Keine Kompromisse


Niemand hat Christina Pech und Jule Kürschner den roten Teppich ausgerollt – den Meisterbrief haben sie sich im früheren Männerberuf Tischler hart erarbeitet. Heute führen sie ihre Frauen-Werkstatt anders – und bestehen genau deswegen gegenüber der Konkurrenz. Der Meisterbrief war dabei für die beiden Handwerkerinnen ein Weckruf.

Foto: ZDH/Werner Schüring
78.000 von 364.000 Lehrlingen im Handwerk sind weiblich. Jede fünfte Meisterprüfung legt eine Frau ab. Jede vierte Gründung im Handwerk erfolgt durch eine Frau.

Man kann natürlich sicher sein, dass Mitarbeiter kontrolliert werden müssen, weil sie sonst lieber im Lieferwagen faulenzen, statt stracks in die Werkstatt zurückzukommen. Man kann auch in 80.000-Euro-Küchen – da, wo es nicht auffällt – Spanplatten verbauen. Man kann für jemanden, der neun Wohnungen als Renditeobjekte kauft, neunmal identische Einbaumöbel planen und einpassen. Man kann derlei aber auch lassen. Konkret: Frau.

Und sie können es nicht nur. Sie lassen es wirklich. Christina Pech und Jule Kürschner, Tischlermeisterinnen und Chefinnen der Tischleria GmbH. Sie lassen es, weil sie sicher sind, dass Handwerk auch Kopfwerk ist und Seelenwerk und Herzwerk. Zusammengenommen: Überzeugungswerk

Ihre Überzeugungen haben sich mit der Zeit eingestellt. Die sind ja nicht gleich von Anfang an da. Beide sind ja auch nicht immer selbstständig gewesen. Beide wussten auch als Kinder noch nicht, dass sie einmal Tischlerin sein wollten und Meisterin. Alles ist ihnen, nach und nach, zugewachsen. So wie die Gewissheit, was ihnen wichtig ist, in der Arbeit und im Leben.

„Dass man Sachen macht, weil man sie machen will“, sagt Jule Kürschner. „Dass dieser Beruf mir Spaß macht und dass ich das weitergeben will“, sagt Christina Pech.

Klingt sehr klar. Klingt auch einfacher, als es ist. Nein: war. Ohne Meisterbrief darf frau nicht alles tun, was sie will, im Tischlerfach. Und ausbilden schon mal gar nicht. Also ein Jahr Meisterschule für Christina Pech, Vollzeit. Drei Jahre für Jule Kürschner, neben und vor und zwischen und nach der Arbeit.

„Der Brief“, sagt Christina Pech, „ist ein Prestigeobjekt – eigentlich.“ Dafür sind die beiden Zertifikate, fein gerahmt, sehr uneitel platziert, hoch oben an der Wand im Büro-Küche-Essraum neben der Werkstatt. „Ist fürs Selbstwertgefühl“, sagt Jule Kürschner. „Außerdem hab ich auf der Meisterschule nicht nur fachlich dazugelernt. Vor allem hab ich ein Gefühl fürs wirtschaftliche Arbeiten gekriegt.“

Vielleicht ist das ein Frauen-Ding. Nicht nur zu wissen, dass die Arbeit gut ist, richtig gut. Sondern dafür auch den angemessenen Preis anzusetzen. Und dann wirklich zu verlangen. Den eigenen Wert also nicht nur zu kennen, sondern ihn auch auf die Rechnung zu setzen. Ohne Kompromisse. Musste frau hier lernen. Und üben. Funktioniert jetzt sehr gut.

Die ganze Tischleria funktioniert. Nur anders als andere Tischlereien. Reiner Frauenbetrieb – zwei Meisterinnen, drei Gesellinnen, zwei Lehrlinge, zwei Hündinnen. Auf den Baustellen fallen sie auf. „Weil wir“, sagt Christina Pech, „entspannter sind und ruhiger. Bei uns wird nicht gebrüllt.“ „Weil wir“, sagt Jule Kürschner, „achtsam miteinander umgehen. Unsere Mitarbeiterinnen singen sogar schon mal bei der Arbeit.“

Das bedeutet nicht, die Tischlerinnen-Arbeit wäre nicht hart. Manchmal sehr. Als die Meisterinnen „ein Projekt unterschätzt“ hatten und zwei der Gesellinnen vier Stunden lang Holzteile vier Stockwerke hochschleppen mussten. Mit einem „Wow, das war krass!“ kamen sie in die Werkstatt zurück. Und einem „Wir haben’s trotzdem geschafft!“ hinterher. Die Meisterinnen machen sich trotzdem noch immer Vorwürfe. Weil es, auch wenn sie die Verantwortung tragen, in ihrem Betrieb gerecht zugehen soll.

Wo sonst putzen freitags ab vier alle die Werkstatt? Wo sonst wird gemeinsam gefrühstückt, täglich Mittagessen gekocht? Wo sonst befinden die Chefs: „Meine Arbeitszeit ist nicht wertvoller als die der Lehrlinge“? „Die halten mir den Rücken frei“, sagt Jule Kürschner, „kreativ zu sein beim Planen. Dafür haben sie dann die Freude, kreativ arbeiten zu lernen.“

Vielleicht geht das alles wirklich nur in Berlin, wo im alten Westen die kollektiven Strukturen miterfunden worden sind. Vielleicht braucht es aber auch einfach nur zwei, die die Meister-Tradition für sich neu denken und leben wollten?

„Werte, Wissen und Erfahrung“ – das wollen Christina Pech und Jule Kürschner ihren Lehrlingen und Gesellinnen mitgeben. Sie haben Meister erlebt, die ihr Wissen eifersüchtig hüten. Sie halten nichts zurück, nichts Fachliches, nichts, was das soziale und menschliche Können schult und entwickelt. Zurück kriegen sie, sagt Jule Kürschner, „den kritischen Geist und den anderen Blick, den junge Leute haben“. Wer außer ihr sagt „Toll, dass ich ausbilden darf“ – und meint es auch so?

Und nein, die Tischleria ist nicht das Paradies. Auch weil die Werkstatt im Neuköllner Hinterhof einem Wohnhaus weichen soll, auch weil die Mieten in Berlin explodieren und sie noch nichts Neues haben. Auch weil Kunden manchmal nicht zahlen. Auch weil nicht jede Arbeit der Kreativ-Hammer ist. „Obwohl“, sagt Jule Kürschner, „es ist auch toll, vier Tage Fußleisten zu verlegen, und die Gehrung passt in jeder Ecke perfekt.“

Für Besucher klingt das schon nach Traum. „Ein bisschen vielleicht… für die Mitarbeiterinnen.“ Und die Meisterinnen? Haben das unschätzbare Glück, sicher zu sein, „dass man aus allem was Schönes machen kann“.

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Ab Januar 2018 haben die Tischlerinnen der Tischleria ihre Werkstatt im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg.
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Meisterinnen, Gesellinnen und Lehrlinge gehen achtsam miteinander um.
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In der "Tischleria" fertigen die Tischlermeisterinnen Spitzenprodukte ganz von Frauenhand: typisch "made in Germany".

Text: ZDH/Cornelie Barthelme

Dieser Artikel erschien zuerst im Jahresbericht 2016.

 

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