28.06.2019

ZDH-Unternehmerforum 2019: "Fachkräfte für das Handwerk"

Über Fachkräftesicherung und die Herausforderungen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt sprachen hochkarätige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft am 27. Juni im Haus des Deutschen Handwerks beim Unternehmerforum des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Die Veranstaltung mit dem Titel „Fachkräfte für das Handwerk – Eine moderne berufliche Bildung garantiert zukunftsfähige Arbeitsmärkte“ widmete sich einem der drängendsten Themen im Handwerk.

Fachkräfte zu finden und zu binden, ist aktuell und in Zukunft eine der großen Herausforderungen – und zwar quantitativ und qualitativ. Dabei geht es letztlich auch um die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland. In seiner Funktion als Gestalter der Zukunft hat das Handwerk weitreichende wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Aufgaben. Sie reichen von der Digitalisierung der Betriebe über die Umsetzung der Energiewende bis zur Integration geflüchteter Menschen. Im Mittelpunkt des ZDH-Unternehmerforums stand die Frage: Was muss eine moderne berufliche Bildung für zukunftsfähige Arbeitsmärkte leisten?

 

Wollseifer fordert Entlastungsoffensive für Ausbildungsoffensive

 

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer forderte in der Eröffnung mehr Anerkennung und Wertschätzung für die berufliche Bildung. Der enorme Fachkräftebedarf sei maßgeblich auch das Resultat eines verfehlten Verständnisses von Bildungspolitik, sagte er. Viel zu lange sei gepredigt worden, dass nur Abitur und akademische Titel etwas wert seien. Das habe zu einem massiven Ansehensverlust der beruflichen Ausbildung geführt – nicht nur bei den Jugendlichen, sondern gerade auch bei ihren Eltern und Lehrern. „Es ist deswegen höchste Zeit für ein ganzheitliches Verständnis von Bildungspolitik, für eine Bildungswende“, sagte Wollseifer.

Darüber hinaus sprach sich der ZDH-Präsident für eine „gezielte Entlastungsoffensive“ für die Ausbildungsbetriebe aus: „Wer ausbildet, der übernimmt nicht nur soziale und gesellschaftspolitische Verantwortung. Er hat auch hohe Kosten.“ Ansatzpunkte für eine Entlastung seien die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. Es sei nicht klar, warum Studierende bis zum 25. Lebensjahr kostenlos bei ihren Eltern mitversichert seien, während Auszubildende gemeinsam mit den Arbeitgebern Beiträge abführen müssten. Ähnliches gelte für die Unfallversicherung: Für Studierende würden die Kosten von den Ländern getragen, also aus Steuermitteln. „Mit entsprechenden Korrekturen im Sozialrecht würden nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer spürbar entlastet. Es würde auch ein wichtiges Signal für gelebte Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung gesetzt“, sagte Wollseifer.

 

Rachel: "Wert beruflicher Ausbildung wurde zu lange unterschätzt"

 

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung Thomas Rachel pflichtete Wollseifer bei, dass es mehr Wertschätzung für die duale Ausbildung brauche. „Die Glorifizierung der akademischen Ausbildung als Einheitsmodell für den Start ins Berufleben läuft den Interessen und Bedürfnissen der jungen Generation zuwider. Das ist eine sehr schlechte Entwicklung. Der Wert beruflicher Ausbildung wurde zu lange unterschätzt und negiert.“ Auch die Art und Weise, wie über Auszubildende gesprochen werde, sei entscheidend dafür, dass sich wieder mehr Jugendliche für eine berufliche Ausbildung entschieden. „Junge Leute, die anpacken und sich engagieren, verdienen Anerkennung.“

Um deutlich zu machen, was das Handwerk zu bieten habe, müssten die Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten noch deutlicher gemacht und auch stärker finanziell gefördert werden. Ein Beitrag dazu seien die drei neuen Fortbildungsstufen: „Geprüfter Berufsspezialist“, „Bachelor Professional“ und „Master Professional“. Rachel betonte, dies seien lediglich Ergänzungen. Die bewährten Berufstitel blieben erhalten. „Der Meister ist und bleibt der Meister. Daran ändert sich gar nichts.“ Außerdem sollten angehende Meister höhere Zuschüsse für ihre Weiterbildung bekommen. Im Herbst solle die Novelle des Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFBG) auf den Weg gebracht werden. Für angehende Meisterinnen und Meister sollten dann im Rahmen des Aufstiegs-Bafögs zusätzliche Fördergelder in Höhe von 350 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

 

Podiumsdiskussion: Digitalisierung an Berufsschulen überfällig

 

In einer anschließenden Podiumsdiskussion über die Herausforderungen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt diskutierten ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke, der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit Daniel Terzenbach und der Leiter Wissenschaft im Institut der Deutschen Wirtschaft Köln Dr. Hans-Peter Klös.

ZDH-Generalsekretär Schwannecke sagte, die Digitalisierung müsse auch endlich in Berufsschulen ankommen. Er forderte, die Politik müsse berufliche Bildung finanziell unterstützen. „Unsere Betriebe können nicht darauf warten, dass Digitalisierung und moderne Technologie dort Einzug halten. Wenn ein Dachdecker-Azubi wissen muss, wie man eine Drohne fliegt, bringt ihm der Ausbildungsbetrieb das bei.“ Der technologische Fortschritt entwickele sich allerdings rasant. „Meine Sorge ist, dass die Digitalisierung nicht rechtzeitig auf der qualifikatorischen Ebene ankommt.“

Dr. Hans-Peter Klös, Leiter Wissenschaft im Institut der Deutschen Wirtschaft Köln, mahnte, Deutschland dürfe im weltweiten Vergleich nicht den Anschluss verlieren bei Zukunftsthemen wie Start-Ups und Künstliche Intelligenz. „Da ist Deutschland weltweit leider nicht der Leader. Aber diese Themen werden irgendwann auch bei uns ankommen. Leader ist Deutschland beim Thema Berufliche Bildung. Deshalb müssen wir da auch den digitalen Fortschritt abbilden.“

Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, betonte, zwar würden im Zuge der Digitalisierung viele Berufe verschwinden. „Aber mindestens ebenso viele werden neu entstehen. Die Digitalisierung bietet mehr Chancen als Risiken.“ Deshalb sei es wichtig, dass sich Arbeitnehmerinnen und –nehmer ein Leben lang weiterbildeten.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, forderte, die Berufliche Bildung müsse digitaler werden, um attraktiv für junge Menschen zu sein. Nur dann lasse sich in der Zukunft der Fachkräftebedarf decken. „Dass die Digitalisierung nicht nur in Betrieben, sondern auch Berufsschulen Einzug hält, ist die Voraussetzung dafür, dass Berufsschulen den Hochschulen Konkurrenz machen können.“