Bedarfsorientierte Mitarbeiterführung: Köder im Friseursalon

„Die Arbeit muss zum Leben passen“, sagt Anett Vollborth im Brustton der Überzeugung: „Das sind Handwerkerinnen, gute Fachkräfte, auf die wir nicht mehr verzichten können.“

Anett Vollborth - ausgezeichnet für Mitarbeiterführung
Foto: Michael Reichel/arifoto.de

Vollborth, wache Augen, dunkle Hochsteckfrisur, ist seit Anfang der Achtzigerjahre Friseurin und seit 1990 Friseurmeisterin. Seit über einem Vierteljahrhundert arbeitet sie erfolgreich selbstständig in der thüringischen Kreisstadt Nordhausen und in den umliegenden Orten. Ihren Beruf gelernt hat Anett Vollborth noch zu DDR-Zeiten in einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks, Meisterin wurde sie dann schon in einer GmbH.

"Im Osten angefangen, im Westen rausgekommen"

„Ich habe im Osten angefangen und bin im Westen wieder rausgekommen“, erzählt sie über diese Zeit und lacht wieder laut. Ihren ersten Salon eröffnete sie im Haus ihrer Eltern. „Eine Mitarbeiterin, ein Lehrling, fünf Bedienplätze auf 25 Quadratmetern - keine Ahnung, wie wir da alle reingepasst haben“, erinnert sie sich. Heute hat der Salon Anett sechs Standorte, jede Menge treue Kunden und – dies vor allem – zufriedene Mitarbeiterinnen.

Die unruhigen Neunziger sollte im Blick behalten, wer verstehen möchte, was das Besondere an dieser gut gelaunten Thüringerin ist. Anett Vollborth hat von Anfang an gelernt, Veränderungen zu akzeptieren und etwas Gutes für die Zukunft daraus zu machen. „Wenn mein Leben mir Zitronen gibt, mache ich Limonade draus“, ist ihr Motto.

Für ihr innovatives Fachkräfte-Management, ihre Kreativität als Geschäftsfrau und für ihr Engagement für den Friseurnachwuchs wurde ihr 2018 der Zukunftspreis der Erfurter Handwerkskammer verliehen.

Die Arbeitszeiten werden in ihrem Betrieb mit Hilfe eines Baukastenprinzips organisiert. Die Mitarbeiterinnen dürfen sich ihren Einsatzort und die damit verbundenen Arbeitszeiten aussuchen. Manche können wegen der Familie nur vormittags arbeiten, andere wegen ihrer Ausbildung nur nachmittags. Wieder andere wollen lieber Springer-Schichten machen. Möglich macht das Vollborths bedarfsorientierte Personalplanung, die sie mit Hilfe einer Coachin entwickelt hat.

"Die Arbeit muss zum Leben passen"

„Die Arbeit muss zum Leben passen“, sagt Anett Vollborth im Brustton der Überzeugung; „das sind Handwerkerinnen, gute Fachkräfte, auf die wir nicht mehr verzichten können.“ Sie nennt das bedarfsorientierte Mitarbeiterführung und meint damit, dass sie niemanden verbiegen will, sondern lieber schaut, wo sich der einzelne Mensch optimal entfalten kann.

„Fragen Sie mich nicht, woher ich das kann – ich kann es einfach.“ In ihren Salons in den umliegenden Pflegeheimen zum Beispiel wird nur montags bis freitags jeweils bis zur Mittagszeit gearbeitet. Die Senioren dort sind verlässlich und sehr froh, auf vertraute Gesichter zu treffen. Weil sie häufig körperlich eingeschränkt sind, arbeiten in den Pflegeheimen Zweierteams: eine Friseurin und eine Auszubildende, die sich mit der Rollstuhltechnik, mit dem aufblasbaren Waschbecken und dem eigens angeschafften Waschtablett auskennen. „Man muss das wollen und auch können; viele denken da an ihre eigene Omi“, erzählt Vollborth. Zusätzlich kommen aus den umliegenden Wohngegenden Kundinnen und Kunden in die barrierefreien Salons; es gibt immer Parkplätze direkt vor der Tür.

