04.11.2019

"Der gute Lauf ist kein Selbstläufer"

Foto: ZDH/Boris Trenkel

Im Interview mit dem "NordHandwerk" sprach ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer über die Themen, die das Handwerk aktuell bewegen. Das Interview ist am 30. Oktober 2019 erschienen.

Die EU hat kräftig am Meister gerüttelt, als Sie 2014 an die Spitze des ZDH rückten. Jetzt ist der Meister bald auch Bachelor Professional und in zwölf Gewerken kehrt die Meisterpflicht zurück. Was erklärt diesen Bewusstseinswandel zugunsten des Qualitätshandwerks?
Ich denke, es ist genau dieser Wunsch nach – wie Sie es nennen – Qualitätshandwerk: Das genau wollen Verbraucher und Gesellschaft wieder. Sie wollen sich darauf verlassen können, hochwertige Produkte und Dienstleistungen zu bekommen. Das war zuletzt in einigen Gewerken nicht mehr unbedingt der Fall. Seit 53 Gewerke mit der Handwerksnovelle 2004 zulassungsfrei gestellt wurden, konnte dort jeder ohne Qualifizierung seine Dienstleistungen anbieten. Das Ergebnis war häufig: Weniger Qualität für den Kunden, schneller vom Markt verschwindende Betriebe und als Folge dessen ein geringerer Gewährleistungs- und Verbraucherschutz. Dazu kam, dass in einigen Gewerken immer weniger ausgebildet wurde. Der für das Handwerk so typische Wissenstransfer von einer Generation an die nächste ist dort regelrecht abgerissen. All diese Fehlentwicklungen waren nicht mehr zu übersehen. Daher ist es richtig, diese nun zu korrigieren.

Wirtschaftsminister Altmaier hat eine Mittelstandsstrategie angekündigt; im Zuge des Klimapakets der Bundesregierung soll die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung endlich Realität werden: Der Wirtschaftszweig scheint einen Lauf zu haben, konjunkturell sowieso, aber auch in der Umsetzung seiner Interessen. Oder täuscht das?
Es ist schon richtig: Im Handwerk läuft es gut. Die Auftragsbücher sind in den meisten Gewerken noch bis in den Winter hinein gefüllt. Für das Gesamthandwerk erwarten wir für 2019 weiter bis zu vier Prozent Umsatzplus. Allerdings zeigen sich bei den industrienahen Zulieferern und im Kfz-Werkstattgeschäft erste Konjunkturdämpfer. Der gute Lauf ist also kein Selbstläufer. Er ist Ergebnis harter Arbeit in den Betrieben. Und hartnäckiger Argumentation der Handwerksorganisationen und des ZDH gegenüber der Politik. Die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung ist uns beileibe nicht in den Schoß gefallen. Seit Jahren setzen wir uns dafür ein. Nach mehreren Anläufen scheint jetzt in der Politik angekommen zu sein, dass das eines der wirksamsten Mittel ist, um CO2-Emissionen zu verringern. Gut auch, dass Bundeswirtschaftsminister Altmaier mit seiner Mittelstandsstrategie endlich die Belange der kleinen Betriebe in den Fokus rückt. Auch darauf haben wir immer wieder gepocht.

Der Klimaschutz ist das beherrschende Thema des Herbstes. Was ist zu tun, damit das Handwerk beim notwendigen Wandel zu einer emissionsärmeren Form des Wirtschaftens zu den Gewinnern zählt?
Uns geht es um einen Klimaschutz, der im Einklang mit erfolgreicher Betriebsführung gelingt. Wenn wir das schaffen, dann sind Gesellschaft und Handwerk gleichermaßen Gewinner. Entscheidend ist, auf marktwirtschaftliche Anreizmechanismen und kluge Förderimpulse zu setzen statt auf Ordnungsrecht und Strafsteuern. Im Übrigen gestaltet das Handwerk diesen Weg hin zu einer emissionsärmeren und energieeffizienteren Wirtschafts- und Lebensweise bereits aktiv mit: Wir sind der Umsetzer der Energiewende und enger Begleiter der Mobilitätswende. Wir beraten, entwickeln und installieren Lösungen, die Emissionen reduzieren. Viele Betriebe setzen Technologien und Materialien ein, um die Energieeffizienz im eigenen Betrieb zu steigern.

2020 geht die Imagekampagne in eine neue Runde. Warum braucht es weiterhin diesen Aufmerksamkeitsverstärker?
Weil der Wettbewerb um die Talente immer intensiver wird. Wir haben 130.000 Schulabgänger weniger als noch vor 10 Jahren, dazu gehen heute fast 60 Prozent der jungen Leute ins Studium. Da muss man die Werbetrommel schon ziemlich auffällig rühren, um Jugendliche für das Handwerk zu gewinnen. Und nach wie vor wissen junge Leute zu wenig über die Berufs- und Karrieremöglichkeiten im Handwerk. Die Kampagne liefert die entsprechenden Infos – in der Sprache, den Bildern und in den Kanälen, in denen die jungen Leute unterwegs sind.

Sie treten im Dezember für eine dritte Amtszeit an. Politisch gibt es so viele Unwägbarkeiten wie selten zuvor, von der Stabilität der Großen Koalition bis zum Brexit. Das kann schnell massiv auf die Konjunktur durchschlagen. Schreckt das ab oder motiviert das?
Da bin ich ganz Handwerker – Herausforderungen sind für mich immer Ansporn. Und so denken die meisten im Handwerk. Kein Zweifel: Derzeit gibt es einige vor allem außenpolitische Faktoren und Unwägbarkeiten, die die Konjunkturlage negativ beeinflussen. Die gute Binnenkonjunktur hält aber vorerst an, massive Einbrüche im Gesamthandwerk erwarten wir erst einmal nicht. Zudem haben sich Handwerksbetriebe auch in stürmischeren Zeiten als standfest erwiesen, zuletzt in den Krisenjahren um 2008. Die Betriebe passen sich neuen Rahmenbedingungen schnell an. Darauf vertraue ich auch diesmal.

Was sind Ihre vordringlichsten Aufgaben für die nächsten Jahre? Wo sind Sie bisher nicht so weit gekommen wie erhofft?

Wir haben viel erreicht: Ich denke da an die Abwendung des EU-Dienstleistungspakets, an die Pilotprojekte beim BerufsAbitur oder jetzt die voraussichtliche Wiedereinführung der Meisterpflicht. Doch ich brenne dafür, die Wertschätzung für das Handwerk noch weiter zu stärken. Wertschätzung ist – glaube ich - ein Schlüssel zur Lösung künftiger Probleme: In dem Maße, in dem Handwerksarbeit wieder die Anerkennung findet, die ihr zusteht, werden auch die Berufe im Handwerk an Attraktivität gewinnen. In dem Maße, in dem die hohe Ausbildungsleistung der Handwerksbetriebe anerkannt wird, wird man offener dafür sein, das auch durch finanzielle Entlastungen für Ausbildungsbetriebe wertzuschätzen. In dem Maße, in dem das gesellschaftliche und wirtschaftliche Engagement des Handwerks in seiner Bedeutung für den ländlichen Raum anerkannt wird, wird die Bereitschaft zunehmen, durch entsprechende Infrastrukturmaßnahmen diese Versorgungsstrukturen zu erhalten. Das sind einige Beispiele dafür, warum mir das Thema der Wertschätzung so am Herzen liegt.