Herzlich willkommen, ... Neuanfang!

Die Lebensgeschichte von Dyala Bakir liest sich wie ein Abenteuerroman. Und das, obwohl sie gerade einmal 23 Jahre alt ist. 1996 wurde sie in der syrischen Hauptstadt Damaskus geboren. Die politischen Verhältnisse in diesen Jahren waren stabil, und es herrschte ein relativer wirtschaftlicher Wohlstand.

Eine junge Frau mit Kopftuch arbeitet an einer Kieferprothese/-modell.
Dyala Bakir ist im 3. Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Zahntechnikerin. Sie hat den Ehrgeiz, betriebliche Ausbildung, Berufsschule und dazu noch den Erwerb der Fachhochschulreife unter einen Hut zu bekommen.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz

Dyala Bakir wächst in einer heilen Welt auf. Ihr Vater, ein gelernter Karosseriebauer, ist als selbstständiger Unternehmer im Autohandel tätig. Sie selbst besucht das Gymnasium und träumt davon, nach dem Abitur Zahnmedizin zu studieren. Doch dann beginnen im Jahr 2011 die Unruhen, die sich schon bald zu einem Bürgerkrieg auswachsen, der das ganze Land in einen Strudel von Gewalt und Chaos zieht. Dyala ist 16 Jahre alt und besucht mittlerweile die 11. Klasse, als sie die ersten Erfahrungen mit dem Krieg macht. Tote auf der Straße sind in ihrem Umfeld keine Seltenheit mehr. Durch einen Umzug in ein anderes Stadtviertel und einen Schulwechsel versucht die Familie, den Unruhen und der Gefahr auszuweichen. Erfolglos. Als die Gewalt immer weiter zunimmt und man um sein Leben fürchten muss, trifft die Familie schließlich die Entscheidung, das Land zu verlassen. Ein Entschluss, der schwerfällt, weil man Verwandte und Freunde und all das, was man in den letzten Jahren aufgebaut hat, zurücklassen muss.

Die Flucht beginnt. Mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder findet Dyala Bakir Platz in einem Bus, der sie über Jordanien und Ägypten nach Libyen bringt. Fünf Tage dauert diese Reise, die in der Rückschau nur die erste Etappe einer sehr viel längeren Flucht sein wird. 19 Monate wird sich die Familie in Libyen aufhalten. Schon bald merkt sie allerdings, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen ist. Auch hier herrscht Bürgerkrieg, und Dyala Bakir empfindet ihre Lebensumstände schlimmer als in der Heimat, wo sie wenigstens zu Hause war. Sie, die so wissbegierig ist, kann keine Schule besuchen, darf ihre Unterkunft nicht verlassen und langweilt sich nur. Einfach eine schlechte Zeit für das junge Mädchen.

Etappen der Flucht nach Europa


Schon bald ist der Familie klar, dass sie in diesem Land auf Dauer nicht bleiben kann. Mögliche Alternativen werden überlegt, besprochen und wieder verworfen. Vor allem Ägypten und Tunesien als unmittelbare Nachbarländer Libyens schließen die Eltern für sich und ihre Kinder als Zielort aus. So bleibt am Ende nur Europa und damit die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer mit allen damit verbundenen Risiken und Gefahren. Auf einem kleinen Boot, das mit 300 Menschen heillos überladen ist, verlässt die Familie im September 2014 Nordafrika. Ohne Kapitän oder Mannschaft werden die Flüchtlinge sich selbst überlassen. Mit in See stechen zwei weitere Flüchtlingsboote – die Europa jedoch nie erreichen werden. Während Dyala Bakir die Augen verbirgt, um das Schreckliche nicht sehen zu müssen, erlebt ihr Vater, wie die anderen Boote Leck schlagen, Wasser eindringt, diese zurückfallen und schließlich sinken. 18 Stunden dauert die Überfahrt, auf der das junge Mädchen schreckliche Ängste ausstehen muss, die sie bis heute noch nicht ganz überwunden hat. So ist es ihr immer noch unmöglich, ein Schwimmbad zu besuchen. Zu sehr werden hierdurch die schlimmen Erinnerungen wieder wach gerufen.

