Restaurator: Bewahrer des baulichen Kulturerbes

180.000 Pfund Sterling kostete die Studie, und ihr Ergebnis war niederschmetternd: Großbritannien, das Land der ungebrochenen Tradition seit Wilhelm dem Eroberer, hat nicht genügend qualifizierte Handwerker, um sein bauliches Kulturerbe zu erhalten. Über Jahrzehnte hinweg hatte man die Aus- und Fortbildung schlicht verschlafen. Die nationale Denkmalbehörde National Heritage und die Bildungsbehörde für die Bauberufe Construction Skills riefen daraufhin eine gemeinsame Ausbildungsplattform ins Leben, um Handwerker für die Denkmalpflege zu qualifizieren. Doch wird es noch Jahre dauern, bis das Land die nötigen Fachkräfte einsetzen kann.

Was in Großbritannien im Hauruckverfahren die öffentliche Hand leisten muss, schafft das Handwerk in Deutschland seit Jahren aus eigener Kraft. Seit 1985 bilden sich Handwerker denkmalfachlich zum „Restaurator im Handwerk“ fort. Mit dem in Großbritannien propagierten Ausbildungsstandard – entsprechend einem Gesellenbrief – wären die deutschen Buchbinder, Gold/-Silberschmiede, Holzbildhauer, Maler und Lackierer, Maurer, Metallbauer, Orgelbauer, Parkettleger, Raumausstatter, Steinmetze, Stuckateure, Tischler, Vergolder und Zimmerer übrigens glatt unterfordert. Wer Restaurator im Handwerk werden will, muss bereits Meister sein. In 600 Stunden werden fachübergreifende und fachspezifische Denkmalinhalte gelehrt. Die Prüfungsordnungen werden von den zuständigen Landesministerien genehmigt.

In ihrer Freizeit und auf eigene Kosten besuchen die Meisterinnen und Meister zwei Jahre lang die Fortbildungszentren. Aber es lohnt sich. Gerade kleineren Betrieben erbringt die Spezialisierung im Denkmalbereich einen Wettbewerbsvorteil, denn hier zählen nicht teure Maschinen, sondern Fertigkeiten und Verantwortung im Umgang mit der Bausubstanz. Seit 1985 haben sich rund 5.000 Restauratoren im Handwerk ausbilden lassen. Auf den Denkmalbaustellen nehmen sie die Schlüsselposition bei der Ausführung der Baumaßnahmen ein und arbeiten Hand in Hand mit akademischen Restauratoren und Architekten. Mit ihrer Material- und Technikkenntnis sind sie es, die die Möglichkeiten für die praktische Umsetzung erarbeiten – wie jüngst bei der Restaurierung des Neuen Museums in Berlin. So tragen sie einen Gutteil dazu bei, dass das bauliche Kulturerbe unseren Nachkommen in vernünftigem Zustand übergeben wird.

Das war nicht immer so. Nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschte das Leitbild der autogerechten modernen Stadt die städtebaulichen Planungen. Abriss und Neubau unter Verwendung von Industriebauteilen sollten preisgünstigen neuen Wohnraum schaffen. Der Wandel kam schrittweise. Elf Jahre liegen zwischen der Charta von Venedig (1964) und dem Europäischen Jahr des Denkmalschutzes (1975), doch in diesen elf Jahren vollzog sich ein Paradigmenwechsel. Die Öffentlichkeit begann, die negativen Seiten des Abriß- und Neubaubooms zu erkennen und entdeckte den Wert der historisch gewachsenen Umgebung. Eine Reihe staatlicher Förderungsmaßnahmen rund ums Baudenkmal wurde in Gang gesetzt: Städtebauförderung, Dorferneuerung, Zuschüsse der Denkmalbehörden, Gewährung von Steuervorteilen. Zwar stimmten bald die Rahmenbedingungen, jedoch waren dem Handwerk inzwischen die traditionellen Techniken und das Wissen im Umgang mit historischen Materialien verloren gegangen. Daher wurden im Deutschen Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege in der Propstei Johannesberg in Fulda und in der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld erste Fortbildungskurse angeboten. Mitte der 1980er Jahre wurde dann die Fortbildung "Restaurator im Handwerk" für Handwerksmeister eingeführt.

Doch während man auswärts neidisch auf unsere Handwerker schaut, haben sie hierzulande mit immer größeren Problemen zu kämpfen. Zum einen schwelt seit Jahren der leidige Abgrenzungsstreit zwischen den Diplomrestauratoren und den Handwerkern. Theoretisch ist es ganz einfach und 1996 in einer Kooperationsvereinbarung zwischen VDR und ZDH festgehalten: Die akademischen Restauratoren sollen wissenschaftlich arbeiten, die Handwerker praktisch. Trotzdem gibt es Überschneidungen bei den Ausführungsleistungen. Mit Praktikanten als billigen Arbeitskräften liegen Diplomrestauratoren bei den Angeboten dann deutlich günstiger als Restauratoren im Handwerk, die für ihre Fachkräfte höhere Gehälter kalkulieren müssen und nicht von der Gewerbesteuer befreit sind.

Überhaupt bietet die Vergabepraxis bei öffentlichen Bauvorhaben in der Denkmalpflege kaum Anlass zum Jubel. Die VOB schreibt vor, dem „wirtschaftlichsten Angebot“ den Zuschlag zu geben. Angesichts leerer Kassen wird dies in vielen Fällen als das „billigste Angebot“ interpretiert. So werden Betriebe mit fragwürdiger Qualifikation auf das Kulturerbe losgelassen, wo sie dann aus blanker Unkenntnis Schäden verursachen, deren Reparatur enorme Kosten verschlingt, wenn sie denn überhaupt noch möglich ist. So wird billig schnell zu teuer. Für die Restauratoren im Handwerk wirkt sich die gute Qualifikation zum Nachteil aus, weil sie mit ihren realistischen Kalkulationen selten zu den billigsten Anbietern gehören.

