Vom Stolz, eine Töpferin zu sein

In ihrer Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe setzt Leiterin Young-Jae Lee auf eine Formensprache, die die Gestaltungsideen der westlichen Moderne mit denen ihrer koreanischen Wurzeln perfekt in Einklang zu bringen versteht. Eine Frauenquote braucht ihr Betrieb nicht – vier der fünf festen Mitarbeiter sind weiblich.

Zwei Frauen mit Brillen und schmutzigen Schürzen besprechen Notizen auf einem Zettel.
Shoko Ishioka und Daniela Glattki schätzen den Zusammenhalt und den Austausch, den die Werkstatt bietet: Man arbeitet Hand in Hand, hat gleichzeitig aber auch genügend Raum, um für sich zu sein.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz

Die beiden flachen, langgestreckten Gebäude sind schlicht, ja beinahe unscheinbar. An der Tür ein einfaches Schild: Keramische Werkstatt Margaretenhöhe. Das Innere: ebenso unprätentiös. Und doch geht von den Räumlichkeiten in den vorwiegend monochromen Farben ein eigener Zauber aus.

In der Werkstatt herrscht eine konzentrierte, aber gelöste Arbeitsatmosphäre. Von der beachtlichen Produktion zeugen nicht nur die Arbeitsplätze mit den Töpferscheiben, sondern vor allem die großen Regale, auf denen sich teils bis zum Giebel unzählige Teller, Becher, Schüsseln und Platten stapeln – Geschirrteile in den unterschiedlichen Stadien vom Trocknen bis zum fertigen Brand. Aber auch Buchhaltung, Organisation von Messebesuchen oder die Betreuung von Auszubildenden gehören zum Arbeitsalltag des festen Teams von Werkstattleiterin Young-Jae Lee, Keramikmeisterin Daniela Glattki, Töpferin Shoko Ishioka, Geselle Michael Schmandt und Buchhalterin Claudia Prien. Zudem werden studentische Aushilfen wie aktuell der angehende Kunsthistoriker Matthäus Hermeth beschäftigt. Im Gebäude nebenan, zu dem man durch einen kleinen Streifen idyllischen, verwilderten Gartens gelangt, befinden sich die Ausstellung, in der Kunden alle Geschirrteile ansehen und auswählen können, und das Lager, von dem aus die fertig verpackten Waren in alle Welt verschickt werden.

"Kultur-Erbinnen"


Die Werkstattgebäude liegen etwas abseits und versteckt auf dem Gelände des UNESCO-Weltkulturerbes "Zeche Zollverein" in Essen, welches dem Strukturwandel mit der Formel "Kultur statt Kohle" ein prägnantes Gesicht verliehen hat. Doch die Keramiker, quasi Pioniere dieser Entwicklung, waren schon zuvor vor Ort. Hervorgegangen aus einer Gründung von Krupp, war der Betrieb jahrzehntelang Teil der Bergbautradition des Ruhrgebiets, zuletzt als "Konzerntochter" der Ruhrkohle-AG. 1932 erfolgte erstmals die Eintragung in die Handwerksrolle der Handwerkskammer, 1933 der Umzug aus der Siedlung Margarethenhöhe auf das Zechengelände. Aber es sollte noch bis 2006 dauern, bis die Töpferei ein eigenständiges Handwerksunternehmen wurde, mit der Keramikerin Young-Jae Lee als Geschäftsführerin an der Spitze.

Lee, geboren 1951 in Seoul, kam 1972 nach Deutschland, wo sie in Wiesbaden Keramik und Formgestaltung studierte und ab 1978 eine eigene Werkstatt in Sandhausen unterhielt. Fasziniert vom Bauhaus-Gedanken, fand sie zu einer Formensprache, die die Gestaltungsideen der westlichen Moderne mit den koreanischen Wurzeln perfekt in Einklang zu bringen versteht. Obwohl die 68-Jährige sich bis heute als Töpferin sieht, wurden die von ihr geschaffenen Gefäße früh auch künstlerisch stark beachtet und sind in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Auch geistliche Orte wie zum Beispiel die Kirche Sankt Peter in Köln oder das Dommuseum in Hildesheim sind Schauplätze ihrer Installationen.

