Akademiker im Handwerk: Lust auf ein eigenes Unternehmen

Akademiker im Handwerk, das klingt zunächst ungewöhnlich. Aber die technischen und unternehmerischen Anforderungen im Handwerk steigen, viele Unternehmer suchen Nachfolger und der Weg zu einer Führungsposition ist kurz. Das macht das Handwerk attraktiv für Akademikerinnen und Akademiker, die auf eigenen Beinen stehen und etwas gestalten wollen – so wie Susann Mütze und Kai Kegelmann.

"Ich habe in Spänen gespielt und später auch gedreht, gefräst und poliert."

Als Kai Kegelmann Praktikant bei einem großen Automobilzulieferer war, gab es diesen einen Moment, in dem er wusste, dass ein Job in der Industrie nichts für ihn ist. Er wollte anpacken, wollte etwas schaffen. Im Praktikum hatte er nach kurzer Zeit die ihm übertragenen Aufgaben erledigt. Also fragte er seinen Vorgesetzten, was als Nächstes zu tun sei. Der sagte zu ihm: „Eins musst du noch lernen: Man muss sich immer ein bisschen Arbeit für den nächsten Tag aufheben.“

Kai Kegelmann aber wollte sich nichts aufheben, er wollte etwas aufbauen. Deshalb reizte ihn das Handwerk. Sein Vorbild fand er schon als Kind in seinem Onkel Stephan Kegelmann, der vor rund 30 Jahren im hessischen Rodgau die Kegelmann Technik GmbH gründete, ein Unternehmen für Modell- und Formenbau. Die erste Werkstatt war 1989 auf 60 Quadratmetern Kellerfläche. „Heute würde man ‚Start-up‘ sagen“, meint Kai Kegelmann. Davon war er schon als Junge fasziniert. „Ich habe in Spänen gespielt und später auch gedreht, gefräst und poliert.“

Ob als Schüler oder Student, in den Sommerferien arbeitete er immer im Betrieb mit. Eine Ausbildung zum technischen Modellbauer wollte er trotzdem nicht machen – oder vielmehr: genau deswegen. Denn er hatte das Gefühl, bereits genug praktische Erfahrungen gesammelt zu haben. Deshalb studierte er Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Darmstadt und saß in den Vorlesungen mit 600 anderen Studierenden im Hörsaal. „Da muss man lernen, sich durchzubeißen, und man braucht ein hohes Maß an Eigenorganisation, weil einem keiner was nachträgt“, sagt er.

All das sind Erfahrungen, die heute für seine Arbeit wichtig sind: Er verwirklichte seinen Kindheitstraum und stieg parallel zum Masterstudium in den Familienbetrieb ein. Heute ist er Geschäftsführer des von ihm initiierten Tochterunternehmens Kegelmann Manufacturing, das auf Metall-3D-Druck spezialisiert ist. Auch im Mutterunternehmen mit 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Kegelmann Technik, wird er Stück für Stück mehr Verantwortung übernehmen. Längst führt er selbst Bewerbungsgespräche oder trifft Investitionsentscheidungen. Anderen, die wie er studieren und Karriere im Handwerk machen wollen, rät er, vor der Uni eine Ausbildung zu machen. Denn vom Akademisierungswahn hält er nichts: „Heute denkt jeder, er müsse studieren, und das am besten in der Regelstudienzeit. Dann sind die Leute 24 Jahre alt und haben noch nie einen Betrieb von innen gesehen. Das ist absolut nicht hilfreich."

Er selbst ist mit seiner Entscheidung für das Handwerk bis heute glücklich. An seinem Job schätzt er vor allem die Abwechslung: „An einem Tag treffe ich einen Landmaschinenhersteller, am nächsten Tag einen Orthopädietechniker und am dritten Entwickler aus dem Automotive-Bereich. Vom Erfinder bis zum Großunternehmer ist alles dabei."

 

Fotos: Kegelmann Technik

"Ich fühle mich zu Hause, wenn es nach Holz riecht."

