17.10.2018

Handwerk vs. Industrie: Drei Fragen an ZDH-Generalsekretär Schwannecke

Foto: Boris Trenkel

Was unterscheidet das Handwerk von der Industrie als Arbeitgeber?

Deutschlands Wirtschaft ist vor allem wegen seiner mittelständischen Struktur so erfolgreich. Kleine und mittlere Betriebe sind es, die zu einem erheblichen Teil in ihrer Funktion als Zulieferer und Dienstleister auch den Erfolg konzernartiger Industrieunternehmen mittragen. Es ist klar, dass Industrieunternehmen anders arbeiten als ein Handwerksbetrieb mit im Durchschnitt 6 bis 8 Mitarbeitern. Diese eher kleinteilige und in der Mehrheit familiengeprägte Struktur von Handwerksbetrieben ist ihr ganz großer Vorteil: Hier zählt jeder Mitarbeiter und wird in seiner Person wahrgenommen und ist nicht lediglich ein Teil im großen Ganzen. Arbeiten im Handwerk ist geprägt von Team- und Kundenorientierung, von persönlichem Miteinander und Familienfreundlichkeit, von Traditionsbewusstsein bei gleichzeitiger Zukunftsausrichtung. Handwerksbetriebe zeichnen sich vielerorts durch ehrenamtliches Engagement und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung im eigenen Wirkungskreis aus. Den Handwerker vor Ort, den kennt man in der Regel.  

 

Mit was punktet das Handwerk als Ausbildungs- und Arbeitgeber?

Handwerksbetriebe punkten zum einen mit nicht-materiellen Faktoren. Familienfreundlichkeit wird groß geschrieben. Es gibt eine Vielfalt guter Beispiele für familiengerechte Arbeitszeitmodelle (www.familienfreundlichkeit-im-handwerk.de). Mitarbeiter schätzen zudem die zumeist persönlichere Zusammenarbeit in einem Handwerksbetrieb, die sich durch eine hohe Flexibilität, ein hohes Maß an Teamarbeit oder die Einbindung in das Vereinsleben und Gemeinwesen vor Ort auszeichnet.

Zum anderen sind auch die finanziellen Perspektiven im Handwerk gut. Wer die Meisterqualifikation erwirbt, steht dem Lebensarbeitsverdienst eines Bachelor-Absolventen in nichts nach. Und zudem ist der Meisterbrief eine Art Jobversicherung, denn die Arbeitslosigkeit von Meistern liegt nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt– und Berufsforschung (IAB) deutlich unter der von Akademikern. Und für diejenigen, die Unternehmer werden wollen, bietet das Handwerk derzeit beste Möglichkeiten. Die Zeichen dafür könnten nicht besser stehen, denn rund 200.000 Betriebsinhaber müssen in den nächsten fünf bis sechs Jahren ihre Nachfolge regeln. In wohl kaum einem anderen Wirtschaftsbereich bieten sich zurzeit so gute Chancen, bereits in jungen Jahren seinen eigenen Betrieb zu haben. Eine Betriebsübernahme oder Existenzgründung im Handwerk ist eine vielversprechende berufliche Karriereoption mit guten Einkommensaussichten und hoher gesellschaftlicher Anerkennung.

 

Warum wechseln im Handwerk ausgebildete Facharbeiter manchmal in die Industrie?

Die Gründe für einen Branchenwechsel sind immer individuell und können sehr vielfältig sein. Zunächst einmal ist es ein Kompliment und sichtbares Zeichen für die hohen Ausbildungsstandards, wenn Gesellen und Fachkräfte des Handwerks als qualifizierte Fachkräfte auch in anderen Wirtschaftsbereichen gefragt sind. Zumal das Handwerk auch in Bereichen ausbildet, die für andere Wirtschaftsbereiche ebenso nützlich sein können. Das war schon immer so. Aber natürlich liegt es gerade in Zeiten eines zunehmenden Fachkräftemangels nicht im Interesse eines Betriebes, etwa nach einer Ausbildung oder während des Berufslebens, wertvolle Fachkräfte zu verlieren. Gerade deshalb bieten die Handwerksorganisationen attraktive Fortbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen, um einer möglichen Abwanderung entgegenzusteuern. Unsere Initiative Höhere Berufsbildung etwa ist ein Weg, leistungsbereite junge Menschen in den Fokus zu nehmen.