Interkulturelle Kompetenz: Erfolgsschlüssel der Flüchtlingsintegration beim Gerüstbauer

Er hat sich früh klargemacht, was globale Prozesse für sein Spezialgerüstbau-Unternehmen bedeuten, und daraus seine Schlüsse gezogen. Heute arbeiten acht einstige Geflüchtete für Frank Schimmer und seine Frau.

Foto: Joachim Michels

Er sei, sagt Frank Schimmer, anfangs einer der Jüngsten in der Branche gewesen. Tatsächlich ist der 54 Jahre alte Gerüstbau-Unternehmer aus Darmstadt schon seit dreieinhalb Jahrzehnten im Geschäft. Eigentlich, das räumt er freimütig ein, habe er ja Biologe werden wollen. Aber dann sei sein Vater früh verstorben, und Frank Schimmer musste im Familienunternehmen mit anpacken. Und das tat er so erfolgreich, dass die Gerüstbau Fr. Schimmer GmbH in diesem Jahr ihr 150. Firmenjubiläum feiert. Es läuft gut für die 55 Angestellten und rund 15 Nachunternehmer. Das liegt entscheidend daran, dass der Chef einer von der Sorte ist, die sich von Anfang an stets gefragt haben, wo es in der Branche hingeht und was gesellschaftliche Herausforderungen für seine Firma konkret bedeuten.

 

Dazugelernt haben alle Seiten – altgediente wie neue Mitarbeiter


Frank Schimmer und seine Frau haben schon vor Jahren – noch vor dem sogenannten Flüchtlingssommer 2015 – angefangen, darüber nachzudenken, was die Folgen der globalen Umwälzungen sein könnten. Frau Schimmer ist Soziologin, sie versteht also etwas von politischen und gesellschaftlichen Prozessen. Ihre Analyse lautete: Wenn wir im Gerüstbau immer weniger Bewerbungen von jungen Schulabgängern bekommen und unsere Herausforderungen mit den älteren Angestellten wachsen – warum versuchen wir es nicht mal mit Asylbewerbern? Schimmer Gerüstbau hat es versucht. Und es ist so gekommen, wie Frank Schimmers Ehefrau es vorausgesehen hatte: Es war eine Herausforderung für das gesamte Unternehmen. Sowohl die altgedienten Mitarbeiter als auch die neu Hinzugekommenen mussten dazulernen – „ein gutes Stück auf beiden Seiten“, beschreibt Frank Schimmer die gemeinsamen Erfahrungen. Das sozialwissenschaftliche Fachwort lautet „interkulturelle Kompetenz“. Es klingt abstrakt, wird im Alltag aber konkret. Gerade auf dem Bau, wo eine unverstellte Sprache gesprochen wird, wo es eingeübte Hierarchien und strenge Sicherheitsauflagen gibt, muss die Zusammenarbeit stimmen. „Bei einigen unter den Neuen hat es überhaupt nicht funktioniert, andere aber sind heute einfach geschätzte Mitarbeiter. Die wollen wir gar nicht mehr missen“, fasst Frank Schimmer die Erfahrungen der zurückliegenden Jahre zusammen. Heute arbeiten sieben Mitarbeiter mit Flüchtlingsbiografie im Unternehmen, überwiegend kommen sie aus Eritrea.

 

"Was meine Leute leisten – davor ziehe ich den Hut"

Gerüstbauer ist ein harter Job. Man braucht viel Kraft, gutes räumliches Vorstellungsvermögen, Ausdauer. Oft sind die Baustellen weit weg und abgelegen – da braucht es Teamgeist. „Wir haben uns früh um Seiteneinsteiger gekümmert, auch um Leute ohne Abschluss“, blickt Frank Schimmer zurück. Ihm ist wichtig zu erwähnen, dass sein Führungsstil nicht autoritär ist, sondern „eher situativ“. Dass das gut klappt, erkennt man an den herausfordernden Projekten, für die Schimmer Spezialgerüstbau gebucht wurde und wird. Ob es um den prestigeträchtigen Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt geht, um die herausfordernde Marktkirche St. Gangolf in Trier oder einenlogistisch aufwendigen Stadionbau in Doha – „die Herausforderung liegt in der Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen“, sagt Frank Schimmer. „Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wir können planen und berechnen, soviel wir wollen. Aber wenn irgendwo eine Kupplung vergessen wird, geht das in die Hose.“ Die meiste Verantwortung hat der jeweilige Kolonnenführer auf dem Bau. „Der muss es umsetzen, egal wie viel Stress er gerade hat, und zwar mit Leuten, die Deutsch können, und auch mit denen, die es noch nicht so gut sprechen. Was meine Leute leisten – davor ziehe ich den Hut.“

Wie gut die Zusammenarbeit funktioniert, zeigt sich bei Schimmer jeden Tag. „Es geht hier letztlich um ganz normale Regeln menschlichen Zusammenlebens. Es muss aus dem Herzen kommen; das ist keine Frage des Bildungsabschlusses.“ Wie schon zuvor beim Thema Mitarbeitergewinnung hat Frank Schimmer auch die technologische Zukunft der Branche im Blick. „Wir wehren uns nicht gegen Änderungen, sondern bringen uns aktiv ein.“ Gerade baut Schimmer GmbH intern ein technisches Büro mit eigenen Statikern auf. BIM, Building Information Modeling, lautet das Codewort für die Zukunft; es geht um die gewerkeübergreifende dreidimensionale Darstellung von Gebäuden, um Teamarbeit im modernsten Sinne. „Wir sind sogenannte early follower, frühe Nachahmer“, umreißt er seine Pläne. Auch dafür braucht die Branche natürlich Nachwuchs. Frank Schimmer gehört zu denen, die stets schon heute das Morgen im Blick haben.

Foto: Joachim Michels
Foto: Joachim Michels
Foto: Joachim Michels

Diese Handwerk-Story ist erstmals im ZDH-Jahrbuch 2020 erschienen.

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