Als Kind war der Freitagnachmittag für Susann Mütze die schönste Zeit der Woche. Wenn ihr Vater und Großvater die Tischlerei sauber machten, saß sie unter den Maschinen und kratzte Sägespäne heraus. Sie besuchte sie oft am Arbeitsplatz, drehte mit ihnen die Presse oder sägte mit der Laubsäge Holzpuzzles und Weihnachtsmotive aus. Es machte sie glücklich, in der Werkstatt zu sein. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Ich fühle mich zu Hause, wenn es nach Holz riecht. Egal, ob ich durch den Wald gehe oder in einen Raum mit frischem Holz komme“, sagt sie.

Die Liebe zum Holz wurde ihr in die Wiege gelegt. Seit 1823 führt ihre Familie die Tischlerei Mütze im sächsischen Kamenz. Susann Mütze leitet den Betrieb heute in siebter Generation. Früher war die Tischlerei eine kleine Werkstatt in der Stadt, nach der Wende zog sie in eine 1.000 Quadratmeter große Halle im Gewerbegebiet um. Eigentlich wäre ihre Großmutter die erste Frau gewesen, die den Betrieb leitet – weil das damals aber undenkbar war, ließ sich deren Ehemann zum Tischler umschulen. So ist Susann Mütze nun die erste Geschäftsführerin in der Unternehmensgeschichte.

„Mir hat die Arbeit mit Holz von Anfang an Spaß gemacht“, betont sie. Trotz der Familientradition sei sie nicht dazu gedrängt worden. Im Gegenteil: Ihr Vater riet ihr sogar von einer Tischlerlehre ab, weil er um die körperlichen Strapazen des Berufs wusste. Er empfahl seiner Tochter, stattdessen zu studieren. An der Liebe zum Holz hielt sie aber fest und studierte an der Fachhochschule Rosenheim Holztechnik. Die Entscheidung für ein Studium sei vielleicht auch den damaligen Umständen geschuldet gewesen, sagt Mütze. „Es war das Jahr 2000, da hat fast keiner einen Job gekriegt. Viele meiner Mitschüler sind in die westdeutschen Bundesländer gegangen.“ Heute sei das anders, da seien Betriebe froh, wenn sie geeignete Lehrlinge fänden.

Dass sie so jung Geschäftsführerin wurde, ist eigentlich einem Schicksalsschlag geschuldet. Nach einigen Jahren als Ingenieurin in Süddeutschland kehrte sie 2013 in den elterlichen Betrieb zurück, 2015 starb überraschend ihr Vater. Als sie den Betrieb übernahm, erwies sich das Studium als Glücksgriff. Statt schweres Werkzeug in die Hand zu nehmen, verbringt sie nun die meiste Zeit im Büro, führt Kundengespräche und erstellt Angebote. „Manchmal denke ich mir aber schon: Hätte ich mal die Lehre gemacht!“ Denn die praktischen Grundlagen, die die duale Ausbildung vermittelt, waren nicht Teil des Studiums. Aber durch die Mitarbeit im elterlichen Betrieb habe sie einige Grundlagen mitbekommen, sagt sie. „Wenn’s drauf ankommt, schneide ich mir selbst ein Brett zu.“

Was würde Susann Mütze heute beruflich machen, wenn sie den Familienbetrieb nicht übernommen hätte? Und obwohl sie eine ganze Weile überlegt: Eine Antwort auf diese Frage fällt ihr nicht ein. „In der Tischlerei zu arbeiten, das war schon von klein auf mein Wunsch, und der hat sich erfüllt.“ Der schönste Moment ist für sie, wenn ein Auftrag erfüllt ist, der Kunde das Ergebnis sieht und glücklich über sein ganz individuelles Möbelstück ist. Deshalb ist sie begeistert vom Handwerk und überzeugt davon, dass es sich lohnt, ins Handwerk zu gehen. „Einen Schrank aus dem Möbelhaus kann sich jeder holen. Im Handwerk dagegen kann vieles mehr gemacht werden, was die Industrie nicht hinkriegt: das Individuelle, das i-Tüpfelchen, die persönliche Note.“

Der Artikel erschien zuerst im ZDH-Jahrbuch 2018/2019.

 

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