Die Familien-Freunde

Natürlich gibt es die, die sich alles anhören, was Magdalena Münstermann sagt, vielleicht nicht wirklich geduldig – aber immerhin. Und die dann aber nur eine Frage haben, eine einzige. „Was ist es denn wert – also betriebswirtschaftlich?“

Die Frage ist nicht einmal präzise gestellt. Denn in Wahrheit fragen diese reinen Betriebswirtschaftler ja gar nicht nach dem Wert – sondern nach den Kosten. Bestenfalls nach einem Gewinn, der sich in einer Zahlausdrücken lässt. Familienfreundlichkeit als Bilanzposten, Rechnungsgröße? Da sind sie bei Magdalena Münstermann an der Falschen. Beziehungsweise genaubei der Richtigen.

Wer mit ihr über Familienfreundlichkeit redet und darüber, wie man ein Unternehmen familienfreundlich macht, kann – wenn er will – in einem Satz alles wissen. Und in zehn Sätzen, maximal, alles verstehen. Familienfreundlichkeit, sagt Münstermann, „das ist ’ne Haltung“. Und es gehörten zu ihr „Verständnis“, „Achtsamkeit“ und „die Bereitschaft, sich einzulassen und zu kommunizieren“.

Klingt viel abstrakter, als Münstermann denkt. Und handelt, Tag für Tag, seit Jahrzehnten. Seit sie und ihr Ehemann Bernd 1978 den Drei-Mann-Betrieb ihres Schwiegervaters übernahmen und aus der Hufschmiede und Bauschlosserei einen global agierenden Sonderanlagenbauer mit 250 Mitarbeitern machten. Nicht einfach so. Sondern mit einer klaren Idee, wie ihr Familienbetrieb mit Sitz in Telgte einer bleibenwürde – in jeder Hinsicht.

Für die Münstermanns – inzwischen ist Sohn Frank Geschäftsführer – ging es immer darum, Familie und Unternehmen in Einklang zu bringen; und zwar für alle Mitarbeiter. Die Seniorchefin nennt das „den sozialenund emotionalen Faktor“. Funktioniert, ganz konkret, so: Jeder im Betrieb weiß, dass er mit jedem familiären Problem nicht nur kommen darf – sondern soll. Die Mutter mit dem kranken Kind ebenso wieder Sohn mit den plötzlich pflegebedürftigen Eltern. Und der Vater mit dem renitenten Halbwüchsigen. Wenn es irgendwo klemmt, wird eine Lösung gesucht. Rasch. Dann darf der Kollege in der Produktion eben eine Zeit lang später anfangen – wenn die vier Kinder versorgt sind, um die seine Frau sich gerade nicht kümmern kann. Oder der Achtklässler ohne Schulerfolg darf zum Praktikum kommen. Und weil er da plötzlich seine Begabung entdeckt, sorgt Magdalena Münstermann auch noch dafür, dass er schon nach Klasse 9 zur Ausbildung kommen kann. „Wir sind da manchmal“, lacht sie, „wie ein kleines Sozialamt.“

Aber kein Kuschelidyll, darauf besteht sie. Wie wenig sich Familienfreundlichkeit als unternehmerisches Projekt dafür eignet – davon kann auch Ingrid Wonsak erzählen. Ihr Arbeitgeber, die Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf, betreibt die „kids.company“. Als man in Rheine, zusammen mit einigen Unternehmen, vor drei Jahren mitdem Nachdenken begann, ging es um „Randzeitenbetreuung“: also um Aufnahme für Kinder vor 7 und nach 19 Uhr. Geworden ist es dann die „kids.company“, eine sogenannte Großtagespflegestätte, geöffnet von 7 bis 17 Uhr, mit neun Plätzen für Kinder zwischen vier Monatenund drei Jahren. Und schon das war ein Kraftakt. „Zwei Jahre reine Administration“, erinnert sich Ingrid Wonsak. Verhandeln, beantragen, genehmigen lassen, verhandeln … „Man dachte immer, man hat’s jetzt – und dann …

“Sie ließen sich nicht entmutigen, vorneweg Hauptgeschäftsführer Frank Tischner und Kathrin Dengler, die zuständige Bereichsleiterin. Und seit einem Jahr läuft die „kids.company“ – in Räumen der Kreishandwerkerschaft. Die vier Unternehmen,die außer ihr über den ganzen langen Vorlauf dabeigeblieben sind, haben fünf der neun Plätzefest gebucht, die anderen vier vergibt die Stadt Rheine, mit der die Kreishandwerkerschaft eng kooperiert. Das Randzeiten-Problem aber … Vorerst weiter ungelöst.

Magdalena Münstermann kennt das auch. Über die Jahrzehnte allerdings sind nicht nur die Schwierigkeiten der Mitarbeiter gewachsen, sondern auch die Bewältigungsstrukturen. Sie und ihr Mann mit ihren vier Kindern haben es vorgelebt. „Ganz normal“, sagt sie. „Aus unserer Sicht.“ Und: „Ich wundere mich, dassso viele sich wundern, wie’s bei uns läuft. Ich wundere mich, dass es bei denen nicht so läuft. “Ach ja – und was antwortet sie den Betriebswirtschaftlern? „Gerechnet, sag ich denen, hab ich’s noch nie. Aber kommen Sie zu uns – dann können Sie’s spüren.“

Foto: Jens Nieth
Den Münstermanns ging es immer darum, Familie und Unternehmen in Einklang zu bringen. Und zwar für alle Mitarbeiter.

Text: ZDH/Cornelie Barthelme

Dieser Artikel erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2017.

 

 

 

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