Digitalisierung ist kein Hexenwerk

Auf digitaler Radspur erfolgreich unterwegs ist ein Zweiradmechaniker aus dem Zittauer Gebirge. Der Betrieb WhiteStone verbindet beim Bau von Fahrrädern digitale Technologien mit handwerklicher Qualitätsarbeit und verschafft sich genau damit den entscheidenden Vorsprung zur Konkurrenz.

Lausitzgründer: WhiteStone Bike GmbH
Foto: Neugeister

Durch einen Online-Konfigurator kann die Manufaktur die Ideen und Wünsche der Kunden genau erfassen und dann beim Bau des Fahrrads individuell erfüllen. Ob es um die Auswahl verschiedener Lacke, die Platzierung von Schriftzügen oder Logos oder die farbliche Gestaltung sämtlicher Kleinteile wie Schaltzughüllen geht: Der Individualisierung des Produktes sind keine Grenzen gesetzt. Und genau das Fahrrad, das sich der Kunde digital online gewünscht hat, das wird danach in Handarbeit angefertigt. So funktioniert digitale Wertschöpfung. Dieses wichtige Alleinstellungsmerkmal bringt dem Betrieb nicht nur entscheidende Vorteile gegenüber Konkurrenten, sondern ermöglicht es erst, maßgefertigte Unikate auch überregional zu verkaufen. Ohne Digitalisierung wäre das nicht möglich.

Was waren Ihre Beweggründe, Ihr Geschäftsmodell zu überdenken und zu digitalisieren?
Ziel war es, Fahrräder zu bauen und zu entwickeln. Ich wollte eine Fahrradmarke gründen, die zwar eine Nische darstellt, aber über die Landesgrenzen hinaus erfolgreich und rentabel ist. Um mit dieser Nische weltweit genug Kunden zu generieren und in naher Zukunft wirtschaftlich zu sein, habe ich mich dazu entschieden, ein digitales Geschäftsmodell zu entwickeln. Im Vorfeld hat uns dabei der Workshop „Innovative Geschäftsmodelle im Handwerk gestalten“ vom Kompetenzzentrum Digitales Handwerk sehr geholfen. Im Sommer 2015 starteten wir dann offiziell.

Wie ging es dann weiter?
Als ersten Schritt mussten wir selbstverständlich eine moderne und funktionale Website erstellen, die einen weltweiten, digital angemessenen Auftritt ermöglicht. Die nächste Stufe war es, betriebsintern viele Abläufe zu digitalisieren. Da wir ein kleines Team sind, ist Effizienz enorm wichtig. Die größte Herausforderung bestand darin, ein Instrument zu finden, um Kunden ihr ganz individuelles Fahrrad zu ermöglichen. Ein Online-Konfigurator war die Lösung.

Gab es Stolpersteine?
Ja, das Geld. Als junges Start-up steht man immer vor Finanzierungsproblemen. Ohne ausreichendes Kapital verschiebt sich nicht nur der gesamte Zeitplan, sondern das schränkt auch die Vielfältigkeit, Motivation und Kreativität ein. Diese Belastung auszublenden und dem eigentlichen Plan zu folgen, ist nicht immer einfach gewesen.

Wie haben Sie Ihre Kunden gefunden?
Ein tolles Produkt ist wertlos, wenn niemand davon weiß. Wir mussten bekannter werden. Verschiedene Förderungen haben es ermöglicht, dass wir uns auf Messen einem internationalen Publikum vorstellen konnten. Das Irre war: Wir standen dort sofort auf einer Stufe mit den Big Playern der Fahrradbranche. Das war ein absolutes Wow-Gefühl. Mit der Zeit wurden wir bekannter und haben sogar einige Awards gewonnen. Das wiederum half uns, Kooperationen mit größeren Herstellern einzugehen. Aber mit Messen allein ist es nicht getan. Wir nutzen natürlich auch Online-Marketing und Social Media, um bekannter zu werden. Als nächsten Schritt haben wir eine Live-Übertragung der Fertigungsschritte geplant. Damit lassen wir den Kunden direkt an der Herstellung seines individuellen Fahrrads teilhaben.

Was hat sich seit Einführung des Online-Konfigurators für Sie und Ihren Betrieb geändert?
Über 78 Prozent unserer Produkte werden inzwischen außerhalb von Sachsen verkauft. Wir stiegen ganz neu in den Markt ein und haben in den ersten Geschäftsjahren exklusive Fahrräder nach Kamerun, Österreich, in die Schweiz, nach Tschechien und natürlich innerhalb Deutschlands verkauft. Ohne die Online-Konfiguration für Fahrräder wäre dies nicht möglich gewesen.

Was würden Sie anderen Betrieben als Tipp mit auf den Weg geben?
Die Digitalisierung ist nicht mehr wegzudenken, ganz im Gegenteil. Sie wird zunehmen und in Bereiche eindringen, die sich viele noch nicht vorstellen können. Man wird sich der Digitalisierung nicht verweigern können. Insbesondere Start-ups, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, sollten sich mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Eine professionelle, technisch aktuelle Website muss nicht teuer sein. Ich möchte anderen Betrieben Mut machen. Den Betrieb zu digitalisieren oder digitale Angebote zur Verfügung zu stellen, ist kein Hexenwerk.

Mehr zur Erfolgsgeschichte und weitere Informationen und Angebote zur Digitalisierung im Handwerk finden Sie auf der Website des KDH: www.handwerkdigital.de

Foto: Laura Jankowski, Blueberry
Foto: Neugeister
Foto: Neugeister

Dieses Interview erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2018/2019.

 

Themen, die uns bewegen:

Digitalisierung im Handwerk

Kompetenzzentrum Digitales Handwerk