05.02.2021

„Berufliche Bildung langfristig stärken!“

KFZ-Meister und Auszubildene arbeiten an einer Radaufhängung in der KFZ-Werkstatt.
Foto: AdobeStock/runzelkorn

„Politik muss deutlich mehr tun, um die berufliche Bildung langfristig zu stärken, ihrer Bedeutung entsprechend zu fördern und Ausbildungsplätze zu sichern“, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit Jennifer Weese von der „dpa“.

Wie steht es insgesamt um den Ausbildungsmarkt in Anbetracht der Corona-Krise? Wie sieht es speziell im Handwerk aus?
„Die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt macht uns Sorgen. Fehlende Berufsorientierung für junge Menschen und die notwendigen Kontakteinschränkungen haben dazu geführt, dass wir 2020 laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) etwa 7,5 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge abschließen konnten als im Vorjahr. In der Gesamtwirtschaft lag der Rückgang sogar bei 11 Prozent. Dieses Ergebnis stellt uns nicht zufrieden, denn wo weniger ausgebildet wird, fehlen uns künftig die Fachkräfte. Handwerksbetriebe und die Handwerksorganisationen haben viel unternommen, um vor allem auch mit neuen digitalen Möglichkeiten junge Menschen für das Handwerk zu gewinnen und mit den Betrieben zusammenzubringen. Dadurch ist es immerhin gelungen, den im Mai 2020 noch massiven Einbruch bei den Ausbildungszahlen von damals 18 Prozent aufzufangen und zu erreichen, dass der handwerkliche Ausbildungsmarkt nicht so stark wie in anderen Wirtschaftsbereichen getroffen ist. Doch trotz dieser Aufholjagd waren am Jahresende 2020 noch weiter viele Ausbildungsplätze unbesetzt, die unsere Betriebe angeboten hatten. Laut BIBB sind 2020 allein im Handwerk knapp 18.600 Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben - das entspricht einem Anteil von 12,8 Prozent aller vom Handwerk angebotenen Ausbildungsplätze. Diese Zahlen machen deutlich: Wir müssen jetzt alles tun, um den Ausbildungsmarkt zu stabilisieren, damit sich die Corona-Krise nicht zu einer Ausbildungskrise und im Ergebnis einer Fachkräftekrise auswächst.
 
Haben viele Azubis in der Krise ihre Stellen verloren? Waren viele Azubis in Kurzarbeit?
Die meisten unserer Betriebe konnten die Ausbildung trotz aller Schwierigkeiten weiterführen. Auch mit den notwendigen Einschränkungen sind sie ihrer Verantwortung als Lernort nachgekommen. Das zeigen Erhebungen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie vom Bundesinstitut für Berufsbildung: Keiner der befragten Betriebe hat Auszubildende Corona-bedingt gekündigt. Mit 4 Prozent haben nur wenige der befragten Betriebe Kurzarbeit für ihre Auszubildenden angemeldet.
 
Haben umgekehrt die Unternehmen Probleme, ihre Stellen zu besetzen?
Durch die Pandemie ist es für Handwerksbetriebe erheblich schwieriger geworden, Ausbildungsplätze zu besetzen. Das liegt auch daran, dass Berufsorientierung in den Schulen oder Formate zur Kontaktaufnahme wie Ausbildungsmessen nur eingeschränkt stattfinden konnten oder ausfallen mussten. Auch Praktika, die häufig der Schlüssel in ein Ausbildungsverhältnis sind, waren kaum möglich. Jungen Menschen fehlt damit die Information über die beruflichen Möglichkeiten und Karriereperspektiven im Handwerk. Zudem ist bei vielen von ihnen Unsicherheit darüber entstanden, wie es um ihre Ausbildungschancen in der Pandemie bestellt ist. Viele warten erst einmal ab oder tendieren zu einem längeren Schulbesuch. Ein ähnliches Verhalten haben wir auch schon in vergangenen Krisen wie etwa der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gesehen. Der Ausbildungsmarkt hat sich im Nachgang der Finanzkrise nicht gänzlich wieder erholt.
 
Die Auszubildenden lernen unter erschwerten Bedingungen – Gibt es mehr Azubis, die wegen Corona ihren Abschluss nicht schaffen?
Es ist noch zu früh, um sagen zu können, ob sich die Corona-Pandemie negativ auf die Prüfungsergebnisse auswirkt. Unsere ausbildenden Betriebe wie auch die überbetrieblichen Bildungsstätten im Handwerk unternehmen alles ihnen Mögliche, um die Auszubildenden des aktuellen Abschlussjahrganges auf die Berufsprüfungen vorzubereiten. Die Prüfungsverantwortlichen der zuständigen Handwerkskammern und -innungen vor Ort haben auch die pandemiebedingten Herausforderungen bisher ohne größere Beeinträchtigungen bewältigt. Gesellen- und Abschlussprüfungen wurden – dort wo es möglich war - unter Berücksichtigung der Vorschriften zum Infektionsschutz durchgeführt.
 
