10.04.2019

ZDH-Bildungsexperte Volker Born zum Berufsbildungsbericht 2019

„Trotz einer Steigerung des Ausbildungsplatzangebots und eines Plus bei den Neuverträgen sehen wir im Handwerk, dass in den letzten Jahren die von unseren Betrieben angebotenen Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzt werden konnten. Die demographische Entwicklung und die ungebrochene Studierneigung junger Leute sind klare Herausforderungen“, sagt Volker Born, beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zuständig für den Bereich berufliche Bildung. Im Negativ-Ranking des Berufsbildungsberichts sind gleich mehrere Berufe zu finden, die in seinen Bereich fallen, etwa Fleischer, Klempner, Gerüstbauer, Betonbauer und Bäcker. „Diese Berufe und die Karrierewege müssen wir unbedingt attraktiver machen“, sagt Born. 

„Die Ausbildungsvergütung in Handwerksberufen ist in den letzten Jahren über Tarif gestiegen“, sagt er. Beispiel Stahlbetonbauer: „Das ist bereits eine der Ausbildungen mit der höchsten Vergütung. Schon im ersten Lehrjahr reicht sie an die 1000 Euro heran“, sagt Born. „Das ist sogar höher als die Gehälter in beliebten Ausbildungen wie denen zum Bank- oder Industriekaufmann.“ 

Hauptproblem ist eher, dass alte Klischee-Bilder unter Jugendlichen verbreitet sind. Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk oder Fleischer etwa, die laut Ranking besonders unbeliebt sind, hätten sich stark gewandelt. „Viele Leute denken, es gehe nur darum, Fleisch zuzubereiten oder Waren über den Tresen zu reichen“, sagt Born. „Dabei sind die Berufe viel komplexer geworden.“ Die Beschäftigten seien heute mit vielfältigen Kundenwünschen konfrontiert. „Das fängt an bei Beratungen rund um Nachhaltigkeit der Produkte“, sagt der ZDH-Experte. „Und es reicht bis zu Kalkulation und Logistik eines Caterings.“ 

Zur Strategie, unterschiedliche Typen anzusprechen, Beispiel Eventorientierung: „Diesen Talentetyp wollen wir für den Beruf des Elektrotechnikers gewinnen“, sagt Born. Das versuche man mit Werbeplakaten, auf denen der Backstage-Bereich eines Konzerts abgebildet ist – wo entsprechende Arbeitnehmer für die Bühnentechnik verantwortlich sind. „So zeigen wir Situationen, in die die Auszubildenden kommen können“, erklärt Born. „Man steht eben nicht nur bei Wind und Wetter auf einer Baustelle, sondern kann sich selbst verwirklichen – mit Hightech und Verantwortung.“ Ähnliches sei für andere Bereiche mit Bewerbermangel möglich. 

Zu steigenden Abiturientenquoten:  „Wir hatten bei den Handwerkazubis vor Jahren einen Abiturientenanteil von sechs Prozent. Mittlerweile sind wir bei 13 Prozent“, sagt Born. Diese positive Entwicklung berge jedoch auch eine Gefahr: dass sich die Auszubildenden dann doch noch für ein Studium entscheiden. „Gerade Abiturienten wollen Optionen geboten bekommen“, sagt Born. „Deshalb müssen wir ihnen klar machen, dass es im Handwerk vielfältigste Karrieremöglichkeiten und Fortbildungsoptionen gibt.“ Viele Abiturienten wüssten davon zu wenig, weshalb viele von ihnen es gar nicht in Erwägung zögen, eine Ausbildung zu machen. Deshalb sei es wichtig, dass an allen allgemeinbildenden Schulen, gerade auch an Gymnasien, eine umfassende Berufsorientierung stattfinde.


Auszüge des Beitrags sind am 10. April 2019 auf www.welt.de erschienen.