Forschung & Technik: Raum für Ideen

Er macht aus Ideen Wirklichkeit: Gunnar Bloss (48) ist Geschäftsführer der Modellbau-Firma werk5 in Berlin. Gemeinsam mit seinem Team, darunter acht Auszubildende, entwickelt er Modelle und Exponate für renommierte Architekten, Designer und Künstler. Dabei ist sein beruflicher Hintergrund vielschichtig.

Handwerk-Story Modellbauer: Mann mit Brille inmitten seiner Modell(-Utensilien)
Foto: www.handwerk.de
Gunnar Bloss aus Berlin ist gelernter Tischler, studierter Architekt und Geschäftsführer einer Modellbau-Firma in einem.

Gelernter Tischler, studierter Architekt, Geschäftsführer einer Modellbau-Firma – als was verstehen Sie sich?
All diese Fachrichtungen bauen aufeinander auf. Ich bin sozusagen alles in einem. Als Tischler lernt man das Handwerk und den Umgang mit dem Material in der Praxis, als Architekt, den Raum zu planen, und als Modellbau-Geschäftsführer leite ich die Herstellungsprozesse prototypisch in die Wege.

Könnten Sie Ihre Firmenphilosophie beschreiben?
Unsere Philosophie lautet: Transforming ideas into reality. Unser Anspruch: Wir übersetzen Ideen in die Realität. Wir führen das Digitale in die physische Welt beziehungsweise in 3D-Arbeitsprozesse. Wir verstehen uns als lernender und gleichzeitig lehrender Betrieb. Wir suchen immer wieder nach neuen Lösungen, lernen dazu und geben dieses Wissen an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter, um es nachhaltig im Betrieb zu verankern.

Was bedeutet Modernität im Handwerk für Sie?
Wir entwickeln kontinuierlich neue Wege der Umsetzung für einzelne, individuelle Projekte. Da hilft uns natürlich der Einsatz moderner Digitaltechnik. Hier gilt es aber zu differenzieren: Technik wird oft unter dem Aspekt der Automatisierung bewertet – ob Roboter oder CNC-Maschine. Das funktioniert im Handwerk anders: Wir setzen die Technik als Werkzeug ein. Wir geben dem Menschen ein neues Werkzeug in die Hand, wir ersetzen ihn nicht durch Technik. Durch modernste Technik entstehen oft auch erst neue gestalterische Möglichkeiten.

Was kann man in der Handwerksausbildung lernen, das man im Studium nicht unbedingt mitbekommt?
Das praktische Anwenden von Wissen in konkreten, realen Projekten. Die Handhabung von Technik und Maschinensteuerung. Und was man nicht vergessen darf: das ökonomische Handeln. Das Schöne in der Handwerksausbildung: Man sieht sofort Ergebnisse. Manchmal wird das Studium als zu trocken empfunden. Das hören wir oft von Bewerberinnen und Bewerbern, die abgebrochen haben und im Handwerk noch mal ihr Glück versuchen möchten.

Was versuchen Sie, Ihren Auszubildenden mitzugeben?
Ich fordere sie auf, Kopf und Hand zu benutzen. Sie sollen sich das Handwerkszeug aneignen, um neue Aufgaben zu bewältigen und zu lernen, welches Werkzeug und welche Methode zum Ziel führen. Es geht nicht darum, dass unsere Auszubildenden bloß stur irgendwelche Teile schnitzen. Entscheidend ist, dass sie strategisch nachdenken: Was mache ich hier tatsächlich und wie und wofür?

Welche Rolle spielt die Robotik im Handwerk?
Die Robotik ist bei uns ein heiß diskutiertes Thema. Je intensiver wir uns damit beschäftigen, umso offensichtlicher ist allerdings, wie gut sich Handwerk und Robotik ergänzen. Wir haben dafür ein Schlagwort kreiert: new craft. Das heißt: individueller Unikate-Bau mit digitalen, modernsten Mitteln. Die Robotik steht stellvertretend für interaktive Tools, die zum selben Kreis gehören, wie zum Beispiel Augmented Reality, Maschinenlernen und -sensorik. In diesen Bereichen eröffnen sich gerade ganz neue Möglichkeiten – auch für das Handwerk. Denn ein kollaborativer Roboterarm („Cobot“) funktioniert ja schlussendlich wie ein vielseitiges Handwerkszeug oder eine Art „Dritte Hand“.

Wie geht man als Handwerksbetrieb mit der Zeit und vor welchen Herausforderungen steht man?
Die Antwort lautet: Innovation. Wie kann ich mein Unternehmen zukunftsfähig aufstellen? Wofür gibt es eine neue Technik? Wie schule ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und welche Tools muss ich bereitstellen? Es ist nicht damit getan, einen Roboter zu kaufen, die neue Technik muss auch integriert werden. Dazu gehört der Wille, sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen und den finanziellen und zeitlichen Aufwand, der damit verbunden ist, nicht zu scheuen. In die Debatte spielt natürlich auch eine gewisse Sorge hinein, traditionelles Wissen könnte verloren gehen. Ich denke, das Handwerk sollte die Chancen der Digitalisierung positiv annehmen und darauf bauen, dass traditionelles Wissen gerade dadurch bewahrt werden kann, dass man Prozesse neu gestaltet. Da tut sich gerade sehr viel im Handwerk.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie ganz besonders stolz sind?
Ich bin auf viele unserer Projekte stolz und ganz besonders natürlich auf die komplexen, bei denen es uns gelingt, neue und einzigartige Dinge zu erschaffen. Ein kurioses Beispiel war eine Ausstellung, die wir auf 3.000 Metern Höhe ausgestattet haben. Für das neue 007-Museum in Sölden, Österreich, haben wir die Modelle mit einem Hubschrauber auf den Berg geflogen. Das war herausfordernd und spektakulär.

Ist für Sie das, was Sie machen, eigentlich noch Handwerk?
Wenn wir Besucher und Kunden durch unsere Räume führen und erklären, wie wir arbeiten, merken wir oft, wie veraltet das Berufsbild in der allgemeinen Wahrnehmung ist. Da muss man aufklärerisch tätig sein, um zu zeigen, dass die Welt nicht in 3D gedruckt wird, sondern dass es immer noch handwerkliche Prozesse sind, die sich aber sehr stark gewandelt haben. Mir liegt daran, für den technischen Modellbau eine Lanze zu brechen, um zu zeigen, was heute möglich ist – gerade im Vergleich zu Industrielösungen. Unser Handwerk sorgt für das Besondere, könnte man so sagen. 

Handwerk-Story Modellbauer: Nahaufnahme eines Architekturmodells
Foto: www.handwerk.de
Architekturmodelle stehen am Anfang der werk5-Geschichte und sind nach wie vor Schwerpunkt der Arbeiten.
Handwerk-Story Modellbauer: Mann mit Brille arbeitet am Computer
Foto: www.handwerk.de
Konstruktion, Vektorisierung, Datenkonvertierung: 3D-Modelle und saubere Datensätze sind die Voraussetzung für die Produktion.
Handwerk-Story Modellbauer: Modernes Modell in der Entwicklungsphase
Foto: www.handwerk.de
Neue Methoden und Lösungen im digitalen Modellbau mit moderner Robotik – 50 verschiedene Materialtypen eröffnen Möglichkeiten bei der individuellen Gestaltung.
Handwerk-Story Modellbauer: Kleine Modellbau-Utensilien in einem Papierumschlag
Foto: www.handwerk.de
Handwerk-Story Modellbauer: Modernes Robotik-Modell in der Entwicklungsphase
Foto: www.handwerk.de

Dieses Interview erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2018/19.


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