Auf dem Boden der Tatsachen

Eine 16-Jährige, die in den handwerklichen Familienbetrieb einsteigen möchte – klingt erstmal nicht ungewöhnlich. Dass es sich dabei allerdings um einen typischen Männerberuf mit schweren Lasten, Dreck, Allwetterbedingungen, Akkordarbeit und rustikaler Sprache handelt, ist ungewöhnlich. Doch für Anja Krölls-Rademakers steht fest: Sie möchte Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerin werden. Ein nicht ganz so klassischer Karriereweg beginnt...

Frau mit Brille kniet über dem Boden und misst etwas nach.
Anja Krölls-Rademakers demonstriert, wie sie Gleitreibungsmessungen durchführt.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz

Da steht also das Corpus Delicti auf dem Fliesenboden: Ein schwarzes Gerät von der Größe einer Autobatterie mit einem ausziehbaren Metallband. Anja Krölls-Rademakers, Fliesen-, Platten- und Mosaiklegermeisterin und öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige, erklärt ebenso routiniert wie geduldig, was es mit dieser ungewöhnlichen Apparatur auf sich hat. Immer wieder, so die Fachfrau, gehe es bei Sturzunfällen um die Frage, ob Bodenfliesen oder andere Oberbodenbeläge wie Parkett, aber auch Bodenbeschichtungen mit ihrer spezifischen Oberfläche für den Einsatzort falsch ausgewählt worden seien. Gerade optisch ansprechende, hochpolierte Fliesen seien aufgrund ihrer unzureichenden Trittsicherheit häufig der Grund für Stürze. "Um die Rutschhemmung des Fußbodens zu ermitteln, benötige ich diesen Apparat, der mir hilft, Gleitreibungsmessungen gemäß DIN 51 131 zur Bestimmung des Gleitreibungskoeffizienten zu ermitteln." Mit anderen Worten: Mithilfe des Geräts lässt sich technisch klären, ob die Oberfläche des Bodens für den Einsatzbereich – zum Beispiel im Verkaufsraum einer Bäckerei – zu rutschig ist oder nicht.

Der Stein des Anstoßes


Das Thema "Trittsicherheit und Rutschhemmung im öffentlichen Raum" spielt in nicht wenigen Schadensfällen eine entscheidende Rolle; dies bestätigen im Übrigen auch die entsprechenden Zahlen der Unfallstatistiken der gewerblichen Berufsgenossenschaften. Wobei es nicht immer nur darum gehe, so Krölls-Rademakers, ob eine Fliese zu "rutschig" sei. Im Falle einer Feuerwehrhalle in Thüringen wurde sie einmal mit der Frage konfrontiert, ob der Boden nicht zu "stumpf" sei. Die Feuerwehrleute hatten den Eindruck, dass sie mit ihren Stiefeln regelmäßig an den Fliesen "kleben" blieben. Auch hier konnte die Sachverständige mit ihren Messungen helfen, eine Antwort zu finden.

Wer Anja Krölls-Rademakers erlebt, wie sie im niederrheinischen Tonfall begeistert von Rutschhemmungsermittlung und Gleitreibungskoeffizienten, Vor-Ort-Untersuchungen, Gutachten und Fliesenmaterialien spricht, fragt sich automatisch, was um Himmels willen vor rund 30 Jahren eine zierliche junge Frau veranlasst haben mag, in die "Männerwelt" des Bauhandwerks vorzudringen. Dem Aussehen nach würde doch ein Beruf wie Maßschneiderin oder Lehrerin viel besser zu ihr passen? Soweit das Klischee, nun zur Realität.

Klassisch, nicht ganz so klassisch


Alles hört sich nach dem klassischen Lebenslauf an: Ein handwerklicher Familienbetrieb in Mönchengladbach, eine Tochter, die sich seit frühester Jugend für die Arbeit ihres Vaters interessiert und dann bereits als Teenager die bewusste Entscheidung trifft: Ich verlasse das Gymnasium, weil ich weiß, was ich will – nämlich eine Ausbildung im elterlichen Handwerksunternehmen. Der Ausbildungsberuf allerdings ist alles andere als klassisch für eine junge Frau: Fliesen-, Platten- und Mosaikleger. Ein typischer handwerklicher Männerberuf mit schweren Lasten, Dreck, Allwetterbedingungen, Akkordarbeit und rustikaler Sprache.

In diese Welt taucht die erst 16-Jährige ein – und setzt sich durch. Krölls-Rademakers: "So lange ich zurückdenken kann, wollte ich immer mit meinem Vater auf Baustellen und zu den Kunden! Und mit Jungs kam ich immer besser klar als mit Mädchen." So ist auch die Zeit in der Berufsschule und in der überbetrieblichen Unterweisungsstätte kein Problem, wo sie sich als einzige Frau erfolgreich behauptet. Irritiert ist eher der eine oder andere Lehrer, der die Anwesenheit einer weiblichen Auszubildenden in seinem Unterricht nicht gewohnt ist.

Jetzt oder nie!


