Hast Du Töne?

Warum in China und anderswo in Asien Schwarzwälder Orgeln rauschen. Über ein ganz besonderes Exportgut aus Deutschland berichten die Orgelbaumeister Wolfgang Brommer und Heinz Jäger.

Foto: Sabina Rukatukl
Das stolze Team der Orgelbauer aus Waldkirch im Breisgau. Die Leidenschaft für Klang und technische Perfektion, die Freude am Ideen entwickeln und die Teamarbeit sind die Wurzeln ihres Erfolgs.

Drei strahlende Gesichter. Drei Gemüter in C-Dur-Stimmung. Inmitten von funkelnagelneuen, sorgfältigst verpackten Orgelpfeifen – 5.000 Stück, die größte mehr als zehn Meter lang.

Das Foto entstand 2012 in Qingdao. Seitdem rauscht in der Millionenstadt an der Ostküste Chinas eine Waldkircher Konzertorgel.

Ein besonderer Auftrag. Und wenn wir zurückdenken, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Chinesen erst „Orgel“ denken und dann „Schwarzwald“ sagen und „Jäger & Brommer“: Dann begann diese West-Ost-Beziehung eigentlich schon in den 1990er-Jahren. Und sehr unspektakulär. Wir bewarben uns für das EU-Förderprogramm  für  mittelständische  Betriebe. Und wurden aufgenommen.

1995 reisten wir also nach Japan. Wer nicht wagt... Und wirklich: Wir kamen mit Aufträgen zurück! In Japan schätzt man Qualität sehr, und auch Handwerkskunst hat einen immensen Stellenwert.

Wenn  also  deutsche  Orgelbaumeister  dort  überzeugen, dann ist klar: Alles richtig gemacht. Ganz aktuell planen wir für Herbst 2017 eine weitere Orgel für eine Kirche in Tokio. Sie wird direkt neben dem Kaiserpalast erklingen, das macht uns stolz. Und auch, dass inzwischen weit mehr als 30 unserer Kirchenorgeln und etliche Drehorgeln in Japan, China, Taiwan und Korea erklingen.

Ein Theologieprofessor in Japan hatte uns den Tipp mit China gegeben. Er sprach von großem Bedarf dort. Also präsentierten wir uns auf der Musikmesse in Qingdao. Der persönliche Kontakt mit möglichen Kunden ist grundsätzlich ganz wichtig – in Qingdao aber war entscheidend, dass wir, die Chefs, selbst am Stand waren. Dass 2008 die Olympischen Sommerspiele stattfinden sollten, dass Qingdao als Austragungsort für die Segelwettbewerbe gewählt worden war: unser Glück! Zu diesem Anlass sollte die Bischofskathedrale St. Michael eine neue Orgel bekommen. Unsere Chance!

Natürlich gab es Konkurrenten. Und lange Verhandlungen und ganz ungewohnte Methoden. Wie staunten wir, wenn die chinesische Delegation mitten im Gespräch aufstand und uns bedeutete, jetzt sei Schluss; weiter ginge es erst anderentags. Aber mit der Zeit wuchs das Vertrauen. Und am Ende machten wir nicht einmal einen schriftlichen Vertrag. Ein Handschlag – und gut. Alte deutsche Handwerkertradition in China. Das Geld, übrigens, kam ohne Probleme, Euro-genau, wie mündlich vereinbart.

Also bauten wir die „Olympia-Orgel“. Zuerst stand sie komplett in unserer Waldkircher Werkstatt. Erst als klar war, sie ist perfekt, wurde sie wieder zerlegt und verpackt für den Schiffstransport. Als die Orgel in Qingdao landete, empfingen wir sie. Packten aus, bauten auf – und intonierten in der Kathedrale. Nur so kann das Klangbild sich perfekt in den Raum einfügen.

Und ja: Vom ersten Kontakt über Planung und Bau bis zu Lieferung, Aufbau und Weihe können Jahre vergehen. Die Belohnung für so viel Geduld und Sorgfalt ist ein Instrument mit besonderem Klang. Und gerade die Asiaten lieben unser Klangbild.