Nicht genug, dass solche Marktverzerrungen Existenzen bedrohen. Seit einigen Jahren werden auch die Aufgaben der Denkmalämter beschnitten. Stellen werden abgebaut und die Zuschüsse, die die Ämter vergeben, werden gestrichen. Diese Politik signalisiert, dass die Denkmalpflege hinter andere Interessen zurückzutreten hat. Noch vor zehn Jahren war es viel attraktiver, sich denkmalfachlich zu qualifizieren. Ohne kontinuierliche Fortbildung können aber die traditionellen Techniken und das Materialwissen irgendwann nicht mehr weitergegeben werden.

Dabei ist die Denkmalpflege ein aussichtsreicher Wirtschaftsfaktor.

- Revitalisierte Altstädte beleben Einzelhandel und Gastronomie und machen Städte attraktiver. Unternehmen siedeln sich an, der Wohnwert steigt. Denkmalerhaltung schafft Standortqualität. Substanz erhaltende Sanierungen steigern außerdem den Wert der Altbauten.

- Die historische Bausubstanz gibt den Städten ein Gesicht. Das lässt sich vermarkten und lockt Touristen an. Jeder zehnte Europäer lebt heute vom Tourismus, und die Branche wächst.

- Dass traditionelle Baumaterialien und Techniken umweltverträglich und nachhaltig sind, haben sie über Jahrhunderten bewiesen. Wer historische Gebäude erhält, nutzt bereits vorhandene Ressourcen und braucht keine Energie, um neue Materialien herzustellen, von denen man nicht weiß, wie schädlich sie vielleicht sind. Restauratoren im Handwerk entwickeln ständig innovative Lösungen, die Einsparung von Energie am Altbau möglich machen, ohne die Substanz zu schädigen.

Besonders positiv aber sind die Auswirkungen der Denkmalpflege auf die Wirtschaft. Öffentliche Investitionen in der Denkmalpflege haben einen starken Multiplikatoreffekt: 1 Euro öffentlicher Investitionen zieht durchschnittlich 9 Euro privater Investitionen nach sich. Staatliche Ausgaben haben eine wichtige Initialwirkung, sichern und schaffen rund 100.000 Arbeitsplätze pro Jahr – den Markt der Stadterneuerung und Altbausanierung noch nicht einmal berücksichtigt. 

Gleiches gilt für die Steuereinsparungen für Denkmaleigentümer. Die Einnahmeverluste des Staates von jährlich 119 Millionen Euro werden durch mindestens 260 Millionen Mehreinnahmen aufgrund der durch die stimulierten Investitionen fälligen Umsatz-, Lohn-, Gewerbe- und Einkommenssteuern nicht nur gedeckt, sondern sogar in Mehreinnamen verwandelt.

Auch im Handwerk entstehen positive Effekte. In der Denkmalpflege werden 90 Prozent des Bauvolumens für die Herstellungskosten benötigt, von denen 75 Prozent auf Personalkosten und nur 25 Prozent auf Materialkosten entfallen. Im Neubau dagegen machen die Personalkosten lediglich ca. 50 Prozent der Herstellungskosten aus. Durch die hohe Arbeitsintensität ist die Förderung von denkmalpflegerischen Maßnahmen also ein besonders nachhaltiges Mittel zur Sicherung von Arbeitsplätzen.

Investitionen in die Denkmalpflege kommen der einheimischen Bauwirtschaft und dem regionalen Arbeitsmarkt zugute – nach einer Analyse des Landesdenkmalamts Berlin stammen rund 90 Prozent der Rechnungen für denkmalpflegerische Zuwendungen von Handwerksbetrieben, Baufirmen und Architekten aus der Region Berlin-Brandenburg. Nicht nur die Baudenkmale profitieren von der staatlichen Denkmalpflege, sondern vor allem auch die regionale Wirtschaft.

Nur wenn der Denkmalmarkt funktioniert, kann das Fachwissen angewandt und an künftige Generationen weitergegeben werden – das hat die Nachkriegszeit gelehrt. Wird die Nachfrage nicht stimuliert, bricht der Markt ein. Die Folge ist der Verlust von Baudenkmalen, Geschichte, Wissen, Kompetenzen und tausenden von Arbeitsplätzen.

National Heritage und Construction Skills sind bei der systematischen Analyse der Gegenwart nicht stehen geblieben. Sie planen die Ausweitung der denkmalgesetzlichen Qualifikationsbestimmungen für den gesamten vor 1919 entstandenen Altbaubestand. Einen ersten entsprechenden Vorstoß haben sie im vergangenen Jahr im Unterhaus vorgenommen. Sollte der Plan aufgehen, wird dies den britischen Denkmalmarkt und damit die Aussicht auf sichere, nachhaltige Arbeitsplätze auf einen Schlag verzehnfachen. In Deutschland fehlt derzeit die Weitsicht, die Denkmalpflege als Zukunftsmarkt wahrzunehmen, zu erforschen und zu fördern. Dabei liegen hier die Dinge weitaus günstiger, und entsprechend größere wirtschaftliche Effekte stehen zu erwarten.

Die Aufgabe, für die Denkmalpflege zu werben, den Markt zu erforschen und zu fördern betrifft die ganze Gesellschaft, nicht nur das Handwerk. Schließlich geht es um unsere Kultur, unsere Geschichte – und unsere Zukunft in Deutschland.