17.12.2018

Fachkräftesicherung ist Zukunftssicherung

Foto: Boris Trenkel

In einem Namensbeitrag für das Magazin des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) fordert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke mehr gesellschaftliche Anerkennung für die berufliche Ausbildung und das die Bundesregierung das geplante Zuwanderungsgesetz mit Fokus auf beruflich Qualifizierte endlich umsetzt.

Der Schuh drückt schon jetzt gewaltig und das dürfte noch schlimmer werden, wenn wir nicht endlich entschlossener aktiv werden: Es geht um nicht weniger als die Sicherung von Fachkräften. Gewerkeübergreifend berichten Betriebsinhaber im Handwerk, dass es immer aufwendiger und schwerer wird, überhaupt Personal und Nachwuchs zu finden, und sogar noch einmal schwieriger, Personal zu finden, das passgenau geeignet ist. Der Fachkräftemangel hat sich inzwischen zu einem Problem ausgewachsen, das das Wachstum im Handwerk erheblich bremst. An allen Enden fehlen Auszubildende, Gesellen und Meister. 150.000 unbesetzte Stellen im Handwerk meldete die Bundesagentur für Arbeit Ende 2017. Doch viele Betriebe melden ihre offenen Stellen schon gar nicht mehr, sodass wir inzwischen von einem deutlich höheren Bedarf von etwa 250.000 Personen ausgehen müssen. Bereits etwa die Hälfte unserer Betriebe beklagt Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Betroffen sind nahezu alle Gewerke und alle Regionen in Deutschland. Das führt zu einer Situation, die niemandem gefällt: Unsere Kunden müssen sich auf immer längere Wartezeiten einstellen. Und unsere Betriebe arbeiten an ihren Kapazitätsgrenzen, kommen terminlich schwer hinterher und müssen immer öfter auch Aufträge absagen. Das ist eine für alle Beteiligten unbefriedigende Situation.

Auch die Nachwuchsgewinnung ist eine große Herausforderung für die Betriebe. Obwohl die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge im Handwerk seit einigen Jahren steigt – gegen den demografischen Trend und den Run auf Abi und Uni -, bleiben jährlich rund 15.000 bis 20.000 unserer Lehrstellen unbesetzt. Und es gibt keine Entwarnung. Das jahrlange Mantra von Politik und OECD, nur mit Abitur und Studium lasse sich ein erfolgreicher Berufsweg einschlagen, hat dazu beigetragen, dass sich immer mehr junge Menschen von der beruflichen Ausbildung abgewendet und für die akademische Ausbildung entschieden haben. Fast 60 Prozent der Schulabgänger eines Jahrgangs sind das inzwischen. Hier ist etwas aus der Balance geraten, denn vor zehn Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt. Hinzu kommt, dass durch die demografische Entwicklung die Zahl der Schulabgänger sinkt. Im Jahr 2016 waren es rund 120.000 weniger als noch 2006. Wenn die Mehrheit von ihnen nur einen einzigen Weg der Ausbildung in Erwägung zieht, weil sie über andere Karrieremöglichkeiten nur unzureichend oder gar nicht informiert wird, hat das schwerwiegende Folgen für die Fachkräftesituation in unserem Land. Der klassische Weg der Nachwuchsgewinnung für die Betriebe - die duale Ausbildung – steht massiv unter Druck.

Hier müssen wir dringend gegensteuern. Wir brauchen wieder mehr gesellschaftliche Anerkennung für die berufliche Ausbildung und mehr Wertschätzung für die berufliche Tätigkeit als qualifizierte Fachkraft. Im gesellschaftlichen Bewusstsein muss sich wieder festsetzen, dass unsere gesamte Wirtschaft mit dem Handwerk steht und fällt. Wird das Fachkräftefundament, auf dem unsere Wirtschaft basiert, brüchig, dann gefährdet das die Stabilität der Gesamtwirtschaft.

Inzwischen ist in der Politik endlich erkannt worden, dass wir die Attraktivität des dualen Ausbildungssystems nachhaltig stärken müssen. Der von uns geforderte Berufsbildungspakt hat Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden. Doch noch steht er nur auf dem Papier - er muss endlich auch mit Leben gefüllt werden. Dazu gehört eine Finanzierung der beruflichen Bildung auf Augenhöhe mit der akademischen Bildung. Die über 600 Berufsbildungszentren des Handwerks müssen dringend auf den neuesten Ausstattungsstand gebracht werden. Auch die Fortbildung zum Meister muss für alle Teilnehmenden kostenlos werden, ein Studium ist es schließlich auch.

