Weltweit

Vier Jahre unterwegs, unter anderem in Kanada, Neuseeland und Japan: Johanna Röh (30), heute selbstständige Tischlermeisterin und Restauratorin im Handwerk, zog aus Kassel in die Welt, um ihr Handwerk kennenzulernen. Frei nach dem Motto: Walz worldwide.

Foto: www.handwerk.de

Die Walz wirkt oft etwas angestaubt. Was hat sie mit Modernität zu tun?
Im Prinzip ist die Walz nichts anderes als work and travel. Die Kernidee ist Weltoffenheit. In gewisser Weise hat die Walz Trends wie die Internationalisierung und Globalisierung schon vorhergesehen. Diese Begriffe wurden auf Wanderschaft schon gelebt, bevor sie modern wurden.

Wie hat die Walz dich beruflich verändert?
Allein so viele unterschiedliche Betriebe kennenzulernen, hat mich beruflich wachsen lassen. Sich immer auf eine neue Denkweise einzulassen: Warum wird etwas gemacht? Wie funktioniert es? Dadurch habe ich ein großes Repertoire entwickelt an Vorstellungen und Ideen, wie ein Projekt verwirklicht werden kann. Und wie man improvisieren kann – auch mit wenigen Mitteln.

Und persönlich?
Als ich losgelaufen bin, war ich eine eher menschenscheue Person. Heute weiß ich, dass jeder neue Mensch, den ich treffe, ein potenzieller Freund sein kann.

Gibt es die eine prägendste Erfahrung von der Wanderschaft?
Den einen Moment gibt es da nicht. Es gibt auf verschiedenen Ebenen welche – mit Menschen, mit Natur, mit dem Austesten der eigenen Kräfte. Verschiedene Situationen, in denen ich über meinen Schatten springen und etwas dazulernen musste.

Gibt es dennoch eine Anekdote, die du gerne erzählst, wenn du das gefragt wirst?
Ich kann sagen, dass die Zeit in Japan am intensivsten war. Sie hat mich am meisten gefordert. Es fiel mir anfangs, aufgrund meiner westlichen Prägung, schon schwer, das System aus Lehrer und Lernendem zu verstehen – „Sensei“ und „Deshi“ –, diesen Austausch zuzulassen, der von Demut, gegenseitigem Respekt und viel Energie geprägt ist.

Hat die Walz dich auf deine Selbstständigkeit vorbereitet?
Auf jeden Fall. Vor der Wanderschaft habe ich nicht gedacht: Ich bleibe für immer im Handwerk und das ist das, was ich machen will. Ich habe eher geglaubt: Klar bin ich jetzt auf Wanderschaft, aber vielleicht studiere ich danach noch oder mache irgendwas anderes. Die Walz war für mich eine total verbindende Erfahrung: Danach war ganz klar, dass ich im Handwerk bleiben will. Dann habe ich mir auch zugetraut, selbstständig zu arbeiten, den Meister zu machen und die Fortbildung zur Restauratorin. Das alles hat sich plötzlich rund und richtig angefühlt.

Was bedeutet Modernität im Handwerk für dich?
Modernität heißt für mich, alle Wege zu gehen, die es gibt. Alle Möglichkeiten auszuschöpfen und kreativ zu denken. Ständig nach neuen Lösungen zu suchen.

Das Tischlerhandwerk gilt als vergleichsweise traditionell. Was ist trotzdem modern daran?
Der Werkstoff Holz ist zeitlos. Seit Jahrhunderten schaffen wir Dinge und Formen daraus. Welche Dinge und Formen, das hat sich verändert und ist ein ständiger Wandlungsprozess. Auch neue Techniken verändern natürlich das Gewerk.

Wie stehst du neuen Techniken und Apparaturen gegenüber?
Modernität heißt nicht Automatisierung. Ich gehöre nicht zu denen, die vorschnell von neuer Technik begeistert sind. Für mich wird es in dem Moment spannend, wenn ich alte und neue Techniken miteinander verbinden kann. Ich habe eine moderne Kreissäge, pflege mit gleicher Hingabe aber auch die Hobel, die ich aus Japan mitgebracht habe. Das zusammen fühlt sich für mich zukunftsweisend an. Nicht das blinde Vertrauen in die Maschine.

Was bedeutet das für dich als Handwerkerin?
Dass die kreative Arbeit beim Handwerker bleibt. Die CNCFräse wird mir nie den Arbeitsplatz wegnehmen. Ich bin flexibler, kreativer und vielseitiger.

Was ist das hartnäckigste Vorurteil gegenüber dem Handwerk?
Vorurteile gegenüber dem Handwerk bekomme ich gar nicht so mit. Höchstens Vorurteile gegenüber Frauen im Handwerk.

Erzähl!
Was ich oft zu hören bekomme, ist, dass Frauen nicht so schwer heben können. Dabei geht es ja vielmehr um Technik. Seit ich nicht mehr in der Kluft unterwegs bin und reise, halten mich Leute auch wieder für die Auszubildende – solange sie meine Arbeit noch nicht kennen.

Was gefällt dir an der Kampagne des Handwerks im Jahr 2019, und was hat dich bewogen,Kampagnenbotschafterin zu werden?

Mir ist es wichtig, junge Menschen wieder für das Handwerk zu begeistern und ihnen zu zeigen, was das auch für eine Erfüllung bedeuten kann. Die Wanderschaft und das Reisen sind eine unglaublich tolle Möglichkeit, die ich so nirgendwo anders sehe. Es wäre toll, wenn sich junge Leute dafür interessieren oder zumindest schon mal davon gehört haben.

Foto: www.handwerk.de/Johanna Röh
Die Walz (auch Wanderjahre, Tippelei oder Gesellenwanderung genannt) bezeichnet die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellinnen und Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit. Seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung war die Walz Voraussetzung, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden.
Foto: www.handwerk.de/Johanna Röh
"Im Prinzip ist die Walz nichts anderes als work and travel. Die Kernidee ist Weltoffenheit."
Foto: www.handwerk.de
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"Die Walz war für mich eine total verbindende Erfahrung: Danach war ganz klar, dass ich im Handwerk bleiben will."
Foto: www.handwerk.de

Dieses Interview erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2018/2019.


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