Der Flüchtlingsmaler - Vom Ausnahme- zum Musterbetrieb

Als Malermeister muss Hermann Maracke Farben lieben und Formen, anders geht es gar nicht. Aber eine Kombination gibt es, die hat Maracke hassen gelernt. Er nennt sie „den dicken roten Querstrich“.

Foto: Thies Rätzke.

Natürlich sieht es nicht wirklich so aus, wenn einer seiner Azubis mit einer Ablehnung seines Asylantrags von der Ausländerbehörde zurückkommt. Aber es fühlt sich genauso an. Als würde da ein Mensch von einem Amt einfach gestrichen. Mindestens abgeblockt. Maracke schwankt dann zwischen Ärger und Verständnislosigkeit und Bedrückung. Für zehn Sekunden. Ab dann ist er nur noch der Ermutiger.


Von den Seelenpfleger-Phasen hatte Maracke keine Ahnung, als er im November 2015 auf dem „Marktplatz der Begegnungen“ stand, einer Messe für Hamburger Unternehmen und Flüchtlinge, und die Schlange vor sich sah, die ihm endlos schien. Dreißig, vierzig Mann, die auf eine Lehrstelle hofften. Knapp die Hälfte bewarb sich, drei kamen zum Praktikum – und am Ende blieb Morteza Sharabi Farahani. Er wurde der erste Flüchtlings-Azubi der Germann Malermeister GmbH.


Inzwischen hat der gebürtige Iraner Farahani sechs Kollegen, sieben von Marackes elf Auszubildenden haben eine Flucht-Geschichte, der achte kriegt gerade seinen Vertrag. Und wenn Maracke von ihnen erzählt – präzise: davon, wie sie arbeiten –, dann kommt er ins Schwärmen. „Fleißig“, sagt er. „Ehrlich. Pünktlich. Engagiert.“ Und dann schiebt er die Zusammenfassung hinterher. „Beeindruckend.“

Selbstverständlich heißt das im Umkehrschluss, dass Maracke auch ganz andere Erfahrungen hat mit Azubis. Aber nach denen muss man ihn schon fragen. „Das Übliche“, sagt er dann ausweichend. „NullBock-Phasen und mal eben krank und am liebsten mit Handy im Ohr …“ Wie Kids zwar nicht immer, aber eben auch sind, mit sechzehn, siebzehn.


Morteza Sharabi Farahani war vierzig, als er seine Lehre begann. Inzwischen hat er seine Zwischenprüfung gemacht – und Maracke könnte schon wieder schwärmen. Der Erfolg, sagt er, liege auch am „ganz anderen Stellenwert“, den handwerkliche Arbeit im Iran, in Syrien, in Afghanistan genieße. Wer dort aus der Schule komme, habe zum einen seltener Abitur oder mittlere Reife als hier – und zum anderen würden Jobs in der Landwirtschaft und auf dem Bau dort etwas gelten.


Jetzt hier in Deutschland zählt die Chance. Und wie gut sie das begreifen, das zeigen die aktuellen sieben Flüchtlings-Azubis Maracke und seinen Gesellen jeden einzelnen Tag. Denn mindestens dreimal wöchentlich beginnt für sie nach der Arbeit die zweite Schicht. Deutsch und Integration, von sechs bis um zehn. „Schon dieser Einsatz“, sagt Maracke, „beweist, wie sehr alle das wollen.“


Aber auch er will, und seine Gesellen wollen – und überhaupt alle bei Germann. Wenn’s klemmt, übernimmt auch die Sekretärin rasch mal, was Maracke „die Alltagsbetreuung“ nennt. Ist ja nicht so, dass alles flutscht für jemanden, der sich nicht bloß ins Maler-Sein, sondern zugleich auch ins In-Deutschland-Sein hineinschaffen will. Aber Probleme?


„Nein“, sagt Maracke, „Probleme gibt’s nicht. Allenfalls die sprachliche Herausforderung.“ Aber das wird, sagt er. Ehe Morteza Sharabi Farahani begann, erzählte Maracke auf einer Betriebsversammlung von seinem Plan. „Ich finde, wir sollten unseren Teil zur Integration leisten.“ Alle zogen mit, von Anfang an. Auch die Kunden. Und seit Germann 2017 nominiert war für den Nationalen Integrationspreis der Bundesregierung, mit Einladung zur Preisverleihung in Berlin, regnen „Lob und Anerkennung“ förmlich auf ihn herab.


Nicht, dass er das scheute. Aber noch besser gefällt Maracke, dass sich die Verständnislosigkeit in den Augen vieler Unternehmerkollegen, denen er 2016 bei einer Podiumsdiskussion von seinen Flüchtlingen erzählte, nach einem Jahr in Neugierde verwandelt hat und auch in Motivation nachzuziehen. „Es gibt jetzt etliche, die es auch ausprobieren wollen.“


Alles also schön? Fast. Es bleiben ja die dicken roten Querstriche. Gerade erst kam Zia Hosseini mit einem zurück. Natürlich, er wird die Ausbildung durchziehen – und Maracke ihn dann übernehmen, ganz sicher. So gut wie Zia ist, glaubt Maracke, „wird er sich selbst ernähren können und wohl nicht abgeschoben werden“. Und doch, sagt Maracke, will es ihm einfach nicht in den Kopf, „dass Menschen, die so Gas geben, immer wieder so ausgebremst werden“.

Handwerksgruppe Philip Mecklenburg
Foto: Thies Rätzke.
Handwerksgruppe Philip Mecklenburg
Foto: Thies Rätzke.

Text: ZDH/Cornelie Barthelme

Dieser Artikel erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2017.

 

 

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