08.12.2016

Chancengleichheit herstellen

Jugendliche zweifeln weiterhin an der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Diese alarmierende Nachricht ergab eine Umfrage zum "Tag der Bildung" am 8. Dezember. Nachrichten über schlechte Ergebnisse deutscher Schüler in Mathematik, neue PISA-Studien, die keine wirkliche Bewegung nach oben zeigen, weiterhin zu hohe Zahlen von Schulabgängern ohne qualifizierten Abschluss – diese Hiobsbotschaften aus den vergangenen Tagen passen dazu.

Als Handwerksmeister wage ich es, hier auf die berufliche Bildung aufmerksam zu machen. Im Handwerk findet jeder seine Chance – wenn er es will und wenn er leistungsbereit ist.

Erstens: Handwerk zählt alljährlich rund fünf Prozent Azubis ohne Schulabschluss – sie erhalten die Chance, eine betriebliche Ausbildung abzuschließen. Defizite im schulischen Bereich werden vom Betrieb oft durch Nachhilfe in der Ausbildung ausgeglichen.

Zweitens: 44 Prozent unserer neuen Azubis sind Hauptschüler – in keinem anderen Wirtschaftsbereich erhalten so viele Jugendliche mit Hauptschulabschluss ihre Chance. Obwohl die Politik in vielen Ländern die Hauptschule zur Restschule verkommen lässt oder gleich ganz schließt wie in Hessen. Aber es gibt auch noch starke Haupt- oder Realschulen, die Kooperationen mit dem Handwerk suchen. Ihre Absolventen sind dann begehrte Azubis.

Drittens: Niemand muss nach dem Abitur den Kopf ausschließlich über Theorien rauchen lassen. Im Handwerk steht die Lösung komplexer Probleme in der Praxis auf dem Lehrplan. Das Ziel heißt Gesellen- oder Meisterbrief, oder für ganz starke Schulabsolventen auch dualer oder gar trialer Studienabschluss mit Bachelor.

Jeder erhält die faire Chance, schon bald als Unternehmer auf eigenen Füßen zu stehen, gut vorbereitet, fachlich wie betriebswirtschaftlich, mit einer nachhaltigen Gründung  in einem zukunftsträchtigen Beruf. Im Handwerk kann man den Betrieb in der Garage gründen – man kann aber auch einen etablierten Betrieb übernehmen und dort mit eigenen kreativen Ideen Neuland betreten. Das ist bestimmt kurzweiliger, als ein Start-up für Essenskuriere zu gründen!

Viertens: Chancengleichheit bietet das Handwerk auch Studienaussteigern. Wer wechselt ist später als Inhaber eines Meisterbriefes auch formal im Deutschen Qualifikationsrahmen einem Bachelorabsolventen gleichgestellt. Und verdient im Schnitt keinen Heller weniger.

Fünftens: Im Handwerk kann ein "Spätzünder", der in der Schule aus mannigfaltigen Gründen keine Lust hatte, vom schwachen Hauptschüler zum Meister avancieren. Damit hält er sogar den Brief in der Hand, der ihm den Weg an die Universität ebnet. Mehr soziale Durchlässigkeit als im Handwerk und dank der beruflichen Bildung geht nicht.

Die Mär von einer aus Sicht der Auszubildenden unzureichenden Ausbildungsqualität hat übrigens jetzt eine Untersuchung der TH Köln widerlegt. Betrieb, Arbeitsplatz, Praxisbezug der Ausbildung und Arbeitsatmosphäre bekommen gute Noten, auch mit der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten und den Aufgaben, die übertragen werden, sind die jungen Leute zufrieden. Das zeigt, dass die Betriebe Wert auf eine attraktive Ausbildung legen, mit der sie Bewerber anziehen können. Angesichts der weiter zurückgehenden Schulabgängerzahlen ein wichtiger Aspekt.

Heute stelle ich mich auf dem Deutschen Handwerkstag in Münster für eine zweite Amtszeit zur Wahl. Eines der wichtigsten Handwerksprojekte in den kommenden drei Jahren ist die Einführung eines BerufsAbiturs. Seit Jahren werben Politik und Gesellschaft für Abitur und Studium – im Ergebnis sind in diesem Herbst mehr Studenten denn je an deutschen Hochschulen immatrikuliert, während zehntausende duale Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.

Mit dem BerufsAbitur bietet das Handwerk leistungsstarken Schülerinnen und Schülern neue Chancen. Duale Ausbildung plus Abitur – der Abschluss öffnet danach alle Türen. Auf direktem Weg zur Meisterschule oder zur Uni.

In sechs Bundesländern wird das Projekt 2017 starten. Wenn es gelingt, hat die berufliche Bildung einen wichtigen Schritt zurück zur Chancengleichheit mit der akademischen Bildung getan. Dieses Projekt verdient daher von Seiten der Politik, der Sozialpartner und der Gesellschaft große Unterstützung.