06.06.2018

ZDH-Päsident Wollseifer zur Digitalisierung des Handwerks und die Perspektiven ländlicher Räume

ZDH
Foto: ZDH/Schüring.

Handwerksbetriebe nehmen bei der Sicherung und Fortentwicklung der ländlichen Räume eine wichtige und unverzichtbare Rolle ein: Sie sind - zumeist in familiärer Tradition über Generationen hinweg - wesentliche Träger der Nahversorgung, schaffen und sichern Arbeits- wie auch Ausbildungsplätze, tragen über die Steuern ihren Teil zur Finanzierung des öffentlichen Gemeinwesens bei und sind vielfach in ehrenamtlichem Engagement dem Gemeinwohl verpflichtet.

Mit den technischen und ökonomischen Umbrüchen der Digitalisierung wird nun der Wettbewerbs- und Innovationswind nicht nur global, sondern bis in die einzelnen Regionen hinein wesentlich heftiger als es früher auch nur erahnbar war.

Mit Blick auf die ländlichen Räume sollten nicht so sehr die mit der Digitalisierung verbundenen Risiken in den Vordergrund gestellt, sondern besonders auch die Chancen ausgeleuchtet und realisiert werden, die sich aus dem digitalen Fortschritt ergeben können. Die Digitalisierung bietet beste Möglichkeiten, den wesentlichen Leitsatz der Regionalpolitik mit konkretem Leben zu erfüllen, nämlich die vorhandenen jeweils regionalspezifischen Stärken weiter zu stärken.

Handwerksbetriebe besonders aus den Lebensmittelgewerken können durch innovative neue Bestell- und Vertriebsinstrumente ihre Bedeutung für die örtliche Nahversorgung weiter ausbauen. Stichwort: Datentechnisch organisierte und optimierte Bringdienste.

Handwerksbetriebe aus den Baugewerken können im unmittelbaren Wohnumfeld dazu beitragen, dass beispielsweise durch neue Smart Home- wie auch Sensortechnologien alte Menschen länger als bisher in den angestammten vier Wänden wohnen bleiben können. Das ist ein Aspekt, der mit Blick auf den im ländlichen Raum noch stärker spürbaren demographischen Wandel, immer relevanter wird. Ähnliches gilt für Dienstleistungen aus den Gesundheitshandwerken. Neue digitale und technologische Entwicklungen können dazu beitragen, zumindest einen Teil der sich vergrößernden medizinischen Versorgungsdefizite in ländlichen Räumen auszugleichen.

Jenseits solcher Einzelaspekte: Jeder Handwerksunternehmer, der mit innovativen, digitalisierungsgestützten Organisations-, Produktions- und Kommunikationsverfahren wirtschaftlich erfolgreich ist, trägt dazu bei, die Wertschöpfung vor Ort zu sichern und weiter auszubauen und damit auch Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen und zu sichern. Es kann nur von Vorteil für den Unternehmensstandort im ländlichen Raum sein, wenn mittels der Digitalisierung der Wirkungskreis des jeweiligen Betriebes letztlich deutschlandweit oder sogar global werden kann.

Angesichts der Rasanz wie auch der Komplexität der Digitalisierung benötigen mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe passfähige „digitale“ Rahmenbedingungen. Nötig ist es, sie auf ihrem weiteren Weg in die Digitalisierung spezifisch zu unterstützen.

Die Digitalisierung in ländlichen Regionen kann natürlich nur gelingen, wenn überall schnelle Datenverbindungen genutzt werden können. Dabei steigen die Anforderungen an deren Datenübertragungsvolumina, nicht zuletzt angesichts des immer bedeutsamer werdenden „Internets der Dinge“. So rasch wie möglich müssen bundesweit schnelle Datenübertragungsmöglichkeiten verfügbar werden. Wesentliche Stichworte sind hierbei der weitere Glasfaserausbau ebenso wie eine flächendeckende Mobilfunkversorgung, auch des neuen Standards 5G.

