20.04.2021

„Es gibt keine verlorene Corona-Generation“

Ausbilder mit Hörschutz steht an einer Werkzeugmaschine mit zwei Auszubildenden.
Foto: AdobeStock/auremar

„Wenn wegen der Pandemie einige Dinge in der Schule zu kurz gekommen sein sollten, holen wir das in der Ausbildung nach. „Einfach machen“ – das Motto des Handwerks gilt auch in diesem Zusammenhang“, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit Andreas Niesmann vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Herr Wollseifer, das Statistische Bundesamt meldete einen Einbruch der abgeschlossenen Ausbildungsverträge um fast 10 Prozent. Im Handwerk waren es fast 7 Prozent. Alles wegen Corona?

Die Pandemie hat dazu geführt, dass unsere Betriebe viel weniger Kontakt zu jungen Menschen haben als vorher. Berufsorientierung, Praktika, Ausbildungsmessen – das alles fällt weg. Außerdem hat Corona viel Unsicherheit hervorgerufen. In den Betrieben, die nicht wissen, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickeln wird, vor allem aber bei Schulabgängern, Eltern, Lehrern. Die lesen gerade jeden Tag in der Zeitung, dass die Wirtschaft leidet, und sorgen sich, dass begonnene Ausbildungen womöglich nicht abgeschlossen werden können.

Ist die Sorge berechtigt?

In den allermeisten Fällen nicht. Zunächst einmal, weil im Handwerk nicht alle Gewerke gleichermaßen leiden. Und selbst wenn es Betrieben schlecht geht, versuchen die alles, damit einmal begonnene Ausbildungen  abgeschlossen werden können. Unsere Handwerksmeisterinnen und -meister wissen sehr genau, wie wichtig qualifizierter Nachwuchs ist. Und dass in erster Linie sie selbst dafür sorgen müssen, weil andere das nicht übernehmen. Jede und jeder Einzelne, den wir jetzt nicht ausbilden, wird als Fachkraft fehlen – mit dramatischen Folgen für unsere Betriebe, aber am Ende auch für unsere gesamte Wirtschaft und den Wohlstand der ganzen Gesellschaft. Denn die im Handwerk Ausgebildeten sind später auch in vielen anderen Bereichen und Branchen tätig, etwa bei der Feuerwehr, Polizei oder Bundeswehr. 

Viele Schulabgänger sorgen sich, dass ihr „Corona-Abschluss“ in der Wirtschaft als zweitklassig angesehen werden könnte.

Ich kann versprechen: Das Handwerk unterscheidet nicht, ob Schulabschlüsse vor, nach oder während der Pandemie erworben worden sind. Aus unserer Sicht gibt es keine verlorene Corona-Generation. Wenn wegen der Pandemie einige Dinge in der Schule zu kurz gekommen sein sollten, holen wir das in der Ausbildung nach. „Einfach machen“ – das Motto des Handwerks gilt auch in diesem Zusammenhang.

Wie steht das Handwerk insgesamt nach über einem Jahr Pandemie da?

Das Handwerk ist heterogen, und genau so geht es ihm in der Krise. Bau- und Ausbau-Betriebe haben nach wie vor gut zu tun. Im Kfz- und Zweiradgewerbe dürfen zwar Werkstätten, nicht aber Verkaufsräume öffnen. Da gehen Umsätze verloren. Ein Konditormeister kann auf Dauer nicht vom Außer-Haus-Verkauf leben, der braucht sein Café. Und viele körpernahe Dienstleister dürfen nach wie vor gar nicht arbeiten – was zum Teil nur schwer nachzuvollziehen ist.

Es geht um Kontaktreduzierung – was können Sie da nicht nachvollziehen?

Kosmetiker müssen schließen, Hautärzte aber dürfen kosmetische Behandlungen anbieten. Das ist eine Ungleichbehandlung, die nicht einzusehen ist und die auch virologisch keinen Sinn macht. Solche Ungleichheiten müsste die Politik lösen.

Sie fordern mehr Öffnungen?

