15.06.2020

„Handwerk war schon immer ein wichtiger Wirtschaftsbereich“

1953, Lüneburger Berufsschüler als Gäste beim Praktischen Leistungswettbewerb (PLW).
Foto: HWK BLS

Um mehr über das Geschichtsbild des Handwerks in Gesellschaft und Öffentlichkeit zu erfahren und Forschung in diesem Bereich zu beleben, hat der ZDH den Interdisziplinären Arbeitskreis Handwerksgeschichte (InAH) ins Leben gerufen. Experten, Fachwissenschaftler und Vertreter der Handwerksorganisation tauschen sich darin über ihre Projekte und Forschungsarbeiten aus.

In diesem Jahr berichten Dr. Senta Herkle vom Historischen Institut der Universität Stuttgart und Dr. Christof Jeggle, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Basel, im Rahmen einer Videokonferenz über eine zweitägige Veranstaltung zur vorindustriellen Handwerksgeschichte „Handwerk. Akteure – Organisation – Kultur (1300-1800)“, die von ihnen im Herbst letzten Jahres an der Uni Stuttgart ausgerichtet wurde. Wir haben mit ihnen gesprochen:

Frau Dr. Herkle und Herr Dr. Jeggle, warum ist Handwerksforschung wichtig?
Dr. Christof Jeggle: Das Handwerk war schon immer ein wichtiger Wirtschaftsbereich. Historisch gesehen war die gesamte gewerbliche Produktion vor der Industrialisierung handwerklich. Entsprechend bildete das Handwerk einen großen Teil der Bevölkerung ab und war auch strukturell anders organisiert. Wenn wir uns also im Rahmen von Handwerksforschung anschauen, wie die historischen Formen von Produktion und Dienstleistungen in den Städten und Regionen stattfanden, erhalten wir damit Aufschluss und ein Bild von einem der damals ganz wesentlichen Wirtschaftssektoren.

Was können wir aus der Geschichte des Handwerks für das heutige Handwerk lernen?
Jeggle: Gesellschaftliche Verhältnisse verändern sich stark über große Zeiträume hinweg. Damit verändern sich auch die Rahmenbedingungen für das Arbeiten im Handwerk. Daher lohnt der Blick darauf, wie insbesondere kleine und mittelständische handwerkliche Betriebe zu verschiedenen Zeitpunkten gewerbliche Produktion bestritten, sich organisiert oder auch Krisen überstanden haben. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass kleine Betriebe flexibler und dezentraler agieren können. Die längste Zeit haben Handwerksbetriebe Produkte selbst gestaltet und hochgradig arbeitsteilig gefertigt. Es folgte eine Hochzeit der Massenindustrie, doch inzwischen haben handwerkliche Produkte und Dienstleistungen wieder an Bedeutung gewonnen. Heute ist es so, dass Handwerksbetriebe unter Einbeziehung neuer Technologien auf Industriestandard produzieren und dabei zugleich die dem Handwerk eigenen Gestaltungspielräume nutzen – auch in Abgrenzung zur industriellen Massenproduktion. Damit knüpfen sie in gewisser Weise an früheres handwerkliches Arbeiten an. Aus der Vergangenheit kann man also viel darüber lernen, wie kleine Betriebe zusammenarbeiten und mit einer hohen Arbeitsteilung komplexe Produkte erstellen können.  

Inwieweit hat die frühe Strukturbildung dem Handwerk geholfen?
Dr. Senta Herkle: Das Handwerk hat sich bis in die frühe Neuzeit hinein zunehmend in Vereinigungen mit unterschiedlichen Zielen organisiert. Trotz der teils verschiedenen Ausrichtungen wurde das Handwerk damit schon früh zu einer sozialen und politischen Größe. Zünftische Organisationen halfen in ihren jeweiligen Gewerken vor allem dabei, die Mitglieder des Handwerks zu schützen und trugen zur Sicherung des Auskommens bei. Mit Regeln für Produktion oder Ausbildung sorgten sie zugleich in großem Maße dafür, handwerkliche Produktion zu standardisieren und hochwertige Qualität abzusichern.