Familie Bakir hat jedoch Glück und betritt in Catania erstmals europäischen Boden. In Italien will man aber nicht bleiben. Deutschland ist das Ziel. Ein Land, von dem man viel Gutes gehört hat. Dort soll es nette Menschen geben, eine florierende Wirtschaft und ein funktionierendes Sozialsystem. Mit dem Zug geht es deshalb nach München, der ersten Station der Familie in Deutschland. Nachdem die ersten Formalitäten unproblematisch gelöst werden können, findet Dyala Bakir schnell einen Platz in einem Integrationskurs. Ohne Vorkenntnisse macht sie sich daran, die "Sprache Goethes und Schillers" zu erlernen. Deutsch sei eine schwere Sprache, sagt sie, aber mittlerweile gehe es. Und wie es geht! Schon nach vier Monaten erreicht sie das Sprachniveau B 1 und würde am liebsten wieder, wie in Syrien, ein Gymnasium besuchen. Doch leider lässt sich dieser Wunsch vorerst nicht realisieren. Als weiteres Problem stellt sich – nicht überraschend für München – die Wohnungssuche heraus. Deshalb entschließt sich die Familie nach eineinhalb Jahren erneut zu einem Ortswechsel und sucht im Internet nach einer Stadt mit bezahlbarem Wohnraum, einem normalem Preisniveau und freien Arbeitsstellen. Die Wahl fällt auf Wuppertal.

Neue Chance: duale Ausbildung


Einen Plan B braucht Dyala Bakir auch im Hinblick auf ihre eigene Zukunft, nachdem sich ihre Schulpläne erst einmal zerschlagen haben. Sie arbeitet weiter an ihren Deutschkenntnissen und belegt einen Kurs zum Erwerb des Sprachniveaus B 2. In diesem Kurs hört sie erstmals von einem alternativen Bildungsweg, der ihr bis dahin völlig unbekannt war: einer dualen Ausbildung. Im Netz informiert sie sich über diese für sie neue Möglichkeit und recherchiert nicht nur infrage kommende Ausbildungsbetriebe, sondern auch Angebote, um weitere Qualifikationen erwerben zu können. Schnell ist klar, dass die Zahntechnik der richtige Beruf für sie sein könnte, der doch eng verwandt ist mit ihrem großen Traum, der Zahnmedizin. Ein Traum, den sie auch in Deutschland nicht aus den Augen verloren hat. Deshalb will die junge Frau mehr und entdeckt die zusätzliche Option für sich, parallel zur Ausbildung die Fachhochschulreife zu erwerben. Ein erstes Betriebspraktikum bestärkt sie darin, dass diese Lehre der richtige Weg für sie ist. Nach einer intensiven Internetrecherche macht sie sich deshalb auf die Suche nach einer Lehrstelle im Zahntechnikerhandwerk. Diese erweist sich schwieriger als gedacht. Weil die junge Syrerin ein Kopftuch trägt, enden die ersten Bewerbungsgespräche mit einer Enttäuschung.

Doch Dyala Bakir lässt sich davon nicht entmutigen, sucht weiter und findet Adem Metin, der das zahntechnische Meisterlabor noaDent betreibt. Für den jungen Zahntechnikermeister mit türkisch-deutschen Wurzeln stellt das Kopftuch kein Problem dar. Er findet es schade, wenn so etwas für Kollegen ein Ausschlusskriterium ist. Wichtiger sind für ihn: eine gewisse Geschicklichkeit für den Beruf, Engagement, Teamfähigkeit und natürlich die Beherrschung der deutschen Sprache. All diese Anforderungen habe Dyala Bakir, so Adem Metin, voll und ganz erfüllt, so dass er sie sofort eingestellt habe. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut hat. Mittlerweile ist seine junge Auszubildende im dritten Lehrjahr und hat alle bisherigen Herausforderungen mit Bravour bestanden. In Theorie und Praxis bewegen sich ihre Noten eher im Einser- als im Zweier-Bereich. Aufgrund der guten Erfahrungen hat Adem Metin mittlerweile einen zweiten syrischen Auszubildenden und einen ebenfalls aus Syrien stammenden Gesellen eingestellt. "Dieser multikulturelle Ansatz tut meinem Betrieb gut und ist ein Lösungsansatz für das Fachkräfteproblem im Zahntechnikerhandwerk", ist Adem Metin überzeugt

