Aus Liebe zum Holz

Marliese wird auf ewig einen Platz haben in ihrem Herzen. Denn mit Marliese ging es dann los. Also richtig. An Silvester. So was kann kein Mensch sich ausdenken.

Foto: Holzgespür.

Dabei ist sie groß im Ausdenken. Also richtig groß. Als in Deutschland noch kein Mensch auf die Idee gekommen war, den Tischler und seine Kunden online zusammenzubringen, egal, ob der Tischler in, sagen wir, in Rhens am Rhein schafft und die Kunden in Berlin leben oder Hamburg oder Zürich – da fiel ihr das ein. Wie genial es wäre, wenn der Kunde sich seinen Tisch selbst gestalten könnte, Form, Maße, Holz. Und ihn dabei gleich sehen würde – von vorn, hinten, seitlich.

Und dann machte sie das.

Wer Julia Kasper erlebt, spürt rasch: „Unmöglich“ gehört nicht in ihr Sprachrepertoire. Und „Haben wir schon immer so gemacht“ nicht zu ihrem Grundsätze-Vorrat. So kommt niemand aus Rhens am Rhein nach Shanghai. Sie aber kam. Und auch wieder zurück.

In der Kurzversion: Abitur und die Sicherheit, sie müsse in Distanz von der elterlichen Tischlerei ihren Weg suchen. Also wurde sie bei der kölnmesse Veranstaltungskauffrau, schloss als Beste ab, kriegte ein Angebot für den Deutschen Pavillon auf der Expo Shanghai. Fand’s dort toll, lernte viel, kam zurück – und begann ein Studium. „Es ging viel um Entrepreneurship“, sagt Julia Kasper denn auch, „darum, selbst etwas zu gründen – und ich war schnell angesteckt von diesem Fieber.“

Schnitt. Ein paar Monate später sitzen Tischlermeister Hermann Kasper und seine Frau Ingrid bei Julia, ihrer Ältesten, auf dem Sofa. „Kleine Präsentation“, sagt die – und dann zeigt sie den Eltern via Fernseher, was sie sich ausgedacht hat. Einen 3D-Konfigurator für Möbel. Wenn sie die Idee zur Funktionsreife kriegt, dann, sagt Julia, könnte das den Familienbetrieb ins digitale Zeitalter beamen – ohne dass verloren ginge, was die Tischlerei Kasper seit je auszeichnet: das Gespür für und das Wissen um Holz. „Keine Ahnung, ob’s funktioniert“, sagen die Eltern. „Aber mach das!“

Und sie macht. Programmiert ein halbes Jahr lang, hat in Christoph Krause von der Handwerkskammer Koblenz einen Vordenker der Digitalisierung im Handwerk zum Mentor. Der hilft über Hürden hinweg. „Und die gibt’s, wenn man etwas zum ersten Mal macht – und auch noch als Erste.“

Am 1. September 2014 geht holzgespuer.de online. Und dann passiert – nichts. Gar nichts. „Ich hab stündlich den Auftragseingang gecheckt“, erzählt Julia Kasper. Und lacht. Im Nachhinein ist das leicht. Aber als ihr Konfigurator „vier Monate lang null Umsätze“ brachte – da fühlte sie sich wie auf Achterbahn-Fahrt. „Damals“, sagt sie jetzt, „war’s wirklich schlimm.“ Jetzt weiß sie: „Eine gewisse Ausdauer braucht man als Unternehmerin.“

Und man muss trennen zwischen Emotionen und Fakten. „Viel Energie und eigenes Geld investiert – und dann geht erst mal nichts“: Das war ihr Gefühl. „Was tu ich, damit sich das ändert?“ Das war die Frage. Und die Tatsachen? „Ich hab jeden Tag dazugelernt.“ Dass es, beispielsweise, schon mal zwei, drei Monate braucht, bis Google ein Online-Unternehmen überhaupt wahrnimmt und indiziert. Dass es nötig ist, auf Facebook die eigene Zielgruppe zusammenzufassen. „Da hab ich eine Gründerin aus Hamburg online gefragt; und dann hatte ich Sonntagmorgen mit ihr ein Facebook-Tutorial.“

Dass sich auch das elterliche Unternehmen ändern musste, war klar. Bislang kam da einer in die Werkstatt, Hermann Kasper griff sich einen Zettel, zog den Stift vom Ohr und notierte. „Und dann musste der Kunde schon noch zwei-, dreimal anrufen und nachfragen – und dann ging’s irgendwann los.“ Jetzt machte sich Julia an die „Prozessoptimierung“. Wer online bestellt, erwartet, dass ab dem finalen Tastendruck alles läuft. Inzwischen ist die Kasper’sche „Zettelwirtschaft gut eingedämmt“, die Prozesse sind gestaltet. „Und wir sind in allem organisierter.“

Den Profit, materiell wie ideell, haben alle Beteiligten. Die Werkstatt läuft jetzt auch mal zwei Wochen ohne den Chef, die Mitarbeiter kriegen Feedback, direkt vom Kunden, per Mail. Der Prozess geht in etwa so: Der Kunde bestellt, der Meister wählt passende Baumstämme aus und erzählt, was sie auszeichnet, die holzgespür-Chefin filmt ihn dabei, stellt die Videos online – und der Kunde entscheidet selbst, aus exakt welchem Holz mit welcher Maserung am Ende sein Tisch gebaut wird.

Seit gut drei Jahren läuft der Online-Laden. Denn die erste Bestellung kam dann doch noch 2014. Exakt an Silvester. In Hamburg wollte man „Marliese, zweisiebzig lang, aus Eiche“. Und da hat Julia Kasper es krachen lassen. Silvester und Marliese? Dann Sekt! „Eine wirklich große Flasche.“

Foto: Holzgespür.
Foto: Holzgespür.

Text: ZDH/Cornelie Barthelme.

Dieser Artikel erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2017.

 

 

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