29.05.2018

"Es geht darum, Handwerk in der neuen Medienwelt sichtbar zu halten"

Foto: Jens Koch.

Zu teuer? Zu wenig innovativ? Zu langweilig? Einmal mehr steht in der Medienpolitik aktuell das Programm des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks im Fokus der Diskussion. Auch das Handwerk bringt sich regelmäßig in die Diskussion über die Zukunft des ÖRR ein. Das Handwerk entsendet Vertreter in die Aufsichtsgremien des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und sucht den Dialog mit Drehbuchautoren und Filmschaffenden. Wo sieht das Handwerk die Herausforderungen an die Sendeanstalten? Ein Gespräch mit ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke, Mitglied im ZDF-Fernsehrat.

 

Herr Schwannecke in den Ländern wird wieder einmal über den Auftrag und das Programm des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks heftig diskutiert. Neben teuren Sportübertragungen gerät dabei vor allem das fiktionale Programm regelmäßig unter Beschuss. Aus Sicht der Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppe Handwerk: Kann ein öffentlich-rechtliches Programm auf gute Unterhaltung verzichten?

Fest steht für mich: Wir brauchen in Zeiten von Fake-News und großen gesellschaftlichen Veränderungen ein vielseitiges und unabhängiges öffentlich-rechtliches Programm, das den Zuschauern Impulse gibt, sich zu orientieren und sich den Herausforderungen zu stellen. Die politische Berichterstattung kann das alleine nicht leisten. Der gesellschaftliche Diskurs wird längst auch durch Serien und Unterhaltungsformate geprägt - manchmal sogar nachhaltiger als durch reine Informationssendungen. Das Erzählen von Geschichten hat viel mit kultureller Identitätsbildung zu tun, das dürfen wir nicht völlig den großen amerikanischen Anbietern und Plattformen überlassen. Wir sollten unseren Zuschauern in Deutschland also die Chance bieten, sich mit relevanten Themen unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Ein ÖRR Programm muss das aufgreifen, was die Menschen in ihrem Lebensumfeld beschäftigt, also gerade auch Aspekte wie Arbeit, Beruf, Wirtschaft und Handwerk im gesamten Programm abbilden.

 

Die Sender stehen in der Programmgestaltung vor großen Herausforderungen. In einer digitalisierten Medienwelt wächst der Konkurrenzdruck und es steigen Produktionskosten. ZDF und ARD wehren sich aktuell gegen weitere Einsparungen, die die Politik und die KEF fordern. Sie sagen, ohne ausreichende Finanzierung seien diese Herausforderungen nicht zu stemmen und kein innovatives Programm zu machen. Jetzt kommt auch noch das Handwerk und will in die Primetime!?

Es ist doch klar, dass sich der ÖRR in der digitalen Medienwelt neu positionieren muss. Aufgabe der Länder ist es, den rechtlichen Rahmen - etwa in Form der Novellierung des Telemedienauftrages - dafür bereitzustellen. Aber statt Quoten nachzurennen muss der ÖRR seinem Bildungsauftrag nachkommen, sonst verliert er seine Legitimation. Das Handwerk hat die Beauftragung von funk als junges crossmediales Angebot befürwortet. Es ist zukunftsorientiert, wenn junge Menschen über innovative Formate mit relevanten Inhalten versorgt werden. Wir denken aber, Effizienzsteigerungen und Strukturoptimierungen wie sie die Rundfunkkommission von ARD und ZDF fordert, sind unverzichtbar. Denn die Höhe des Rundfunkbeitrags muss langfristig stabil und berechenbar bleiben.
Jeder versteht, dass ein Korrespondentennetz teuer ist, und trotzdem notwendig für die unabhängige Berichterstattung. Aber es kann einem Handwerksunternehmer nur schwer vermitteln werden, wenn der ÖRR in Deutschland auf immer mehr Spartenkanälen und Verbreitungswegen im Internet hauptsächlich Krimis, Arztserien und Produktionen aus dem Ausland zeigt.

 

Sie sind Mitglied im ZDF-Fernsehrat und in vielen Rundfunkräten sitzen Handwerksvertreter. Welche Rolle spielen die Gremien und ihre Mitglieder in der Debatte um die Zukunft des ÖRR?

Unser Engagement gilt in erster Linie der Qualität und der Vielfalt der Programme. Der ÖRR hat den Auftrag, unsere Gesellschaft in der gesamten Vielfalt abzubilden und die Gremien spiegeln diese Pluralität wider. Insofern bringen Gremienvertreter immer Impulse von außen in die Diskussion ein und auch Themen, die gesellschaftlich relevant sind, aber vielleicht erstmal keine Zuschauermagneten. Die Programmgestaltung bleibt natürlich letztlich bei den Sendern, aber es ist wichtig, dass wir diese Diskussionen um Relevanz miteinander führen.
Wir haben unseren Arbeitskreis Medienpolitik vor 10 Jahren gegründet. Damals fand Handwerk höchstens als "folkloristische" Variante statt; Überschrift: "der letzte seines Standes". Das hat sich verändert. Manchmal fehlt es einfach an Informationen und Begegnungen zwischen Handwerk und Medienschaffenden. Manchmal aber auch an Mut in den Sendeanstalten. Deshalb engagieren wir uns weiter. Die Gremien sind nur eine Plattform, die wir nutzen. Es geht darum, das Handwerk in der neuen Medienwelt sichtbar zu halten.