Ist der Einfluss von Handwerk auf Politik ein Erfolgskonzept aus der Vergangenheit?  
Jeggle: Der Einfluss auf die Politik variierte. In Reichsstädten etwa bestimmten vor allem reiche Handelsleute und Unternehmer die Politik, obwohl der größte Teil der Bevölkerung im Handwerk oder in der Landwirtschaft arbeitete. Es waren nur einige wenige sehr erfolgreiche Handwerker in städtischen Magistraten vertreten. Schaut man sich die zünftische Partizipartion an der Politikgestaltung an, so hing der Erfolg eines Anliegens oft von der jeweiligen Zielsetzung und den weiteren Interessenlagen in der Gesellschaft ab. Häufig ging es den Zünften um den Schutz und die Abgrenzung eines Handwerks zu anderen Bereichen. Mittels Bittschriften wurden an die meist nicht-handwerklich geprägten Stadträte Forderungen zur Verbesserung von Arbeits-, Produktions- und Verkaufsbedingungen herangetragen. Im Vordergrund stand meistens, bei den politischen Vertretern ein Verständnis dafür zu schaffen, was das jeweilige Handwerk braucht, um gut und erfolgreich arbeiten zu können. Das ist durchaus eine Parallele zur heutigen Handwerksvertretung. Auch heute müssen verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden und braucht es einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess für das beste Ergebnis.

Was die organisatorische Stärke und den Einfluss des Handwerks in Politik und Verwaltung betrifft, sehen Sie einen Unterschied zwischen dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit? War das Mittelalter „handwerksfreundlicher“ als die Renaissance? Gab es einen Rückschlag? Und wenn ja, warum?
Herkle: Im Mittelalter war das Handwerk noch nicht so stark organisiert wie in der frühen Neuzeit. Die Produktion stieg im Mittelalter an, wodurch Zünfte überhaupt erst entstanden und sich allmählich den Platz in den städtischen Magistraten zum Teil regelrecht erkämpften. Etwa Mitte des 15. Jahrhunderts setzten Zünfte und Handwerksorganisationen dann in vielen Städten eine politische Beteiligung durch. Der steigende Einfluss der Zünfte etwa in Reichsstädten wie Ulm oder Augsburg wurde dann im Zuge der Reformation im 16. Jahrhundert aber auch „unbequem“, weil sich viele Reichsstädte für die Anliegen der Reformation entschieden. Der katholische Kaiser Karl V. schränkte den Einfluss der Zünfte in einigen großen Reichsstädten schließlich wieder zugunsten des Stadtadels ein. Das Handwerk war dadurch in der Folge wieder weniger in den städtischen Magistraten vertreten und das Machtgefüge verschob sich zugunsten von kaufmännischen und juristischen Eliten. In der Folgezeit hatten Handwerksorganisationen zwar weiter einen starken Organisationsgrad und behielten Einfluss, aber waren weniger in den politischen Entscheidungsorganen vertreten.

War Handwerk schon immer ein eigenständiger Wirtschaftsbereich? Und inwieweit haben Stolz und Ehrgefühl im Handwerk ihre Wurzeln in der Geschichte?
Jeggle: Bis zur Französischen Revolution war die Gesellschaft ständisch organisiert. Das Handwerk hat sich entsprechend noch bis zum 19. Jahrhundert als eigener gesellschaftlicher Stand wahrgenommen, auch in Abgrenzung zu den Kaufleuten. Mit dieser gefühlten Gruppenzugehörigkeit ging auch ein gewisses Ehrgefühl einher. Dieses Ehrgefühl hat das Handwerk in seiner kulturellen Dimension und zum Zweck der Identitätsstiftung auch gepflegt etwa während der Ausbildung, in den Zunftsitzungen oder bei öffentlichen Umzügen. Im Fall von Interessenskonflikten, die auch zwischen verschiedenen Gewerken vorkamen, wurde diese Ehre entsprechend ins Feld geführt und auch verteidigt. Und es war so, dass das Ehrgefühl im Handwerk zu der Zeit entsprechend der Gesellschaftsstruktur sehr männlich geprägt war. Das Ehrgefühl von Gesellen etwa richtete sich mitunter durchaus auch gegen lohnarbeitende Frauen im Handwerk. Im Unterschied dazu ist man heutzutage gemeinsam stolz auf sein Handwerk.