Alltagstaugliche Meisterstücke


Die Leitung der "Margaretenhöhe" hat Lee bereits 1986, zunächst gemeinsam mit Hildegard Eggemann, übernommen. Aus dieser Zeit stammt auch die Geschirrserie, die seither nahezu unverändert produziert wird. Mit seinem besonderen Formen- und Farbenkanon ist das Manufaktur-Geschirr, das Lee zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Claudia Neumann entwickelte, erstaunlich "alltagstauglich". Seine Schlichtheit schließt wiederum nicht aus, dass prominente Persönlichkeiten, darunter viele Künstler, aber auch französische Sterne-Restaurants, zum Kundenkreis der Essener Werkstatt gehören. Damit ist es nicht nur die Grundlage der wirtschaftlichen Existenz, sondern entspricht auch voll und ganz der hier vertretenen Auffassung des handwerklichen Arbeitens: Für das westliche Kunstverständnis ungewohnt, streben die Keramikerinnen der Margaretenhöhe weniger nach Originalität, sondern danach, in der behutsamen Abwandlung der immer gleichen Grundformen Meisterschaft zu erlangen.

Und auch bei ihren "Meisterstücken" scheint Young-Jae Lee vermeintliche Gegensätze zwischen Kunst und Handwerk, westlicher oder asiatischer Tradition mühelos zu überwinden. Ein gutes Beispiel dafür sind ihre Spindelvasen, abgeleitet von der Kugelform koreanischer Vorratsbehältnisse. Eine leichte Veränderung der Proportionen, ein feiner, umlaufender Grat, eine seidig-zarte Glasur – und die Doppelform wirkt plötzlich ungewöhnlich, modern, zeitlos. Obwohl form-vollendet, ist diese Keramik ausdrücklich zum Gebrauch bestimmt.

Die Regeln der Kunst


Shoko Ishioka wiegt konzentriert die verschiedenen Bestandteile einer Glasur ab. Natürlich bestehen auch diese Rezepturen, getreu der Werkstatt-Maxime, unverändert fort. Auf den Außenstehenden wirkt die Farbgebung wie Zauberei – wenn etwa der rötliche eisenoxidhaltige Auftrag im Ergebnis eine tiefschwarze Farbe hervorbringt. Ob die Japanerin erläutert, die sechs Grundfarben des Geschirrs von Weiß über helle und dunkle Grün- und Rosttöne seien vergleichbar mit unterschiedlichen "Charakteren", oder demonstriert, wie sie die Geschirrteile mit Hilfe einer japanischen Zange in einem festen Bewegungsablauf in die Glasur-Flüssigkeit eintaucht – wieder kommt ganz selbstverständlich die Symbiose von Praxisorientierung und tiefem Verständnis zum Ausdruck.

Die Keramikerin blättert in einem Stapel eng beschriebener Papierbögen – hier sind alle Protokolle der über 800 Brände seit Inbetriebnahme des Ofens 2001 festgehalten. Die Geschirr-Kollektion wird im Gasofen gebrannt, der dafür 8 bis 9 Stunden in Gang gehalten werden muss. Sorgfältig ist dabei die Temperatur im Auge zu behalten – sie darf nicht zu schnell steigen. Bei 573 Grad erfolgt der sogenannte "Quarzsprung", die Glasuren werden bei bis zu 1300 Grad in reduzierender Atmosphäre gebrannt. Schmale Holzscheite liegen übrigens ebenfalls bereit, da Young-Jae Lee einige ihrer Einzelstücke im Holzofen brennt. Beim Brennen mit Holz ist die Temperatur schwerer zu kontrollieren, es erlaubt aber auch besondere Effekte, wie den "Anflug" von Asche, der sich als unregelmäßige dunkle Einsprengsel oder Flecken auf der Glasur niederschlägt.

Das Grundmaterial, mit dem alle Töpfer hier arbeiten, ist Westerwälder Steinzeugton, teilweise mit etwas eisenhaltigem Ton, teilweise mit Porzellan gemischt (bei Lee). Damit später keine Luftblasen entstehen, wird der Ton durch Kneten "arbeitsfähig" gemacht und bis zur Verarbeitung feucht gehalten. Jede der großen Kisten, die 250 kg fassen, ist namentlich beschriftet. Ishioka erklärt, in Japan heiße es, der Lehrling müsse erst einmal 10 Jahre den Ton schlagen lernen. Aber das sei "vielleicht ein bisschen übertrieben", kommentiert sie mit einem spitzbübischen Lächeln. Die Keramikerin mit ihrem improvisierten, aus einem rosa Handtuch gebundenen "Schal" ("ist zu meinem Markenzeichen geworden") wirkt fröhlich und zugewandt, wie sie leichthin über die Elemente ihrer Töpferkunst spricht. Alle Mitarbeiter sind ernsthaft bei der Sache – ohne dabei die eigene Person zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Wer hier arbeitet, nimmt in Kauf, dass seine Urheberschaft hinter dem Label "Margaretenhöhe" zurücktritt; ein großes Ego wäre da eher hinderlich.

