05.12.2016
Junge Menschen. istockfoto.com

Migranten ins Team

"Nicht die Geduld verlieren!", warnt ZDH-Präsident Wollseifer im Leitartikel für das Magazin "Clavis" angesichts der Flüchtlings-Bürokratie.

"Wir schaffen das", hat die Bundeskanzlerin gesagt. Wir im Handwerk haben das nicht als Dictum, sondern vor allem als Ansporn empfunden. Wenn jeder etwas dazu beiträgt, kann "das" durchaus gelingen. Jeder – wir in Deutschland, und die Menschen, die tatsächlich gute Gründe für ihren Asylantrag haben.

Am Anfang haben viele Kolleginnen und Kollegen Flüchtlinge in ihren Betrieb geholt, wollten helfen – aber beide Seiten mussten einsehen, dass sie meist überfordert waren. Also hat das Handwerk sich für eine klare Linie entschieden: Erst Talent und Willen zur Ausbildung feststellen, dann Deutschkurs und Integrationskurs absolvieren. Das findet oft schon in einer handwerklichen Bildungsstätte statt, so dass die jungen Flüchtlinge sich auch die verschiedenen Berufe anschauen können. Oder sie absolvieren parallel ein Praktikum, um den Berufsalltag kennen zu lernen. Danach nehmen sie in den Bildungsstätten in zwei Stufen an der Berufsorientierung teil. 10.000 wollen wir bis 2018 in einem nationalen Projekt gemeinsam mit den Arbeitsagenturen und dem Bundesbildungsministerium fördern und in betriebliche Ausbildung vermitteln.

Die Ausbildungsbereitschaft der Handwerksmeisterinnen und -meister ist hoch. "Wir geben den Flüchtlingen eine Chance, das kriegen wir hin", höre ich immer wieder. Was unseren kleinen Betrieben mit im Schnitt sechs Beschäftigten dabei hilft, ist die Reduzierung der bürokratischen Belastung. Die Integrationsgesetze erleichtern vieles, dazu kommen die "Willkommenslotsen", die das Bundeswirtschaftsministerium fördert, die als direkte Ansprechpartner für Flüchtling und Betrieb vieles auf dem "kleinen Dienstweg" lösen können.

In allen Regionen in Deutschland engagieren sich die Handwerksorganisationen – von der Innung und Kreishandwerkerschaft bis zur Bundesinnung und Handwerkskammer. Viele bieten für die 2015 ins Land gekommenen Flüchtlingsströme auch regionale Maßnahmen an, oft gefördert von den Bundesländern. Viele können aber auch schon sagen: Wir haben lange vor 2015 begonnen, junge Afghanen, Syrer, Iraker oder Eritreer zu integrieren. Wir haben Erfahrungen und die geben wir weiter.

Dieser Tage fiel mir eine Pressemitteilung der Handwerkskammer für Schwaben in die Hände: 227 Praktika vermittelt, 30 Einstiegsqualifizierungen organisiert, 168 Ausbildungsverträge in die Handwerksrolle eingetragen – alles seit Januar 2015. Das ist die Bilanz einer einzigen Handwerkskammer, die mit einem Sechser-Team die Flüchtlingsarbeit betreibt. Rechnen Sie das mal hoch! Solche Bilanzen machen uns im Handwerk schon ein wenig stolz.

Auf der anderen Seite gehe ich gerne in die Bildungsstätte der Handwerkskammer zu Köln. Nicht nur, um die innovative Ausbildung in unseren High-Tech-Berufen zu bewundern, sondern vor allem, um die Kurse für Flüchtlinge zu besuchen. Als Handwerksmeister freue ich mich wirklich, dass hier junge Menschen nach oft traumatischen Erfahrungen ganz in ihrer ersten Berufserfahrung aufgehen. Die jungen Leute sind enorm motiviert. Alle wollen es schaffen, die meisten werden es auch schaffen.

Jeder, der diese Projekte betreut, ist aber auch nicht blind für die Schwierigkeiten. Die Sprache ist die größte Hürde, Fortschritte kommen langsam, oft erst, wenn im Umfeld ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Das fehlende Netzwerk ist die zweite Hürde – hier leisten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter viel über ihr berufliches Engagement hinaus. Spätestens in der Ausbildung wird das jedoch besser, wenn der Betrieb auch ein wenig die Familie ersetzt.

Das angesprochene große Engagement von allen Seiten ist notwendig, über viele Jahre. Ansonsten ist die Ausbildung zur Fachkraft nicht möglich. Mindestens fünf Jahre dauert das, vom Zeitpunkt der Einreise aus gerechnet, wenn die Behörden flott sind. Doch wir brauchen Facharbeiter, keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter "zweiter Klasse", mit einer Ausbildung "light". Im Handwerk klappt dann die Integration, wenn man als Migrant zum Team gehört.

Es ist gut, wenn Politik und Gesellschaft nicht die Geduld verlieren, die wir hier brauchen. Handwerk denkt nicht bis zum nächsten Wahltag – Handwerk denkt nachhaltig. Unsere Familienbetriebe haben große Probleme, Auszubildende aus ihrer Nachbarschaft zu finden – sie werden den langen Atem aufbringen, die jungen Flüchtlinge ans Ziel zu bringen. Jeder, der dabei hilft, ist willkommen. Damit vielleicht am Ende aus Heimischen und Zugewanderten ein "Wir" wird.


Autor: Hans Peter Wollseifer ist Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Handwerkskammer zu Köln

Den Beitrag im Clavis-Magazin finden Sie hier