23.10.2017

Handwerks-Präsident: Wir machen es ausländischen Fachkräften zu schwer

Qualifizierte Fachkräfte sind schon jetzt absolute Mangelware und fehlen gerade auch im Handwerk an vielen Stellen. In einigen Bereichen des Handwerks sind Fachkräfte so knapp, dass es bei der derzeit sehr guten Handwerkskonjunktur schwierig ist, alle Aufträge abzuarbeiten.

Der Fachkräftemangel droht zur Wachstumsbremse zu werden, und das nicht nur für unsere Betriebe, sondern für die deutsche Wirtschaft insgesamt.

Mehr als 40 Prozent der Handwerksunternehmen berichten über Probleme bei der Besetzung offener Stellen. Und ein Blick auf die demografische Entwicklung in Deutschland lässt schnell erkennen, dass dieser Fachkräftemangel noch zunehmen wird.

Damit der Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft und unserer Handwerksbetriebe nicht ins Stottern gerät, sondern geschmiert weiterläuft, hält das Handwerk die gesteuerte und an den Bedürfnissen des deutschen Arbeitsmarktes orientierte Zuwanderung qualifizierter ausländischer Fachkräfte für zwingend notwendig. Um es aber deutlich zu sagen: Eine solche gezielte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt ist klar zu trennen von der Aufnahme von Flüchtlingen aus vorrangig humanitären Gründen.

Viele Handwerksbetriebe engagieren sich seit Jahren stark im Bereich der Integration von Flüchtlingen in Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – denn das Handwerk versteht sich nicht allein als Wirtschafts-, sondern auch als Gesellschaftsgruppe. Dieser Integrationsprozess ist wichtig und gesellschaftlich geboten, seine Umsetzung bleibt aber komplex und erfordert von allen Beteiligten einen langen Atem. Denn es braucht Zeit, um etwa die mangelnden Sprach- und Fachkenntnisse auszugleichen.

Ungeachtet dessen werden sich unsere Betriebe auch weiterhin engagieren – einerseits aus der humanitären Verantwortung heraus, andererseits um Flüchtlingen damit Perspektiven auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu verschaffen und auf diesem Weg auch zukünftige Fachkräfte zu gewinnen. Doch die sich immer stärker auftuende Fachkräftelücke lässt sich allein auf diesem Weg nicht schließen – und schon gar nicht kurzfristig. Die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt kann vielmehr nur einer von zahlreichen Mosaiksteinen sein, um neue Fachkräfte zu gewinnen. Die Fachkräfteproblematik als solche wird sie aber sicher nicht lösen.

Um langfristig Wachstum und Wohlstand in unserem Land zu sichern, ist die gezielte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte nach Deutschland unerlässlich. Ganz unabhängig von den zu uns kommenden Flüchtlingen, die zunächst erst einmal Asyl und Schutz suchen, gibt es einen Bedarf an ausländischen Fachkräften. Den müssen wir definieren. Und wir müssen klar regeln, wie wir ihn decken.

Das Handwerk hat deshalb bereits im Frühsommer ein grundsätzliches Positionspapier zum Thema Zuwanderung beschlossen. Wenn inzwischen alle Parteien eines möglichen Jamaika-Regierungsbündnisses im Grundsatz eine gezielte Zuwanderung von Fachkräften für notwendig halten und entsprechende gesetzliche Regelungen treffen wollen, dann begrüßen wir das ausdrücklich.

Die Pläne von Union, FDP und Grünen weisen zurzeit noch einige Unterschiede auf, aber im Kern beinhalten sie das, worauf wir im Handwerk bereits früh hingewiesen, und was wir gefordert haben: Zuwanderung von fachlich Qualifizierten ist nötig. Zuwanderung muss gesteuert erfolgen und sich vorrangig an den Erfordernissen des deutschen Arbeitsmarktes ausrichten. Zuwanderung braucht einen klaren und praxistauglichen gesetzlichen Rahmen. 

Bisher hat man den Fokus bei qualifizierter Zuwanderung zu sehr auf akademisch Gebildete gelegt. Das muss sich ändern. Künftig müssen stärker beruflich Qualifizierte in den Blick genommen werden. Wir müssen fachlich Vorgebildete in Mangelberufen gewinnen, weil wir genau die brauchen. Das gilt auch für junge fachlich Talentierte, die eine Ausbildung machen wollen, um danach hier zu bleiben.

Derzeit ist es jedoch mehr als schwierig, genau diese Fachkräfte und Talente nach Deutschland zu bekommen. Denn es gleicht dem Gang durch ein Labyrinth, will man sich durch alle derzeit vorhandenen Verästelungen der gültigen Gesetzesvorschriften hindurchfinden. Die gesetzlichen Regelungen zur Zuwanderung sind über viele Gesetze und Verordnungen verstreut. Das macht es kompliziert und intransparent. Vor allem aber schreckt es eher ab, als dass es ausländische Fachkräfte dazu motiviert, sich in Deutschland nach einer qualifizierten Arbeit umzuschauen.   

Aus Sicht des Handwerks ist deshalb ein neues Einwanderungsgesetz nötig, das all diese bestehenden komplizierten Regelungen zusammenfasst und verständlicher macht – und zwar für ausländische Fachkräfte wie für deutsche Arbeitgeber. Wir brauchen eine mittelstandsorientierte Zuwanderung, die vor allem beruflich Qualifizierte in den Fokus nehmen muss. Das Handwerk ist gegen ein Punktesystem. Stattdessen sollte jeder beruflich Qualifizierte die Möglichkeit haben, in einer befristeten Zeit und natürlich selbst finanziert einen Arbeitsplatz in Deutschland zu suchen: Wenn das klappt, dann haben wir doch alle etwas davon.

Der Gastbeitrag von ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer erschien am 22. Oktober 2017 auf Focus Online.