Wir müssen wieder ins Blickfeld der Jugendlichen rücken, dass es im Handwerk hervorragende und vielfältige Karriere- und Berufschancen gibt. In den über 130 Ausbildungsberufen des Handwerks findet jeder etwas, das seinen Fähigkeiten und Talenten entspricht. Die Vielfalt des Handwerks macht das möglich. Um die verschiedenen Karrierewege jungen Menschen bekannt zu machen und nahe zu bringen, muss die ganzheitliche Berufsberatung intensiviert werden, auch und gerade an Gymnasien. Sie muss moderner werden, denn mit Faltblättern erreicht man die Smartphone-Generation längst nicht mehr. In unserer Imagekampagne gehen wir deshalb auch gezielt über die Social Media Kanäle auf die Jugendlichen zu.

Außerdem richten wir unsere Ausbildungsangebote an den Erfordernissen aus - mit spezifisch auf einzelne Gruppen zugeschnittenen Programmen, darunter Angebote für schulisch weniger leistungsstarke Jugendliche wie die assistierte Ausbildung oder für Jugendliche mit Migrationshintergrund genauso wie Angebote für Studienaussteiger. Mit unserer Initiative zur Höheren Berufsbildung und dem BerufsAbitur als doppelqualifizierendem Abschluss wollen wir schon im Vorfeld gerade leistungsstarke Schüler für das Handwerk gewinnen.

Denen müssen wir auch vor Augen führen, dass es ein Trugschluss ist zu glauben, im Handwerk ließe sich nichts verdienen. Die Einkommen von Handwerksmeistern liegen im Verlauf eines Berufslebens gleichauf mit denen von Bachelor-Absolventen. Und es ist deutlich weniger wahrscheinlich, mit einem Meister in der Tasche arbeitslos zu werden, als mit einem akademischen Abschluss. Das müssen die jungen Menschen aber auch erfahren.

Um den Fachkräftebedarf in der Zukunft zu decken, gilt es, das gesamte heimische Potenzial am Arbeitsmarkt insgesamt noch besser zu heben, beispielsweise über eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren, über mehr Mädchen in MINT-Berufen und verstärkte Anstrengungen bei Langzeitarbeitslosen.

Doch auch das wird absehbar nicht ausreichen, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Wir werden Fachkräfte aus Drittländern brauchen. Notwendig ist daher eine am Bedarf unseres deutschen Arbeitsmarktes ausgerichtete, gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften nach Deutschland. Das von der Bundesregierung geplante Zuwanderungsgesetz muss in diesem Sinne einen klaren Fokus auf beruflich Qualifizierte setzen und zügig angegangen werden. Die Verfahren für eine Einwanderung müssen einfacher und KMU-freundlicher gestaltet werden. Humanitäres Asylrecht und gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften sind dabei klar voneinander zu trennen, um keine falschen Anreize zu geben oder Pull-Effekte auszulösen.

Ungeachtet dessen hat sich das Handwerk von Beginn an bei der Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung engagiert. Waren es 2015 noch rund 2.500 Auszubildende aus den acht häufigsten Asylländern, wurden Ende 2017 schon 11.000 junge Menschen mit Fluchthintergrund bei uns ausgebildet. In allen Regionen in Deutschland sind neben den Betrieben auch die Handwerksorganisationen aktiv – von der Innung und Kreishandwerkerschaft bis zur Bundesinnung und Handwerkskammer.

Das Selbstverständnis des Handwerks ist, sich nicht allein als Wirtschaftsbereich, sondern auch als Gesellschaftsgruppe zu sehen. Aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus sollten wir bei der Integration Geflüchteter, die bei uns Schutz suchen, daher nicht nachlassen. Für die Flüchtlinge, die ein selbst bestimmtes Leben führen können, sozial eingebunden sind durch Arbeit, Ausbildung und Nachbarschaft, die Steuern und Beiträge zahlen statt auf Hilfsgelder angewiesen zu sein, stehen die Chancen auf eine gelungene Integration gut. Motivierte Menschen wie sie können wir im Handwerk gut gebrauchen. Deshalb sollten auch die Flüchtlinge, die bereits bei uns im Land leben, die eine Ausbildung gemacht haben oder einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen, die Deutsch gelernt und sich integriert haben, durch Bleiberechtsregelungen eine gesicherte Perspektive erhalten. Sie wieder des Landes zu verweisen, wäre wirtschaftlicher Unsinn.

Die Fachkräftelücke wird sich ganz sicher nicht über die Flüchtlingsintegration und auch nicht über Zuwanderung schließen lassen, aber darüber ließe sie sich zumindest verkleinern. Mehr Wertschätzung für berufliche Ausbildung und berufliche Tätigkeiten wie für diejenigen, die ausbilden, mehr Förderung beruflicher Bildung, mehr Jugendliche, die eine Ausbildung machen, mehr Frauen, mehr Langzeitarbeitslose, Flüchtlingsintegration und Zuwanderung: All das sind notwendige Bausteine, um Fachkräfte für die Zukunft zu sichern und damit unsere Wirtschaft langfristig weiter erfolgreich auf Kurs zu halten.