Schon vor Jahren hat Anett Vollborth ein besonderes Ausbildungskonzept entwickelt. „Die Zeiten, in denen uns der Nachwuchs die Bude einrennt, sind definitiv vorbei“, sagt sie. „Auch die mit den Problemen müssen wir mitnehmen, ernst nehmen. Ich erlebe das immer wieder, dass denen hier Flügel wachsen.“ Mit ihrer zupackenden mütterlichen Art setzt sie auf Motivation, auch für jene Jugendlichen, die mal in Mathe eine Vier haben oder persönliche Probleme mitbringen. „Defizite kann man ausgleichen“, ist Vollborth überzeugt. Neben dem Schneiden, Föhnen, Färben oder Stecken lernen die jungen Menschen bei ihr, was Teamgeist bedeutet, wie wichtig Zuverlässigkeit ist und was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und bei auftretenden Problemen zusammen nach Lösungen zu suchen, die zur jeweiligen Lebenssituation passen. Anett Vollborth hilft schon mal bei der Wohnungssuche, sie hält den Kontakt zur Berufsschule und organisiert außerhalb der Ladenöffnungszeiten Lernzirkel.

Es hat ein bisschen gedauert, bis sie verstanden hat, dass es dabei auch um sie gehen muss, um ihr Leben, ihre Zufriedenheit. Sich immer nur um die anderen kümmern reicht nicht, der Laden muss auch etwas einbringen. „Wenn man nichts ins Säckchen tut, kann man auch nichts aus dem Säckchen rausgeben“, umreißt sie scherzhaft ihre Idee eines innovativen Lohnsystems. Konkret bedeutet es, dass ihre Angestellten zusätzlich zum Grundgehalt wählen können zwischen einem Festgehalt, umsatzorientierter Bezahlung oder einem Stundenlohn. Manch eine Friseurin arbeitet schneller als die andere, eine zweite ist Spezialistin für zeitaufwändige Hochsteckfrisuren, wieder eine andere möchte lieber die Laufkundschaft bedienen und anschließend mit ihrem Stundenlohn nach Hause gehen. „Wir reden drüber, verabreden das und gucken, wie es läuft“, erläutert Anett Vollborth das Prinzip. Wie immer bei dieser aufgeweckten Frau ist alles neu verhandelbar.

Sie braucht gute Handwerkerinnen, also tut sie was dafür, dass sie bei ihr anfangen und auch bleiben. „Ich will den Fisch haben, also werfe ich den richtigen Köder aus“, sagt sie und lacht schon wieder. Es sieht ganz so aus, als sei sie damit auf dem richtigen Weg – für sich, für ihre Azubis und für ihre Angestellten.

Schon gewusst?

Gemeinsam mit anderen Handwerkern und Gewerbetreibenden hat Anett Vollborth den „Hochzeitsbund Nordhausen“ gegründet. In einer handlichen Broschüre finden Heiratswillige alles, was an „Profi Power“ für eine Eheschließung gebraucht wird und was den zusätzlichen Luxus eines solch wichtigen Tages ausmacht.

Im Zusammenspiel von Kreativität, Kompetenz und Individualität finden sich darin Handwerks- und Gewerbebetriebe wie Schneiderin, Goldschmied, Fotograf, Floristin, Konditor, Hotel- und Gastwirte. Ganz vorne im Heft: natürlich Vollborths Salon Anett. Schließlich hatte sie die Idee.

Anett Vollborth - ausgezeichnet für Mitarbeiterführung
Foto: Michael Reichel/arifoto.de
Anett Vollborth - ausgezeichnet für Mitarbeiterführung
Foto: Michael Reichel/arifoto.de
Zukunftspreis der Handwerkskammer Erfurt
Foto: Michael Reichel/arifoto.de


Diese Handwerk-Story erschien erstmals im ZDH-Jahrbuch 2020.

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