04.08.2020

„Die Lage wird besser, ist aber weit entfernt vom Vorkrisenniveau“

Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer im Gespräch in seinem Büro im Haus des Deutschen Handwerks
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer äußert sich gegenüber Andreas Hoenig von der Deutschen Presse-Agentur zur aktuellen Lage des Handwerks in der Corona-Krise:

„Der Lockdown war für viele Handwerksbetriebe dramatisch. Das hat sich nach den Lockerungen laut unserer neuesten Umfrage zwar etwas entspannt und viele Betriebe kommen langsam wieder auf die Füße. Doch immer noch melden 42 Prozent teils starke pandemiebedingte Umsatzausfälle. Im März waren das allerdings noch drei von vier Handwerksbetrieben. Die Lage wird also besser, ist aber weit entfernt vom Vorkrisenniveau. Ein verändertes Verbraucherverhalten und die weiter bestehenden, notwendigen Hygienevorschriften belasten das Geschäft. Bis Jahresende werden wir daher wohl nicht wieder voll in Tritt kommen. Unter den aktuellen Voraussetzungen und Beschränkungen ist es kaum möglich, die Wirtschaft wieder komplett hochzufahren und das alte Niveau zu erreichen.

Die Betriebe sind unterschiedlich betroffen: Das reicht von Betrieben mit Totalausfall bei Geschäftstätigkeit und Umsatz wie zum Beispiel beim Messebau oder Veranstaltungscatering. Für die ist auch in den nächsten Monaten keine Besserung in Sicht, weil etwa Veranstaltungen oder Messen nicht stattfinden. Und geht bis zu Betrieben fast ohne Umsatzrückgänge etwa bei vielen Bau- und Ausbauhandwerken. Ein einheitliches Bild gibt es nicht. Falls keine zweite Welle und als Folge erneute Lockdowns kommen, ist in den nächsten Monaten wohl ein Aufwärtstrend zu erwarten. Doch das wird nicht reichen, um die Verluste während des Lockdowns auszugleichen. Wir werden im gesamten Handwerk bis Jahresende die Umsatzverluste nicht vollständig kompensieren können und voraussichtlich erstmals seit 2013 das Jahr mit einem Umsatzrückgang abschließen.

Wir erwarten in diesem Jahr einen leichten Beschäftigungsrückgang - anders als in den Jahren zuvor, als es immer einen Aufbau gab. Der Rückgang wird aber überschaubar bleiben. Denn in den meisten Handwerksbetrieben wird alles dafür getan, die Mitarbeiter zu halten. Wir sind sehr darauf angewiesen, dass wir gute Mitarbeiter haben, und die sollen dann auch möglichst lange im Betrieb bleiben. Es wird auch im Handwerk sicher Insolvenzen geben. Aktuell sind hier die Anzeigepflichten ausgesetzt, weshalb wir im Moment nicht sagen können, wie viele Handwerksbetriebe krisenbedingt werden aufgeben müssen. Aber die Zahl wird hoffentlich überschaubar bleiben.

Die Kunden waren sehr zurückhaltend. Die wollten während der Phase des Lockdowns nur dann Handwerker in ihre Wohnungen und Häuser lassen, wenn es unbedingt nötig war für dringende Reparaturen. Das hat sich jetzt gebessert, aber die Kunden sind weiter verhalten. Vor allen Dingen aber sollten die Kommunen und öffentlichen Verwaltungen ihre Planungen und Auftragsvergaben nicht weiter zurückstellen, sonst bricht uns das Geschäft weg. Das wäre fatal.

Lichtblick während der akuten Pandemie waren die Bau- und Ausbaugewerke, die während des Lockdowns noch gut von den Auftragspuffern leben konnten. Aber hier bleiben vermehrt neue Aufträge aus, sodass der Konjunkturknick für diese Gewerke noch bevorstehen könnte. Damit das nicht passiert, kommt gerade auch der Öffentlichen Hand eine Vorbildfunktion sowohl bei der Auftragsvergabe wie auch bei der Verwaltungspräsenz und Funktionsfähigkeit der Verwaltung zu.

Durch die Mehrwertsteuersenkung ist bei den Betrieben zum Teil erheblicher Umstellungsaufwand angefallen, weil sämtliche Kassen und Abrechnungsprogramme umprogrammiert werden mussten. Das ist schon eine Riesenaufgabe, und das Ganze sehr kurzfristig und dann für nur sechs Monate. Besonders im Bereich des Bauhandwerks, in dem die Vertragsabwicklung typischerweise einen längeren Zeitraum in Anspruch nimmt, müssen bei der Frage nach dem „richtigen“ Steuersatz zum Teil nicht einfache Abgrenzungsfragen geklärt werden. Das ist aufwendig und mit teils erheblichen Beratungskosten verbunden. Aber es war schon richtig, ein Konjunkturprogramm aufzulegen, das auch steuerliche Maßnahmen enthält. Und nach ersten Studien scheint sich die Kauflaune tatsächlich zu bessern, sodass die Senkung offenbar zu einer Verbesserung der Konjunktur beiträgt.

Die Unternehmen brauchen weiter dringend Liquidität. Das ist das A und O. Die müssen ihre Rechnungen begleichen können. Und wir möchten, dass möglichst viele Betriebe überleben. Von daher sind die Überbrückungshilfen richtig und wichtig. Wir würden uns aber wünschen, dass die Überbrückungshilfen zumindest bis Ende diesen Jahres gewährt werden. Außerdem sollte es die KfW-Schnellkredite auch für kleinere Unternehmen mit bis zu 10 Mitarbeitern geben.“

ZDH-Kurzbericht: Konjunktur QII/2020

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Handwerkskonjunktur waren erheblich. Der Lockdown und seine Nachwirkungen prägten viele Gewerke stark.

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