Note: hundertprozentig zufrieden


Aber nicht nur der Chef, auch Dyala Bakir ist hundertprozentig zufrieden mit ihrer Ausbildung. Das praktische Arbeiten macht ihr Spaß und sie hat den Ehrgeiz, ihre handwerklichen Fertigkeiten immer weiter zu verbessern. In ihrem Ausbildungsbetrieb fühlt sie sich wohl. Alle sind nett zu ihr und helfen ihr, wenn sie Fragen hat. Ihrem Chef ist sie sehr dankbar, dass er ihr in einer schwierigen Situation eine Chance gegeben hat. Er habe sie als Person akzeptiert, wie sie ist, habe nach Kompetenzen und nicht nach ihrem Äußeren geurteilt. Ganz wichtig – und nicht selbstverständlich – ist es, dass Dyala Bakir auch in der Berufsschule gut zurechtkommt. Neben ihrem Sprachtalent liegt dies sicherlich gleichermaßen an ihrer Lerndisziplin. Steht eine Arbeit an, dann lernt sie schon einmal ein Wochenende durch. Fachbegriffe, die sie noch nicht kennt, recherchiert sie im Internet oder lässt sie sich von Kollegen praktisch zeigen. Geholfen habe ihr aber auch, dass sie am Albrecht-Dürer-Berufskolleg in Düsseldorf eine ganz normale Klasse besucht. "Das", so Dyala Bakir, "ist gut für mein Deutsch." Dankbar ist sie ihren Lehrerinnen und Lehrern, die ihr immer beistanden und ihr jederzeit geholfen haben. Ihre Entscheidung, eine Ausbildung zu beginnen, hat sie deshalb nie bereut. "Ich bin total glücklich", sagt sie.

Dankbar ist sie aber auch Deutschland, ihrer neue Heimat, dem Land, dem sie diese Chance zu verdanken hat. Deshalb ist sie sich auch ganz sicher: "Ich will in Deutschland bleiben. Meine Kinder sollen einmal in Sicherheit und Frieden aufwachsen können." Dyala Bakir hat klare Vorsätze, für deren Umsetzung sie konsequent arbeitet: Ende 2019 will sie nicht nur ihre Gesellenprüfung mit Erfolg bestehen, sondern zugleich auch ihre Fachhochschulreife erwerben. Und auch das nächste Ziel hat sie schon fest im Blick. Sie möchte das Abitur machen, am liebsten in der Abendschule, damit sie weiter in ihrem Beruf arbeiten kann. Vielleicht wird sie aber auch zur Meisterschule gehen. Ausschließen will sie das nicht, kann man doch heute mit dem Meister die Hochschulzugangsberechtigung erwerben. Das ist Dyala Bakir wichtig, denn ihren Traum, einmal Zahnmedizin zu studieren, hat sie noch nicht aufgegeben. Und wer weiß, ob sie ihn, dank ihrer Zielstrebigkeit, nicht auch eines Tages verwirklichen wird?

Team von acht Zahntechnikern in einer Praxis.
Die syrische Auszubildende hat ihren Platz im Team des Wuppertaler Zahntechnik-Labors gefunden. (v.l.) Adem Metin, Lowand Ahmad, Fatih Metin, Dyala Bakir, Christina Böttcher, Jasmin Mumberg, Ibrahim Al-Ibrahim, Christina Piepenbrink.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Zwei junge Zahntechniker schauen sich mit einer älteren Kollegin etwas auf einem Computerbildschirm an.
Team-Kolleginnen wie Christina Böttcher (r.) stehen den Auszubildenden gerne mit Rat und Tat zur Seite.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Hände modellieren ein Kiefer-Wachsmodell.
Für die Wachsmodellation wird das Handinstrument – hier ein Wachsmesser – erhitzt. Wichtig für den Beruf des Zahntechnikers sind Handfertigkeit, Sorgfalt und Genauigkeit.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Junge Auszubildende unterhalten sich.
Azubis unter sich: Wie geht das noch mal mit dem Berichtsheft? (v.l.) Lowand Ahmad, Dyala Bakir und Fatih Metin.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz

Diese Story erschien zuerst im Geschäftsbericht "Werkstatt 2019" der Handwerkskammer Düsseldorf mit dem Schwerpunktthema "In Frauenhand".


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