Kein Wunder also, dass 2012 der Auftrag für den riesigen Konzertsaal in Qingdao folgte: vier Manuale, 74 Register, 4.986 Pfeifen – und ein 15 Meter breiter Prospekt! Zuvor waren die Chinesen bei uns in Waldkirch, Pläne ansehen – und Probe hören. 30 Tonnen Orgel machten sich diesmal auf den Weg; für die besonders empfindlichen Teile hatten wir Holzverschalungen konstruiert. Acht Wochen dauerte ihre Reise – während in unserer Werkstatt die sprichwörtlichen Drähte glühten, weil alles koordiniert werden musste: unsere Flüge und die der Mitarbeiter mit der Ankunft der Orgel und dem Anheuern von Helfern zum Ausladen der Container und ihrem Transport zur Halle, wo schon Gabelstapler bereitstehen mussten – und auch das Gerüst für den Aufbau.

Allein die Intonation hat sechs Wochen gedauert. Und da stand die Orgel ja schon. Oder auch: endlich... Unsere Auftraggeber hatten uns nicht nur eine Dolmetscherin zur Seite gegeben, sondern sogar eine Köchin. Weil wer gut arbeitet, ja auch gut essen soll. Und wir haben sehr gut gearbeitet: Für unsere handwerkliche Leistung und für unser interkulturelles Engagement bekamen wir den „Ehrenpreis 2012 Zhengdai – Cultural Award“. Welche Freude! Die Orgel und wir haben um die Wette gestrahlt.

Als  wir  1988  unsere  Werkstatt  in  Waldkirch  gründeten, war unser Interesse vom Ansatz her klar bestimmt: regional – national – international. Wir wollten Orgeln bauen, wir teilten unsere Leidenschaft für Klang, für technische Perfektion, wir hatten Freude am Ideenentwickeln, an der Teamarbeit – das alles sind die Wurzeln unseres Erfolges. Musik ist eine Sprache, die die Welt versteht, sie bringt Menschen und Nationen zusammen. Diese Begeisterung teilen wir noch heute und sie bestimmt unser Tun in unserer Werkstatt in Waldkirch wie an allen Orten dieser Welt. Unsere regionalen Wurzeln sind uns wichtig, wir stehen hier in Waldkirch auf einer über 200-jährigen Orgelbautradition. 1799 brachte der Orgelmacher Mathias Martin den klassischen Orgelbau nach Waldkirch, 1834 folgte der „weltliche“ Orgelbau mit Drehorgeln und Orchestrien. Auch diese Tradition im mechanischen Musikinstrumentenbau setzen wir mit unseren Drehorgeln fort. Das ist etwas Einmaliges, diese Kultur pflegen wir – beispielsweise haben wir mit die Waldkircher Orgelstiftung aufgebaut, die sich dieser Tradition widmet – und das mit Offenheit für heutige Innovationen und technische Weiterentwicklungen.

In unserer Werkstatt am Gewerbekanal in Waldkirch besuchen uns Gäste aus aller Welt. Auf dem „Internationalen Orgelfest“, das alle drei Jahre in Waldkirch stattfindet, tritt regelmäßig eine Drehorgelgruppe aus Chile auf. Wir planen seit Kurzem ein Orgelfest in Chile, um diese gemeinsame Kultur des Orgelspiels zu vertiefen. Unser Orgelnetz reicht über  Kontinente  hinweg: Asien, Australien, USA, Südamerika zählen dazu. Was alles zusammenhält, ist unser Motto: „Orgeln für Gott und die Welt“ – denn Handwerkskunst verbindet diese Viefalt!

Foto: Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer/Mario Stoeckinger
Als Wolfgang Brommer und Heinz Jäger ihre Werkstatt 1988 gründeten, war ihr Interessse vom Ansatz her bereits klar bestimmt: regional – national – international.
Foto: Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer
In Quingdao errichtete das Team 2012 die erste Waldkircher Konzertorgel in China.
Foto: Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer
Foto: Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer