Viel Konfliktpotential: Denkmalpflege gegen Klimaschutz

Knapper werdende Rohstoffquellen, steigende Energiepreise und der politische Wille zu Klima- und Ressourcenschutz – dies sind Gründe für die gesteigerten Bemühungen zur Energieeinsparung bei Neu- und Altbauten in den vergangenen Jahren. So ist zum Oktober 2009 die novellierte Energieeinsparverordnung (EnEV) in Kraft getreten, die die Anforderungen an die energetische Qualität von Neubauten und an die Modernisierung von Altbauten gegenüber der EnEV 2007 nochmals verschärft.

Dem Handwerk entstehen durch die neuen Verordnungen und Anreize zur energetischen Gebäudesanierung neue Betätigungsfelder. Gerade im Bereich des nicht denkmalgeschützten Altbaus liegen enorme Potentiale mit all den günstigen Nebeneffekten zusätzlicher Beschäftigung. Allerdings ist die energetische Sanierung von Altbauten und insbesondere Baudenkmalen nicht unumstritten.

So wird das äußere Erscheinungsbild eines Bauwerks erheblich beeinträchtigt, wenn die historisch gestaltete und gegliederte Fassade durch eine Dämmung optisch verloren geht. Ebenso können aufgebrachte Dämmpakete die Proportionsverhältnisse und damit den Charakter eines Gebäudes stark verändern.

Wenn historische Gebäude den Anforderungen der EnEV entsprechend luftdicht aufgerüstet werden, z. B. durch den Einbau von modernen Isolierglasfenstern und innenseitigen Vorsatzschalen vor den Außenwänden, kann es zu kritischen relativen Raumluftfeuchten von über 50 Prozent in den kalten Wintermonaten kommen. Bei Außenbauteilflächen mit geringem Wärmedurchgangswiderstand, also schlechter Wärmedämmeigenschaft, ist Schimmelpilzbefall die Konsequenz dieser vermeintlichen Energiesparmaßnahme.

Eine Innendämmung ist, besonders bei Fachwerkbauten, häufig die einzige Lösung zur Verbesserung des Wärmeschutzes bestehender Außenwände. Wird sie unfachmännisch ausgeführt, kann jedoch gerade diese Maßnahme mehr Schaden als Nutzen bringen. Damit nicht zuviel Feuchtigkeit in die Konstruktion gelangt, werden bei Innendämmungen in der Regel Dampfbremsen oder Dampfsperren angebracht. Da die Abdichtung der in die Außenwand einbindenden Bauteile historischer Gebäude wie Decken oder Wände, die häufig schlecht zu erreichen sind, sehr aufwändig ist, kommt es leicht zu nicht fachgerechten Ausführungen mit undichten Stellen oder nachträglichen Beschädigungen der Folie. Diese können schwere Schäden verursachen: Warme, feuchtigkeitsbeladene Luft durchströmt den gedämmten Bauteil und kondensiert an der kalten Seite des Querschnitts. Irreversible Feuchteschäden sind die Folge, die zum Verlust der entsprechenden Bauteile führen können.

Das Dilemma der Energieeinsparverordnung in Bezug auf Baudenkmale und erhaltenswerte Bausubstanz ist, dass sie alte Gebäude mit der Philosophie für zeitgemäße, umweltgerechte Neubauten konfrontiert. Für das Baudenkmal jedoch bedeutet die uneingeschränkte Anwendung der modernen Dämmstrategien Risiken und Schäden bis hin zum Totalverlust einzelner Bauteile.

Dabei haben Denkmale und Altbauten in energetischer Hinsicht durchaus Vorteile zu bieten: Erhalt und Pflege von historischen Gebäuden sind im Sinne einer Energiebilanz nachhaltiger als Abriss, Entsorgung und Neubau. Auch die Wiederverwendung gebrauchter Bauelemente schont die energetischen Ressourcen. Da die Berechnungen nach der EnEV sich nur auf den laufenden Betrieb der genutzten Gebäude beziehen, werden der Energieaufwand für umweltgerechte Entsorgung abgerissener historischer Bauteile und des dadurch anfallenden Bauschutts sowie Aufwendungen zur Herstellung der empfohlenen neuen Bauteile und Baustoffe nicht mit berücksichtigt.