Der weitere Werdegang verläuft so geradlinig wie eine sauber gearbeitete Fuge: Nach der Ausbildung arbeitet Anja Krölls im elterlichen Betrieb als Fliesenlegerin, heiratet mit 21 Jahren, bekommt zwei Töchter und fragt sich irgendwann, was beruflich noch kommen könnte. Als die jüngere Tochter in die Schule kommt, entscheidet Krölls-Rademakers: Jetzt oder nie! Und macht sich auf den Weg zur Meisterschaft im Fliesenlegerhandwerk. Für die Teile III (Betriebswirtschaft und Recht) und IV (Ausbildereignungsprüfung) der Meisterprüfung absolviert sie die entsprechenden Kurse in Heinsberg und die Prüfung vor der Handwerkskammer in Aachen. Auf die Lerninhalte in den Teilen I (Fachpraxis) und II (Fachtheorie) bereitet sie sich im Selbststudium vor. Wie jetzt? Ohne einen Lehrgang zu besuchen? Krölls-Rademakers: "Ich habe mich informiert, welche Themenfelder für die fachpraktischen und -theoretischen Teile der Meisterprüfung gelernt werden müssen. Und da habe ich gedacht, das kann ich auch von zu Hause aus. Mit ein wenig Disziplin muss das möglich sein. Ich habe schließlich auch noch eine Familie." Ihr Mann, ein Schreinermeister, und ihre Töchter hätten sie in dieser Zeit wunderbar unterstützt und motiviert, dieses Ziel anzustreben.

Die bestandene – und zwar: als Jahresbeste bestandene! – Meisterprüfung im Jahre 2000 ist schließlich die Voraussetzung dafür, dass sie ihre persönliche Berufung findet: die Tätigkeit als Sachverständige im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk. Der Weg dorthin ist wieder mit Lernen verbunden. Sie besucht die Grund- und Aufbauseminare an der Akademie für Sachverständigenwesen in Raesfeld und besteht die notwendige Fachprüfung vor dem Innungsverband. Im Jahre 2005 ist es soweit. Anja Krölls-Rademakers wird von der Handwerkskammer Düsseldorf als Sachverständige öffentlich bestellt und vereidigt.

Friedensstifterin


Inzwischen fertigt die 50-Jährige im Schnitt 30 Gutachten pro Jahr an, die durchaus auch schon einmal 80 Seiten umfassen können. "Im Prinzip sehe ich mich als Schlichterin zwischen den Parteien. Es geht doch im Kern darum, durch Aufklärung und Fakten Streit zu schlichten und Lösungswege aufzuzeigen." Ein Gutachten sei immer eine höchst individuelle Angelegenheit. Jeder Fall sei anders, jeder Vor-Ort-Termin unvorhersehbar – insbesondere, wenn beide Parteien sich hoffnungslos ineinander verhakt hätten und auch noch Anwälte anwesend seien. Das seien hochemotionale Angelegenheiten und Deeskalation erste Sachverständigenpflicht. Krölls-Rademakers: "Wichtig ist aber, bei aller Berufserfahrung und Expertise, die man im Laufe der Jahre gesammelt hat, ein Prinzip: Eine Sachverständige oder ein Sachverständiger kann nicht immer alles wissen. Man muss dann auch den Mut haben zu sagen: Hier muss ich noch einmal recherchieren!" Nichts schade der Glaubwürdigkeit mehr als vermeintliches Expertenwissen, dass sich als fehlerhaft herausstelle. Ungeeignete Gutachten sprächen sich bei den Gerichten schnell herum.

"Deeskalation ist erste Sachverständigenpflicht!"


Mehrfach im Jahr nutzt Krölls-Rademakers die Angebote der Innung, des Fachverbandes, der Akademie in Raesfeld oder der Baustoff-Hersteller, um sich weiterzubilden. Solche Fortbildungen sind verpflichtend; ähnlich den Fachärzten müssen auch die handwerklichen Sachverständigen durch Fortbildungspunkte nachweisen, dass sie technisch-fachlich auf der Höhe der Zeit sind. Aber nicht nur das berufsbezogene Fachwissen muss aufgrund innovativer Materialien und neuartiger Verlegetechniken, veränderter Regeln und DIN-Normen durch entsprechende Seminare immer wieder aufgefrischt werden.

Auch die aktuelle Rechtsprechung muss beachtet werden. Anja Krölls-Rademakers: "Die Breite des Aufgabenspektrums ist ja gerade das Faszinierende an dieser Tätigkeit. Man hat mit technischen, juristischen und zutiefst menschlichen Problemen zu tun. Für die technischen wurde man beauftragt, zu den juristischen darf man sich als handwerkliche Sachverständige nur bedingt äußern, und die menschlichen muss man ausblenden, damit die Objektivität gewahrt bleibt. Das ist oftmals eine Gratwanderung und bedarf bis zur Fertigstellung eines Gutachtens manchmal auch ein paar Tage Bedenkzeit. Aber zum Schluss hat man durch das Gutachten im besten Fall dazu beigetragen, dass ein Streit aufgrund von nachvollziehbaren Fakten geschlichtet werden konnte."

Frau mit Brille misst etwas auf dem Boden nach.
Konzentriert: Anja Krölls-Rademakers bei einer Gleitreibungsmessung.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Eine Hand hält eine rote Wasserwaage, daneben steht eine Fotokamera auf dem Boden.
Unverzichtbar: Zum Handwerkszeug der Sachverständigen gehören Wasserwaage und Messkeil.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Gleitreibungsmessgerät für Fliesenleger.
Ohne das Gleitreibungsmessgerät funktioniert gar nichts.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz
Frau mit Brille arbeitet an einem Laptop mit Blümchenaufklebern.
Sachlich: Als Expertin auf ihrem Gebiet bleibt Anja Krölls-Rademakers stets cool – darüber können auch die Blümchen auf dem Laptop nicht hinwegtäuschen.
Foto: HWK Düsseldorf/Heike Herbertz

Diese Story erschien zuerst im Geschäftsbericht "Werkstatt 2019" der Handwerkskammer Düsseldorf mit dem Schwerpunktthema "In Frauenhand".


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