Wo liegen die Ursprünge der zünftigen Strukturen und wie wirkten diese Strukturen bis in die Neuzeit?
Herkle: Zum Ursprung gibt es verschiedene Theorien, aber so gut wie keine Belege. Über Jahrhunderte hinweg sicherten die Zünfte Qualität und das Auskommen ihrer Mitglieder. Ende des 18. Jahrhunderts gab es dann Bestrebungen, Handwerksvereinigungen und Zünfte nach dem französischen Vorbild aufzuheben. Liberale Kreise setzen sich dafür ein, das Handwerk zu entregulieren, was man im 19. Jahrhundert mit zunehmender Gewerbefreiheit zum Teil auch umsetzte. In der Folge stellte man aber ziemlich schnell fest, wie wichtig die Organisationen des Handwerks für die Qualitätssicherung in Produktion und Ausbildung waren. Das war der Beginn von Industrie- und Handelskammern. Dank des weiterhin starken Engagements der Handwerksorganisationen und um die Qualitätssicherung in Lehre und Produktion aufrecht zu erhalten wurden mit dem Handwerksgesetz von 1891 schließlich auch Handwerkskammern eingeführt und mit dem Handwerksgesetz von 1908 festgelegt, dass die Lehrlingsausbildung nur doch durch Handwerksmeister erfolgen darf – der Ursprung der modernen Handwerksorganisation und der heutigen Handwerksordnung. Der Versuch völlig liberalisierter Gewerbeorganisation wurde also schon im 19. Jahrhundert als nicht erfolgreich wahrgenommen. Ein wichtiger Fingerzeig auch für die Entwicklung der heutigen Handwerke mit Meistervorbehalt.

Regionalität und Struktursicherung im Handwerk – heute so wichtig wie damals?
Jeggle: Handwerk hatte schon immer einen starken regionalen und lokalen Bezug. Handwerker waren immer wichtig für die Grundversorgung der Bevölkerung. Ob Metzger, Bäcker, Schuster oder Schneider – diese Handwerke fand man fast überall. Spezialisierte Handwerke mit zum Teil auch Exportprodukten entwickelten sich vor allem in den Städten. Seit dem 16. Jahrhundert entwickelten sich zudem spezialisierte Gewerberegionen auf dem Land, die sowohl von den Handwerken auf dem Land wie von städtischen kaufmännischen Unternehmern organisiert wurden. Während die Menge an Produkten zunahm, war die Normen- und Qualitätssicherung noch an bestimmte Standorte gebunden. So konnte die Herkunft eines Produktes zum Qualitätsmerkmal werden. Schon seit dem Mittelalter gab es daher Bemühungen, bestimmte Handwerke im Sinne von Standortpolitik und Innovationsförderung vor allem an städtischen Orten anzusiedeln.

Was können wir aus der Handwerksgeschichte über Mobilität im Handwerk lernen?
Herkle: In der vorindustriellen Welt galten Gesellen als eine hochmobile Schicht. Für Wanderungen gab es verschiedene Gründe: Steinmetze etwa bewegten sich zwischen verschiedenen Bauprojekten. Bei Webern hingen Wanderungen oftmals mit Konjunkturschwankungen zusammen. Mobilität war auch ein Weg, woanders ein besseres Geschäft machen oder überhaupt Arbeit aufnehmen zu können. Schon in der frühen Neuzeit gab es Strukturen und finanzielle Unterstützung, die die Wanderung von Gesellen förderten. Städte waren ein beliebtes Ziel für Gesellen. Lehrlinge oder lohntätige Gesellen wohnten dann oftmals beim Handwerksmeister. Aktuell geblieben sind die Ziele, die man damals mit Wanderung verband: Lehrinhalte zu diversifizieren, verschiedene Arbeitserfahrungen zu ermöglichen, als gefragte Fachkraft ein gutes Auskommen zu haben und allgemein den eigenen Horizont mit Lebenserfahrung zu erweitern.

Hatte Handwerk schon immer goldenen Boden?
Jeggle: Das war damals wie heute vom jeweiligen Gewerk, von verschiedenen gesellschaftlichen Umständen und von der allgemeinen Konjunkturlage abhängig. Handwerk bot aber schon immer die Chance, aus seiner beruflichen Tätigkeit auch etwas zu machen. Mit Engagement, Können und dem notwendigen Quäntchen Glück wurde und wird noch heute nicht selten ein goldener Boden daraus.  

Frau Dr. Herkle und Herr Dr. Jeggle, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Senta Herkle ist Akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Landesgeschichte an der Universität Stuttgart.

Dr. Christof Jeggle ist Historiker in Bamberg und derzeit in einem Forschungsprojekt an der Universität Basel beschäftigt.

Den Tagungsbericht zur Veranstaltung „Handwerk. Akteure – Organisation – Kultur (1300-1800)“ am 21./22.11.2019 in der Universität Stuttgart finden Sie hier.