Baudenkmale verkörpern nicht nur die kulturelle Identität der Gesellschaft - die hohe Lebensqualität und das Alleinstellungsmerkmal von Baudenkmalen und Altbauten schlägt sich heutzutage direkt im Immobilienmarkt nieder. Altbauten in ruhiger Wohnlage mit historischen Details wie Parkettböden, Stuckdecken und Kastenfenster mit Originalbeschlägen erzielen hohe Preise und Mieten. Durch substanzerhaltende Sanierungsmaßnahmen können im gesamten Altbaubestand beträchtliche Wertsteigerungen erreicht werden und gleichzeitig wird den Orten ein unverwechselbares Erscheinungsbild verliehen.

Diese Einwände sprechen dafür, die noch existierende historische Bausubstanz nicht dem Primat des Klimaschutzes zu opfern. Tatsächlich gibt es Ausnahmen von den Vorschriften der Energieeinsparverordnung: So kann bei Baudenkmalen oder sonstiger besonders erhaltenswerter Bausubstanz von den Anforderungen der Verordnung abgewichen werden, wenn deren Erfüllung die Substanz oder das Erscheinungsbild beeinträchtigen oder andere Maßnahmen zu einem unverhältnismäßig hohen Aufwand führen. Auch sieht die EnEV Befreiungsmöglichkeiten wegen fehlender Wirtschaftlichkeit oder unbilliger Härte vor. Dies ist der Fall, wenn die erforderlichen Aufwendungen zur energetischen Verbesserung nicht innerhalb einer angemessenen Frist durch die eintretenden Einsparungen erwirtschaftet werden können.

Doch auch die rechtlichen Ausnahmemöglichkeiten können nicht über das Konfliktpotential der konkurrierenden Zielsetzungen, also Denkmalpflege gegen Klimaschutz, hinwegtäuschen. Der Energie-Spardruck auf Baudenkmale und erhaltenswerte Bausubstanz hat sich erhöht - schließlich müssen die Gebäude nutzbar und vor allem vermietbar bleiben. Wenn die Eigentümer von Förderprogrammen der energetischen Sanierung profitieren wollen, müssen sie sich, das zeigt die Praxis, an die Vorgaben der EnEV halten.

In diesem Konflikt wird es für den ausführenden Handwerker besonders schwierig, nach einem realisierbaren Weg zu suchen zwischen einer energetisch optimalen Lösung, die die Möglichkeiten heutiger Materialien und Technologien konsequent nutzt, und dem Bestandsschutz, der dem materiellen und ideellen Wert des historischen Gebäudes Rechnung trägt.

Damit das baukulturelle Erbe auch nach einer energetischen Sanierung noch als solches zu erkennen ist, kommt allen an den Maßnahmen Beteiligten eine große Verantwortung zu. Fest steht: Standardlösungen wird es in so individuellen und vielschichtigen Strukturen, wie historische Bauwerke sie bilden, nicht geben. Vielmehr müssen für die energetische Sanierung auf Basis einer genauen Bestandsanalyse individuelle und maßgeschneiderte Lösungen am Objekt gefunden werden. Da auf diesem Gebiet noch großer Forschungsbedarf besteht, sollte insbesondere die Erforschung von geeigneten Maßnahmen zur substanzerhaltenden Energieeinsparung in Baudenkmalen stärker als bisher durch Be­reitstellung von Fördermitteln unterstützt werden.

Eine jeweils optimierte Sanierungslösung für den Einzelfall – davon würden nicht nur das Klima und die historischen Gebäude, sondern auch das erhaltende und sanierende Handwerk vor Ort profitieren.