Sehen Sie die Gefahr, dass die Azubis schlechter qualifiziert sind oder zumindest so wahrgenommen werden könnten?
Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass Auszubildende schlechter qualifiziert werden, denn in den meisten Betrieben kann unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsvorgaben weitergearbeitet und auch weiter ausgebildet werden. Dort, wo Betriebe und Ausbilder von Kontaktbeschränkungen betroffen sind, suchen sie im Sinne ihrer Azubis nach pragmatischen Lösungen, um diese Phase zu überbrücken. Da schalten sich beispielsweise Friseur-Ausbilder und Azubis über WhatsApp-Gruppen zusammen und tauschen sich über die Ergebnisse von Übungen an Übungsköpfen aus. Für unmittelbar vom Lockdown betroffene Betriebe ist es allerdings auch eine immense Herausforderung, trotz fehlender Aufträge die vorgesehenen Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Wir müssen junge Menschen daher bei ihrer Ausbildung – auch mit staatlich geförderten Maßnahmen - unterstützen: So sollten etwa verstärkt Prüfungsvorbereitungen angeboten und gefördert werden, damit der ausgefallende Berufsschulunterricht oder längere Unterbrechungen der betrieblichen Ausbildung aufgrund von Betriebsschließungen kompensiert werden können.
 
Welche Perspektiven haben diejenigen, die in der ersten Jahreshälfte 2021 mit der Schule fertig werden?
An den guten Zukunftsperspektiven, die sich für junge Menschen im Handwerk eröffnen, hat auch Corona nichts geändert. Der Fachkräftebedarf bleibt im Handwerk ganz sicher auch nach der Pandemie hoch, weil Handwerkerinnen und Handwerker in allen Zukunftsbereichen wie dem Klimaschutz, der Energie- und Mobilitätswende, bei SmartHome und E-Health gebraucht werden. Daher kann ich nur ermuntern, im Handwerk eine Ausbildung zu starten. Für unsere Betriebe steht die Ausbildung auch in Coronazeiten ganz oben auf der Agenda. Nach wie vor gibt es viele freie Ausbildungsplätze in allen Gewerken und Regionen. Schüler und Schülerinnen sollten sich daher frühzeitig bei der regionalen Agentur für Arbeit oder bei der regional zuständigen Handwerkskammer über das Angebot freier Ausbildungsplätze informieren. Die Handwerkskammern stehen auch für Beratungen zur Verfügung und bieten viele Formate der digitalen Berufsorientierung und Kontaktaufnahme zu den Betrieben an wie WhatsApp-Sprechstunden oder digitale Azubi-Speeddatings. Wichtig ist, dass Schülerinnen und Schüler auch im Homeschooling von der Vielfalt und den Chancen dualer handwerklicher Ausbildungsberufe erfahren: Deshalb dringen wir darauf, die Ausbildungsberater der Handwerkskammern und die Berufsberater der Arbeitsagenturen bei der Berufsorientierung im digitalen Unterricht mit einzubeziehen.
 
Arbeitsminister Hubertus Heil hat vergangene Woche angekündigt, dass er einen neuen Schutzschirm für Azubis will – was halten Sie davon?
Alle Instrumente, den Ausbildungsmarkt zu stabilisieren, sind willkommen und wichtig. Wir haben schon zu Beginn der Krise die Politik auf die damit verbundene Dringlichkeit hingewiesen, damit der Ausbildungsmarkt wegen der Krise keinen längerfristigen Schaden nimmt. Das im Juli vergangenen Jahres auch auf unser Drängen hin gestartete Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ war da ein richtiges Signal der Wertschätzung gerade für die kleinen und mittelgroßen Ausbildungsbetriebe des Handwerks. Angesichts der aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie muss der Ausbildungsmarkt aber unbedingt weiter gestützt werden. Das gilt insbesondere für von der Krise betroffene, aber eigentlich ausbildungswillige Kleinst- und Kleinbetriebe des Handwerks. Das Bundesprogramm sollte in diesem Sinne möglichst zügig weiterentwickelt werden.
 
Sehen Sie Versäumnisse seitens der Politik, wenn es um den Stellenwert von Auszubildenden in der Corona-Krise geht?
Die Bundesregierung hat die Auswirkungen für den Ausbildungsmarkt zwar in den Blick genommen und ihr bildungspolitisches Handeln bei der Gestaltung des Bundesprogramms „Ausbildungsplätze sichern“ war wichtig. Aber es bei Weitem noch nicht ausreichend, um die berufliche Bildung langfristig zu stärken, ihrer Bedeutung entsprechend zu fördern und Ausbildungsplätze zu sichern. Die Förderkriterien des Bundesprogrammes waren viel zu restriktiv, wenn es um den Bezug der Ausbildungsprämie ging. Deshalb haben davon bisher nur wenige Ausbildungsbetriebe wirklich profitiert. Mit Blick auf das kommende Ausbildungsjahr muss das Bundesprogramm zeitnah weiterentwickelt und dabei unbedingt entsprechend der Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr nachgebessert werden.

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