Der richtige Ton

Keramikmeisterin Daniela Glattki hat gerade einen Strang Ton mit dem langen Draht zerteilt und lässt an der Töpferscheibe kleine Schalen aus ihren Händen erstehen. Glattki und Ishioka wechseln sich bei den Arbeitsphasen ab. Auf zwei bis drei Monate Drehen folgt eine andere Tätigkeit; so verhindert man zu große Routine. Immer wieder zu diskutieren, den andern darauf aufmerksam zu machen, wenn er zu schnell vorgeht oder abgelenkt ist, sei enorm wichtig, da sind sich die Frauen einig. Denn mit welchen Gedanken und Gefühlen die Töpferin bei der Arbeit ist, wirke sich immer auf das Ergebnis aus. Die Werkstattgemeinschaft, so Glattki, gebe auch die Freiheit, sich in dem Moment auf eine Arbeit zu konzentrieren. Die Töpferinnen sehen es fast als eine geistige Disziplin, sich voll und ganz dem Vorgang des Drehens zu widmen...

Einer, der sich ebenfalls bestens darauf versteht, ist Michael Schmandt, seit 45 Jahren dabei – erst als Auszubildender, dann als Geselle. So zurückhaltend der erfahrene Töpfer sich am Arbeitsplatz bewegt, so sprechend sind die Schalen und Vasen, die er an der Scheibe kraftvoll mit seinen Händen formt: durchweg große, dabei erstaunlich symmetrische Objekte. Auch der Laie ahnt, wie viel Können es braucht, um sie in solcher Qualität zu drehen. Die Auszubildenden der Werkstatt befinden sich noch am Anfang des Weges, der sie womöglich zu eben solcher Meisterschaft führen wird. Über die unterschiedlichen Zustände und Trocknungsphasen des Tons wissen Lisa und Max (2. bzw. 1. Lehrjahr) jedenfalls schon bestens Bescheid. Ausbildungsleiterin Glattki begutachtet zwischendurch, wie ihrem Lehrling die Zylinderform der Vasen gelungen ist und gibt Tipps.

Das gesamte Team nimmt Anteil an den Fortschritten des Nachwuchses – und so viel Begeisterung spricht sich offenbar herum; der Name Young-Jae Lee tut sein Übriges: Lynn, die im Frühjahr ihre Lehre hier begann, studierte beispielsweise in Dresden Bildende Kunst, bevor sie der Keramiker-Ausbildung den Vorzug gab. Im Frühjahr 2019 konnte sie unmittelbar nach einem Praktikum ihre Lehre beginnen. Seit sechs Jahren bildet die "Keramische Werkstatt Margaretenhöhe" wieder aus – stolz, als letzter Ausbildungsbetrieb im Töpferhandwerk in der Region einen Beitrag zur Erhaltung dieses klassischen Handwerks zu leisten. So wird wohl auf dem Boden der Welterbe-Stätte Zollverein auch weiterhin (im)materielles Kulturgut hergestellt werden.

Blick auf eine Keramik-Ausstellungsfläche, die Mitarbeiter/innen im Vordergrund.
Dieser Betrieb braucht keine Frauenquote – vier der fünf festen Mitarbeiter sind weiblich. (v.l.) Lisa, Lynn, Michael Schmandt, Max, Shoko Ishioka, Matthäus Hermeth, Daniela Glattki, Claudia Prien.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Eine Hand töpfert ein rundes Gefäß.
Durch Experimentieren vervollkommnen die Mitarbeiter nicht nur die Glasuren, sondern entwickeln auch eine Farbskala in zurückhaltenden, doch charakteristischen Tönen sowie matten und glänzenden Oberflächen.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Lagerhalle einer keramischen Werkstatt; in den Regalen verschiedene keramische Modelle und Gefäße.
Die ehemaligen Lagerhallen, die heute die Keramische Werkstatt Margaretenhöhe beherbergen, sind auf dem Lageplan des Weltkulturerbes unter der profanen Bezeichnung "Baulager" zu finden.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Asiatisch aussehende Frau mit Brille begutachtet getöpferte runde Gefäße.
Leiterin Young-Jae Lee kam in den 70er Jahren nach Deutschland und richtete ihr Augenmerk in ihrer Keramikwerkstatt unter anderem auf die Glasurtechnik.
Foto: Haydar Koyupinar
Asiatisch aussehende Keramikerin mit Brille bei der Arbeit.
Mitarbeiterin Shoko Ishioka hat die besondere Arbeitsweise der Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe verinnerlicht.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz

Diese Story erschien zuerst im Geschäftsbericht "Werkstatt 2019" der Handwerkskammer Düsseldorf mit dem Schwerpunktthema "In Frauenhand".


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