Die Handwerksorganisation begrüßt und unterstützt deshalb auch ausdrücklich die Initiativen in zahlreichen Landkreisen, die Anbindungen an diese Datenautobahnen weiter auszubauen. Diese Initiativen zeichnen sich dadurch aus, alle interessierten Kreise und damit auch den gewerblichen und handwerklichen Mittelstand in die Konzeptentwicklung und Konzeptrealisierung integral einzubinden.

Aber auch für die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der Bildungsinfrastruktur vor Ort wird die Digitalisierung immer wichtiger. Das fängt in den Schulen an und hört bei den Berufsschulen längst nicht auf: Auch die für die Berufsausbildung im Handwerk wichtigen Berufsbildungszentren bei Kammern und Innungen müssen auf der Höhe der digitalen Zeit sein. Fachkräftesicherung wird nur möglich sein, wenn man die Bildungsinfrastruktur in der Fläche erhält.

Betriebliche Digitalisierungsstrategien sind komplex. Kleinere Unternehmen haben hierfür vielfach weder hinreichende Digitalkompetenz noch – gerade in der derzeitigen konjunkturellen Lage – hinreichend Zeitreserven. Dass die Bundesregierung z.B. mit den Kompetenzzentren Mittelstand 4.0 wie auch immer mehr Bundesländer mit eigenen Initiativen Unterstützungsprojekte für die Digitalisierung des Mittelstands gestartet haben, ist richtig und höchst wichtig.

Im Rahmen des Bundesprogramms Mittelstand 4.0 unterstützt das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk (KDH) seit mehr als zwei Jahren Handwerksunternehmen durch zielgruppengerechte und problemadäquate Formate. Besonders hervorzuheben an diesem Kompetenzzentrum ist seine bundesweite Verankerung in der Region: Es gibt fünf regionale Themenpartner in Oldenburg, Krefeld, Koblenz, Bayreuth und Dresden. Hinzu kommen mehr als dreißig Transferpartner aus dem Kreis der Handwerkskammern und aus Kreishandwerkerschaften. Alle Wirtschaftsförderer sind gut darin beraten, bei ihren konkreten digitalen Förderstrategien vor Ort mit diesem Digitalisierungsnetzwerk des Handwerks zusammenzuarbeiten. Ein Blick auf die Projektseite www.handwerkdigital.de zeigt sehr gut sein Leistungsspektrum und damit auch potenzielle Kooperationsansätze.

Der allgemeine wirtschaftspolitische Rahmen muss gleichfalls stimmen, damit der Mittelstand seine Digitalisierungspotenziale erschließen kann. Zentral hierfür ist der Wettbewerbsrahmen. Bei den jüngsten einschlägigen Modifizierungen des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen bleibt erst noch abzuwarten, ob sie den damit erhofften Zielen genügen. Gegebenenfalls muss weiter nachjustiert werden.

Von besonderer Bedeutung ist im Wettbewerbskontext der Datenrechtsrahmen. Für rein personelle Daten gibt es einen mit der Datenschutzgrundverordnung just erst fortentwickelten europäischen Rechtsrahmen. Für rein maschinengenerierte Daten wird auf europäischer Ebene gerade erst ein Rechtsrahmen entwickelt. Für die nicht zuletzt für Handwerksunternehmen höchst wichtigen „verhaltensgenerierten“ Daten ist weder auf deutscher noch europäischer Ebene derzeit eine Regelung in Sicht.

Die Gewährleistung einer fairen, mittelstandsgerechten Wettbewerbsordnung im digitalen Zeitalter setzt jedoch klare Nutzungsregelungen auch für diese Daten zwingend voraus!

Für das Handwerk sind ländliche Räume keine Resträume, sondern Zukunftsräume. Dafür müssen allerdings die Rahmenbedingungen für Betriebsstandorte in den Regionen in der zuvor beschriebenen Weise gesichert werden. Wir brauchen die Menschen und kulturellen Identitäten aller ländlichen Räume für unsere stark arbeitsteiligen Produktionsprozesse. Zugleich dürfen wir die Ballungsräume nicht noch stärker überlasten. Letztlich dient genau das dem sozialen Zusammenhalt unseres Landes.


Der Beitrag ist in der Publikation des Deutschen Landkreistages zum Thema „Digitalisierung im ländlichen Raum / Mittelstand 4.0“ erschienen.