04.07.2019

„Das deutsche Handwerk hat politisches Gewicht“

Thora Fjeldsted bei ihrer Präsentation im Haus des Deutschen Handwerks
Foto: ZDH

Die isländische Historikerin Thora Fjeldsted hat für eine vergleichende Studie der Erasmus Universität Rotterdam die Geschichte des deutschen Handwerks erforscht. Im Haus des Deutschen Handwerks stellte sie ihre Ergebnisse dem Interdisziplinären Arbeitskreis für Handwerksgeschichte vor. Wir haben mit ihr gesprochen.  

 

ZDH: Frau Fjeldsted, Sie erforschen an der Universität Rotterdam die Geschichte des deutschen Handwerks. Wie ist es dazu gekommen?

Thora Fjeldsted: Das niederländische Handwerk hat vor Jahren eine vergleichende Studie in Auftrag gegeben. Das niederländische Handwerk steckte da schon seit langem in einer Krise und suchte nach Wegen, um das Handwerk wiederzubeleben. In einem Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Arjo Klamer haben wir das Handwerk in sieben Ländern untersucht: Deutschland, Italien, Großbritannien, Indien, China, Japan und Holland. Anhand unserer Ergebnisse haben wir eine Sammlung von Best Practices zusammengestellt. Meine Aufgabe war es, die Geschichte und Besonderheiten des deutschen Handwerks zu erforschen.

ZDH: Auf welches Material haben Sie sich gestützt?

Fjeldsted: Beim ZDH habe ich umfangreiches Material gefunden, darunter historische Dokumente auf der Internetseite. Das war sehr hilfreich. Ich habe Interviews mit Dr. Titus Kockel vom ZDH, mit Vertretern der Handwerkskammern Koblenz und Hannover und mit deutschen Kunsthandwerkern geführt. Außerdem habe ich mich auf deutschsprachige Studien gestützt, beispielsweise „Manufactum – Die Reinhold Würth Handwerks-Studie“, und viel Material des Instituts für Handwerk in Göttingen wie etwa den Bericht „Das Handwerk in der Kultur- und Kreativwirtschaft“. Und ich habe englischsprachige wissenschaftliche Texte verwendet, etwa die Arbeiten von Wolfgang Streek, Kathleen Thelen und Maurice Glasman.

ZDH: Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Fjeldsted: Das Handwerk in Deutschland hat politisches Gewicht. Das Handwerk ist stark institutionalisiert und die Organisationen sind untereinander sehr gut vernetzt. Dadurch hat das Handwerk starken politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Das gab es in anderen Ländern so nie oder es ist dort im Laufe der Zeit verloren gegangen. Außerdem spielt Qualität in Deutschland eine große Rolle, das wird andernorts bewundert. In der vergleichenden Studie wird Deutschland als Positivbeispiel herausgestellt.

ZDH: In der Studie liegt ein Fokus auf dem Kunsthandwerk und Design. Wie steht es darum in Deutschland?

Fjeldsted: Im deutschen Handwerk stehen eher technische Fertigkeiten im Vordergrund. In den anderen von uns untersuchten Ländern wird Handwerk tendenziell künstlerischer verstanden. Die Vorstellung, dass Klempner, Bäcker und Friseure wie in Deutschland auch Handwerker sind, ist in anderen Ländern wenig verbreitet. In Japan zum Beispiel sind produzierendes Handwerk und Kunsthandwerk getrennt. Dort gelten handwerkliche Produkte auch nicht als etwas, was man im Alltag benutzt. In anderen Ländern ist Ausbildung natürlich auch wichtig, hat aber nicht denselben Stellenwert wie in Deutschland. Salopp gesagt: Wer sich danach fühlt, kann in anderen Ländern von jetzt auf gleich als Klempner loslegen.

ZDH: Was kann das deutsche Handwerk von anderen Ländern lernen?

Fjeldsted: Aus dem Beispiel der anderen Länder lassen sich einige Lehren ziehen. Am Beispiel der Niederlande sieht man, wie schnell handwerkliche Fähigkeiten und Institutionen verschwinden können, wenn man Qualität und dem Handwerk insgesamt nicht genug Bedeutung beimisst. Anders in Ländern wie Japan und Italien: Dort wurde das Handwerk stattdessen als Erbe behandelt. Das dem Handwerk innewohnende Wissen wurde über einen langen Zeitraum hinweg weiterentwickelt und ist von hohem Wert für Erfindungsreichtum, Vielfalt und Tradition.

ZDH: Liebe Frau Fjeldsted, vielen Dank für das Gespräch.  

 

Thora Fjeldsted ist Historikerin und Doktorandin der Kulturökonomie an der Erasmus Universität Rotterdam. Sie ist Mitbegründerin des italienischen Forschungszentrums Lóm, das sich auf Fähigkeiten und traditionelles ökologisches Wissen konzentriert. Ihr Beitrag „Handwerk: Crafts and Trades in Germany“ erschien 2019 im Sammelband „A Cultural Economic Analysis of Craft“, herausgegeben von Anna Mignosa und Priyatej Kotipalli im Springer Verlag.