26.10.2020

„Betriebe haben für erneuten bundesweiten Lockdown keine Reserven mehr“

Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer vor einer Strukturleinwand im Haus des Deutschen Handwerks in Berlin
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer warnt im Gespräch mit Dr. Dieter Keller von der Südwest Presse vor einem erneuten bundesweiten Lockdown, der für viele Handwerksbetriebe kaum zu verkraften wäre.

Herr Wollseifer, ist das Handwerk bisher besser durch die Corona-Pandemie gekommen als andere Wirtschaftszweige?
Die Corona-Pandemie hat auch das Handwerk schwer getroffen. Bei über einer Million Betrieben ist die Lage aber unterschiedlich. Es gibt Betriebe, die kämpfen ums Überleben. Umsatzeinbußen hatten fast alle. Zwischen Mitte März und Ende Mai haben drei Viertel mindestens 50 Prozent ihres Umsatzes verloren. Vor allem Messebauer oder Caterer hatten einen Totalausfall, und das teils bis heute. Die personennahen Handwerke wie Friseure oder Kosmetiker sind auch nach den Lockerungen durch die Hygieneauflagen in ihrem Geschäft weiter eingeschränkt.

Wo läuft es gut?
Das Bauhandwerk war bisher kaum betroffen. Hoch- und Tiefbau konnten vorhandene Aufträge abarbeiten. Doch hier könnte es jetzt im Spätherbst und Winter enger werden, weil wenig Aufträge nachkommen. Für die Kfz-Werkstätten ist ein Problem, dass es bei vielen Zulassungsstellen einen Riesenstau gibt. Was nutzt der Verkauf von Pkw und Lkw, wenn die nicht zugelassen werden.

Wie dick ist das finanzielle Polster bei denen, die mit Problemen kämpfen?
Die Liquidität war bei vielen Betrieben im ersten bundesweiten Lockdown das Hauptproblem. Das Eigenkapital ist vielfach abgeschmolzen. Ein zweiter Lockdown wäre für die Betriebe fatal. Viele haben keine Reserven mehr. Es könnte sie ihre Existenz kosten.

Tut die Bundesregierung genug, um einen zweiten Lockdown zu verhindern?
Die Infektionszahlen steigen erschreckend. Im Frühjahr hat die Regierung rasch und richtig gehandelt und schnell Maßnahmen ergriffen, die auf die Bedürfnisse der Betriebe zugeschnitten waren, etwa mit dem Kurzarbeitergeld oder dem Stunden von Steuern und Sozialabgaben. Es gab Soforthilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Auch die Überbrückungshilfen haben geholfen. Jetzt brauchen wir gezielt Hilfen für diejenigen, die aktuell in Probleme geraten. Zudem benötigen auch Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern KfW-Kredite, die zu 100 Prozent verbürgt sind.

Die Bürger stöhnen häufig, wie lange sie auf Handwerker warten müssen. Hat sich das gebessert?
Ja, selbst im Baubereich haben sich die Wartezeiten verkürzt. Aber je nach Auftrag kann es immer noch einige Wochen dauern, auch wenn das manchen Kunden ärgert.

Die meisten Handwerker leben von Kundenkontakten. Gibt es bei ihnen besonders viele Corona-Fälle?
Davon ist uns nichts bekannt. Die Betriebe haben sich schnell auf die Pandemie und die Schutzregeln eingestellt, sie tun alles, um sich und die Kunden zu schützen. Sie fahren beispielsweise mit mehr Autos zur Baustelle oder lassen ihre Mitarbeiter direkt dorthin kommen.

Baut das Handwerk wegen der Corona-Rezession Stellen ab?
Wir gehen nicht davon aus, dass wir Ende dieses Jahres deutlich weniger Beschäftigte haben werden als ein Jahr zuvor. Schon in der Finanzkrise hat sich gezeigt: Im Handwerk ist man bemüht, seine Mitarbeiter zu halten. Da wird nicht entlassen, um den Aktienkurs zu stabilisieren. Im Handwerk geht es familiär zu: Man kennt und unterstützt sich, und man weiß, dass man aufeinander angewiesen ist und einander gerade auch in der Nachkrisenzeit braucht.  

Wenn Sie einen Wunsch an die Bundesregierung hätten – was wäre das?
Nach der Pandemie müssen die Lasten gerecht verteilt werden. Sie dürfen nicht nur am Mittelstand und am Handwerk hängen bleiben. Alle müssen solidarisch herangezogen werden, die Kosten der Pandemie solidarisch zu tragen.

Was braucht das Handwerk besonders dringend?

Weitere Entlastungen! Und zwar aus Sicht der Betriebe an vielen Stellen. Weniger Bürokratie ist angesagt und nicht mehr, wie sie etwa durch ein Recht auf Homeoffice kommen würde. Und wir brauchen Entlastungen bei Abgaben und Steuern. Auch kleinere Betriebe müssen Rücklagen für Investitionen aufs nächste Jahr übertragen können, statt sie als Gewinn versteuern zu müssen. Zudem muss der Soli sofort für alle abgeschafft werden. Und die Bundesregierung muss ihre Zusage einhalten, dass die Sozialabgaben nicht über 40 Prozent steigen.

Schon vor der Corona-Krise war der Nachwuchs ein großes Problem für das Handwerk. Wie viele Lehrlinge werden aktuell noch gesucht?

Ende September waren noch 23.500 Ausbildungsplätze im Handwerk frei.

Wie gut sind die Chancen, sie noch zu besetzen?
Die Betriebe sind hoch motiviert. Sie wollen weiter ausbilden. Wir sind in einer Aufholjagd. Durch den Lockdown ist von Mitte März bis Ende Mai nicht viel passiert. Es gab weder Praktika noch Ausbildungsmessen oder Speeddatings. Den Handwerkskammern und -innungen ist es gelungen, Vieles virtuell zu machen. Das ging aber so richtig erst ab Juni los. Deshalb hinken wir hinterher. Ende Mai hatten wir ein Minus von 18 Prozent bei den neuen Lehrverträgen. Das hat sich kontinuierlich abgebaut. Ende September waren wir bei minus acht Prozent, und wir sind zuversichtlich, es noch weiter zu reduzieren und unter den Wert der Finanzkrise zu kommen. Da hatten wir ein Minus von sieben Prozent.

Inwieweit konnte das Handwerk die Nachwuchsprobleme mit Flüchtlingen zumindest reduzieren?
Die Zahl der Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen ist in den letzten fünf Jahren kontinuierlich gestiegen. Die meisten jungen Leute sind sehr motiviert. Das Handwerk ist für die Integration von Geflüchteten prädestiniert, weil die Betriebe klein sind. Die Jugendlichen konnten schnell integriert werden, nicht nur in die Abläufe, sondern auch ins soziale Zusammenleben. Über die Hälfte der jungen Asylbewerber aus den acht häufigsten Herkunftsländern, die in Deutschland eine Ausbildung machen, werden im Handwerk ausgebildet.

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