27.09.2016

Berufliche Handlungskompetenz gefragt

Kurzfristig gedachte Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration junger Flüchtlinge helfen niemandem, warnt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer in einem Gastbeitrag für das Magazin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion "Fraktiondirekt".

Die Anhaltspunkte für ein positives Ausbildungsmarktergebnis in 2016 verdichten sich. Immer mehr junge Menschen begeistern sich für die beruflichen Perspektiven und Karrieremöglichkeiten im Handwerk. Ende August wurden fast 2 Prozent mehr neu abgeschlossene Lehrverträge als im Vorjahreszeitraum registriert. 
 
Das Handwerk bietet jungen Menschen eine berufliche Perspektive. Wir brauchen die künftigen Fachkräfte dringend, genauso wie die Betriebsnachfolger. Jugendlichen mit Einstiegsschwierigkeiten greift das Handwerk unter die Arme: mit Einstiegsqualifizierungen, ausbildungsbegleitenden Hilfen oder Nachhilfeangeboten. Leistungsstärkere Jugendliche erreichen wir mit unseren Fortbildungsangeboten, Studienaussteiger mit entsprechenden Beratungskooperationen. Der Anteil der Abiturienten unter den Azubis hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise verdoppelt. Demographischer Wandel und die Fokussierung von Gymnasien in vielen Bundesländern führen jedoch zu immer weniger Haupt- und Realschüler auf dem Ausbildungsmarkt. Daher muss das Handwerk Jugendliche mit attraktiven Angeboten – wie dem BerufsAbitur – ansprechen.

Das Handwerk ist auch vorn dabei, wenn es um Integration geht. Nicht nur die muttersprachlichen Ausbildungsberater in den Kammern zeigen, dass wir offen sind für Auszubildende aller Nationalitäten. Die Zahl ausländischer Auszubildender im Handwerk ist mit 7,7 Prozent klar über dem Ausländeranteil unter allen Auszubildenden der Gesamtwirtschaft (6,5 %).

Frühzeitig hat sich das Handwerk auch in zahlreichen Projekten und Initiativen insbesondere zur Berufsorientierung und -vorbereitung, Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen engagiert. Rund 2.450 junge Menschen aus den acht nichteuropäischen Asylzugangsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien absolvieren bereist eine Ausbildung im Handwerk (vorläufige ZDH-Statistik für 2015). Über 40 Prozent aller Lehrlinge mit einer der genannten Staatsangehörigkeiten absolvieren ihre Ausbildung im Handwerk. Das Handwerk leistet damit einen bedeutenden Beitrag zur Integration von jungen Ausländern aus den acht betrachteten Ländern, darunter viele aus ihrem Heimatland geflüchtete.

Die Bereitschaft gerade der kleinen und mittleren Familienunternehmen im Handwerk, Flüchtlinge mit Bleibeperspektive auszubilden und zu beschäftigen, ist ungebrochen. Bei der Ausbildung und Berufsvorbereitung stellen die geringen Deutschkenntnisse der jungen Menschen jedoch eine große Herausforderung dar. In einer Abfrage des ZDH melden über die Hälfte der Bildungszentren des Handwerks, die eine Berufsorientierungs- und Vorbereitungsmaßnahme für Flüchtlinge anbieten, Sprachbarrieren als einen wesentlichen Hinderungsgrund für eine erfolgreiche Qualifizierung. Vorgeschaltete quantitativ und qualitativ hochwertige Sprachkurse müssen also dringend verstärkt werden.

Auch das oft noch fehlende Interesse an einer dualen Ausbildung seitens der jungen Flüchtlinge erschwert eine gelingende Integration durch eine nachhaltige Beschäftigungsperspektive. Für manche erscheint der schnelle Helferjob erst einmal finanziell attraktiver. Der Stellenwert der beruflichen Aus- und Weiterbildung wird häufig unterschätzt und muss ihnen erst vermittelt werden.

Das Handwerk zeigt großen Einsatz, um diese Flüchtlinge zu integrieren, auch um seinen Bedarf an vollqualifizierten Fachkräften zu decken. Doch Achtung: Kurzfristig gedachte Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration helfen niemandem. Nur eine ganzheitliche Ausbildung mit ihren bestehenden Flexibilisierungsmöglichkeiten wird diese jungen Menschen zu Fachkräften qualifizieren. Was wir brauchen, ist berufliche Handlungskompetenz, auch bei wechselnden Betätigungsfeldern. Nur damit stehen ihnen Fach- und Führungskarrieren offen. Nur damit können sie den sich verändernden Arbeitsmärkten – Stichwort Digitalisierung – angemessen begegnen.