Mir ist klar, dass man angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens nur modellhaft öffnen kann.  Was ich will, ist, dass gleiche Tätigkeiten gleich bewertet werden. Und wenn Betriebe trotzdem geschlossen werden, muss der Staat entschlossen helfen. Wir brauchen weitere und bessere Finanzhilfen für Betriebe, die seit über einem Jahr kein Geschäft mehr machen können. Viele von denen waren kerngesund, und nun drohen sie völlig unverschuldet in die Insolvenz zu gehen.

Die bislang geltenden Überbrückungshilfen reichen nicht mehr?

Wenn der Lockdown andauert, reichen die bisherigen Hilfsangebote der Bundesregierung nicht mehr aus. Dann müssen wir Hilfe weiterdenken. Der Finanzminister könnte schnell helfen, indem er einen Verlustrücktrag ermöglichen würde, der über das Jahr 2019 hinausgeht. Den Staat würde das auf Dauer noch nicht einmal etwas kosten. Viele Betriebe existieren nur noch, weil Inhaber Geld aus ihrem Privatvermögen investieren oder sogar Hypotheken aufgenommen haben, um ihr Unternehmen zu retten. Da stehen jetzt ganze Existenzen auf dem Spiel.

Angesichts steigender Infektionszahlen mehren sich die Stimmen, die ein Herunterfahren der gesamten Wirtschaft fordern. Was sagen sie denen?

Forderungen, die ganze Wirtschaft stillzulegen, sind aus meiner Sicht unrealistische Gedankenspiele. Soll der Heizungsbauer nicht mehr zum Kunden fahren, wenn die Heizung ausgefallen ist? Soll der Gas-Wasser-Installateur die kaputte Toilettenspülung nicht mehr reparieren? Der Elektriker die unterbrochene Stromleitung unterbrochen lassen? Beim Herunterfahren der Wirtschaft gibt es Grenzen, wenn wir wollen, dass die Versorgung der Menschen nicht zusammenbricht.

Dass geöffnete Betriebe zum Infektionsgeschehen beitragen, können Sie nicht bestreiten. Gleichzeitig jammert die Wirtschaft über eine Testpflicht für Mitarbeiter in Präsenz. Ist das nicht ein wenig larmoyant?

Wir jammern nicht, sondern stellen uns die Frage, wie sinnvoll gesetzliche Regelungen sind. Es ist doch im ureigensten Interesse jedes einzelnen Betriebes, kranke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell zu identifizieren, um Ansteckungen von Kollegen oder gar Kunden zu verhindern. Die Schnelltests dafür bezahlen wir gerne, dafür brauchen wir kein Gesetz. Ein solches zu erlassen, obwohl die Tests erst seit wenigen Wochen zugelassen sind, halte ich ganz persönlich für politisch motivierten Aktionismus, um von den Impfdefiziten abzulenken. In Wahrheit hilft das niemandem.

Haben Sie einen Vorschlag, um die dritte Welle zu brechen?

Politik, Behörden und auch Gerichte müssen zunächst einmal bestehende Regeln härter und konsequenter umsetzen. Ein Beispiel, das ich persönlich nicht nachvollziehen kann: Wenn Tausende Menschen in Stuttgart und anderswo ohne Abstand und Maske demonstrieren, ist das nicht nur unsolidarisch, sondern regelrecht gefährlich.

Lassen Sie uns auf die Phase nach der Pandemie blicken: Was muss die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken, damit die Wirtschaft wieder durchstarten kann?

Damit die Wirtschaft wieder richtig loslegen kann, brauchen die Betriebe Luft zum Atmen. Das heißt weniger Bürokratie und auf keinen Fall höhere  Steuern für den Mittelstand. Die Kosten der Pandemie können wir nur durch starkes Wachstum finanzieren. Steuererhöhungspläne, wie sie jetzt von SPD, Grünen oder Linken diskutiert werden, wären da kontraproduktiv. Auch die Sozialabgaben dürfen auf keinen Fall weiter steigen.

Wie wollen sie das verhindern?

Wir brauchen eine große Reform der Sozialen Sicherungssysteme. Gesamtgesellschaftliche Aufgaben, etwa die Pflege, müssen auch von der gesamten Gesellschaft finanziert werden – nicht nur von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Und seien wir ehrlich: Wir werden immer älter, also werden wir auch länger arbeiten müssen. Daran führt kein Weg vorbei.

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