07.08.2017

Geflüchtete im Handwerk - Drei Fragen an ZDH-Präsident Wollseifer 

Das Handwerk engagiert sich seit 2015 bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Warum?

Wir als Handwerk sehen uns als Wirtschafts- und als tragende Gesellschaftsgruppe. Aus diesem Selbstverständnis heraus haben wir es als humanitäre Verpflichtung und Aufgabe angesehen, zu helfen. Die Integration von Flüchtlingen in Arbeit ist zuallererst einmal eine humanitäre Aufgabe. Dass wir uns gerade in der Flüchtlingshilfe so engagiert haben, hat sicher auch damit zu tun, dass wir es können. Denn Handwerksbetriebe sind geradezu prädestiniert für Integration. Unsere Familienbetriebe sind kleine sozial verbundene Teams, in denen man nicht nur gemeinsam arbeitet, sondern in denen sich alle Mitarbeiter kennen und häufig auch umeinander kümmern. Viele Handwerksbetriebe verstehen sich nicht allein als Ausbilder, sondern sie helfen Flüchtlingen auch beim Ausfüllen von Formularen, bei Behördengängen oder der Wohnungssuche.

Welche Bilanz ziehen Sie nach zwei Jahren?

Knapp 4600 junge Leute aus den acht häufigsten Asylzugangsländern lernten im Jahr 2016 im Handwerk. Darüber hinaus befinden sich etliche weitere Tausend junge Flüchtlinge in Praktika und Berufsvorbereitungsmaßnahmen. Es war klar: Die Arbeitsmarktintegration junger Flüchtlinge passiert nicht von heute auf morgen, das braucht einen längeren Atem. Bei vielen Flüchtlingen mussten wir erst einmal die Voraussetzungen legen, damit sie überhaupt eine Ausbildung beginnen konnten. Vor allem das Erlernen der Sprache war der entscheidende Schlüssel, Nachholbedarf gab es aber auch bei Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Doch nach wie vor ist die Bereitschaft in den Betrieben groß, sich hier zu engagieren.

Würden Sie sich mehr Unterstützung von der Politik wünschen? 

Wir haben schon sehr früh gefordert: Wenn Betriebe Flüchtlinge ausbilden sollen, brauchen sie Rechts- und Planungssicherheit. Wenn wir einen jungen Flüchtling ausbilden, muss klar sein, dass er über die gesamte Lehrzeit in Deutschland bleiben darf. Die 3+2-Regelung sollte deswegen endlich bundesweit einheitlich in den Bundesländern angewandt werden. Zudem sollte aus Sicht des Handwerks ein Schutz vor Abschiebung bereits während einer Einstiegsqualifizierung und während des Berufsfachschuljahres gelten. Sorgen macht uns darüber hinaus ein erhebliches Qualitätsgefälle zwischen den Anbietern der Sprachkurse. Hier erwarten wir mehr Sorgfalt bei der Auswahl und einheitlichere Qualitätsstandards. Und letztlich muss die Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Behörden verbessert werden, denn die bürokratischen Hürden sind leider häufig die höchsten.