Auch Zähne kann man lieben – von Zahntechnikern und Zahnkünstlern

Zahnkünstler nannte man Leute wie Jan Berger früher. Und das passte ja schon: Denn diese Leute waren Kunst-HAND-Werker im wahrsten Sinne des Wortes, die früher per Hand den Zahnersatz schnitzten und feilten, dabei Kautschuk, Gold und Gips und allerlei andere Materialien verwendeten – und alles mit nur einer Motivation: den Menschen ihre Würde zurückzugeben. Denn damals wie heute gilt, was beinahe nach einem Werbespruch klingt: Ein Lächeln funktioniert am allerbesten mit einem schönen Gebiss. Die Spezialisten für Ästhetik, Vollkeramik und Implantologie.

Foto: ZDH/Robertino Nikolic
Jan und Peter Berger versorgen mithilfe von 70 Mitarbeitern pro Monat etwa 1.000 Patienten im Rhein-Main-Gebiet mit "Zahn-Ersatzteilen".

Berger kennt das schon noch mit diesem alten Handwerk. Seit 1950 führt seine Familie das Dentallabor im hessischen Hanau, er ist die dritte Generation, kann natürlich noch behände mit dem Werkzeug hantieren. Aber er ist nicht mehr nur Kunsthandwerker, sondern inzwischen auch noch Computerfachmann. Neben ihm auf dem Tisch steht ein Kasten, einen halben Meter hoch, mit einer durchsichtigen Glasscheibe. Mit einem leisen Summen bewegt sich darin ein kleiner Kopf über einem bereits halb fertiggestellten künstlichen Plastikgebiss: Der 3DDrucker hat Einzug gehalten ins Kunsthandwerk. Weiter hinten steht ein anderes Hightech-Teil: eine CNC-Fräsmaschine, die ihre Daten elektronisch erhält und künstliche Zähne bis auf den Millimeter genau nach Plan modelliert, genau in der Farbe und dem Material, das der Kunde haben möchte. „Den individuellen Ästhetikanspruch kann man nur schwer standardisieren“, sagt der 35-jährige Zahntechnikermeister. „Wir stellen ein hochpräzises Produkt her, jedes ist ein Unikat.“ Jan Berger trägt eine dieser neumodischen Computeruhren am Handgelenk und Turnschuhe. So sieht ein Kunsthandwerker 4.0 heute aus. Vater Peter Berger macht das sichtlich stolz, dass der Übergang in diese Moderne geklappt hat: „Wir arbeiten zum Teil mit den gleichen Maschinenherstellern zusammen, die auch Firmen aus der Raumfahrt beliefern!“ Ein Thema, das einlädt zum ewigen Wortwitz dieser Branche: „Wir gehen eben“, entgegnet Jan Berger, „mit dem Zahn der Zeit.“ Und grinst, natürlich ohne Zahnlücke.  

Die beiden führen gemeinsam diesen Betrieb, der heute mithilfe von 70 Mitarbeitern pro Monat etwa 1.000 Patienten im Rhein-Main-Gebiet mit, wenn man so will, Ersatzteilen versorgt. „Wir sind ein Vollausstatter“, so formuliert es der Junior-Chef, der selbst gelernter Zahntechnikermeister ist. Neben Kronen und Brücken stellt der Familienbetrieb in Hanau Inlays sowie Teil- und Vollprothesen her. Und dazu auch noch Schnarch- und Knirschschienen, die in den vergangenen Jahren immer stärker nachgefragt werden: Die stets hastende Gesellschaft leidet im Schlaf unter Stress – die Bergers können das zumindest ein wenig lindern. Wobei sich der Trend ändert: Weil immer mehr Patienten auf einen nicht nur natürlich aussehenden Zahnersatz, sondern auch auf dessen festen Halt und eine hohe Funktionstüchtigkeit Wert legen, steigt seit Jahren der Anteil des auf Implantaten, also Schrauben, befestigten Zahnersatzes. Komplettgebisse hingegen, die man abends herausnimmt, werden kaum noch nachgefragt: „Die Menschen haben heute bis ins hohe Alter Zähne.“

Hilfsmittel gegen schlechten Schlaf, ästhetische Bereicherung oder schlicht ein Heilmittel in allen möglichen Größen: Zahntechniker bewegen sich mit ihren Produkten an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Heilkunst. Wobei „die Dritten“ noch gar nicht so lange als Heilmittel anerkannt sind. Erst mit dem Zahnheilkundegesetz wurden im Jahr 1952 die Aufgaben der Zahnärzte und die der Zahntechniker klar aufgeteilt – aber zugleich wurde festgelegt, dass das Fehlen von Zähnen „eine Krankheit“ ist. Seitdem ist derlei zumindest mitunter von Krankenkassen und -versicherungen zu zahlen.

Bei so individuellen Produkten wie dem Zahnersatz geht es auch um Vertrauen. Das ist einer der Gründe, wieso Berger junior und senior die meiste Zeit gar nicht an ihren Maschinen verbringen, sondern im Kundenkontakt. „Auch wenn Zahnärzte ihre Praxen komplett digitalisiert haben, bleibt das Gespräch der beste Weg, um Probleme zu lösen“, sagt Jan Berger. Deswegen besuchen Jan und Peter Berger jeden Tag mindestens eine Zahnarztpraxis, sprechen mit den Ärzten, helfen beim Betreuen der Patienten. Und deswegen setzen Vater und Sohn auch auf ungewöhnliche Werbemaßnahmen: Ein kleines Skirennen sponsern sie und richten eine Gokart-Meisterschaft für Zahnärzte aus. Das läuft so gut, dass sie mittlerweile einigen absagen müssen.

In den Praxen und auch bei ihren Rennen sind die Bergers Vermittler neuer Techniken. Sie erklären den Zahnärzten, wohin die Zahntechnik geht. Sogenannte biokompatible Werkstoffe werden öfter eingesetzt, also Zirkon, Aluminiumoxid oder Titan. Und immer stärker automatisiert wird die Zahntechnik. Roboter können mittlerweile den Kiefer der Patienten abtasten, mitunter mechanisch, aber auch durch Laserscans oder Fotos. Daraus konstruiert der Zahntechniker mit dem Computer dann immer öfter den Zahnersatz. Aus den Daten fräsen und drucken die Maschinen dann die Ersatzteile – die dann die Fachleute natürlich immer noch begutachten und mit der Hand anpassen: Die Zahnkünstler eben, die braucht es schon immer noch.  

Zu den Personen

Jan Berger ist Geschäftsführer der Berger Zahntechnik GmbH. Nach seinem Abitur hat er eine Ausbildung zum Zahntechniker 2005 abgeschlossen und 2011/2012 die Meisterschule in Frankfurt mit dem Abschluss als Zahntechnikermeister besucht. Er ist im Unternehmen zuständig für die neuen Technologien in der Zahnmedizin und Zahntechnik.

Peter Berger ist seit 1981 Zahntechnikermeister und führte von 1983 bis zur Übergabe an seinen Sohn in zweiter Generation die Berger Zahntechnik GmbH. Neben seinem beruflichen Engagement ist er seit 1997 öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Zahntechnikerhandwerk.

Bilder: ZDH/Marketing Handwerk

Text: ZDH/Cornelie Barthelme

Dieser Artikel erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2017.

 

 

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