ für Prüfungen vorgesehen?

Wir sind im Rahmen der Allianz für Aus- und Weiterbildung mit den zuständigen Bundesministerien im Gespräch, um Prüfungsvorbereitungskurse zu ermöglichen und zu finanzieren. Wir wollen die jungen Menschen in diesen schwierigen Zeiten gezielt unterstützen, um ihnen einen vollwertigen und vergleichbaren Abschluss zu ermöglichen.
 

Was braucht das Handwerk für die Zeit nach der Pandemie?

Das Handwerk hat langfristig einen hohen Fachkräftebedarf. Es muss also das Ziel sein, die berufliche Bildung langfristig zu stärken, sie ihrer Bedeutung entsprechend angemessen zu fördern und Ausbildungsplätze zu sichern. Da ist noch sehr viel Luft nach oben und wir leider immer noch ein großes Stück von der vielbeschworenen Gleichwertigkeit akademischer und beruflicher Ausbildung entfernt. Um aktuell der pandemie-bedingten Verunsicherung der Betriebe entgegenzuwirken und das Ausbildungsengagement zu stabilisieren, sollte das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ verlängert und weiterentwickelt und Betriebe durch eine Ausbildungsprämie unterstützt und weiter in ihrer Ausbildungsleistung bestärkt werden. Vor allem die Kleinst- und Kleinbetriebe benötigen auch langfristig eine finanzielle Entlastung, denn nach einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung sind die Nettoausbildungskosten in dieser Betriebsgröße in den vergangenen 10 Jahren um 70 Prozent gestiegen (Quelle: BIBB Report 1/2020).

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