19.10.2017

"Brüsseler Handwerksgespräch" mit EU-Sozialkommissarin Thyssen zur dualen Ausbildung

Marianne Thyssen
EU-Sozialkommissarin Marianne Thyssen. Foto: EU-Kommission

Am 5. Oktober hat die EU-Kommission einen Europäischen Rahmen für qualitativ hochwertige und nachhaltige Ausbildungsplätze vorgelegt. Was ist das Ziel?

Die Lehrlingsausbildung ist für junge Leute ein exzellentes Sprungbrett in den Arbeitsmarkt. Sie bietet den idealen Mix von Fertigkeiten, die Arbeitgeber suchen wie z.B. technische, soziale oder Querschnittskompetenzen. Der Erfolg spricht für sich. Generell tun sich junge Leute zwar schwer, sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren, aber unmittelbar nach einer Lehre finden immerhin zwei Drittel aller Absolventen einen Arbeitsplatz. Gleichzeitig steht und fällt natürlich alles mit der Qualität der Ausbildung. Der neue Ausbildungsrahmen, den wir vorschlagen, soll dazu beitragen, die besonderen Qualitäten der dualen Ausbildung herauszuarbeiten. Wenn er erst einmal beschlossen worden ist, wird er für Lehrlinge wie Unternehmen gleichermaßen von Nutzen sein.

Der Qualitätsrahmen enthält 14 praktische Qualitätskriterien. Wie sind diese entstanden und was steckt dahinter?

Wir haben die Qualitätskriterien mit vielen Partnern und Experten gemeinsam erarbeitet und definiert. Das gemeinsame Statement der Europäischen Sozialpartner (BusinessEurope, CEEP, ETUC, UEAPME) zur Lehrlingsausbildung, das im Juni 2016 in eine gemeinsame Erklärung mündete, war eine wichtige Ideenquelle. Die Stellungnahme des Beratenden Ausschusses für Berufsbildung (BAB) vom Dezember 2016, in dem Arbeitgeber, Gewerkschaften und Ministerien vertreten sind, baut hierauf auf. Wir haben auch auf Input der Europäischen Berufsbildungsanbieter und der Mitglieder der Europäischen Ausbildungsallianz zurückgegriffen. Der Qualitätsrahmen unterstützt außerdem die Prioritäten des erst vor kurzem gestarteten Europäischen Auszubildenden-Netzwerks. Dieses wurde vom Europäischen Jugendforum zusammen mit dem Organisationsbüro der Europäischen Schülervertretungsorganisationen (OBESSU) und mit Unterstützung der Europäischen Kommission gegründet. Es soll jungen Auszubildenden eine Stimme geben. Das Netzwerk hat qualitativ hochwertige Ausbildung und Qualitätssicherung als zentrale Punkte identifiziert. Dies zeigt einmal mehr, dass die Vermittlung von qualitativ hochwertiger und nachhaltiger Berufsausbildung ein Ziel ist, für das alle Akteure und Partner vor Ort eng zusammenarbeiten müssen.

Das Europäische Semester hat wiederholt das duale Ausbildungssystem empfohlen. Was genau erwarten Sie von Mitgliedstaaten, die dieses System einführen?

Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt entwickeln sich ständig und rasant weiter. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass die Art, wie wir lernen, zu diesen Anforderungen passt. Eine berufliche Ausbildung tut genau das: Sie gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, das Lernen in der (Berufs-)Schule mit der Arbeit im Ausbildungsbetrieb zu kombinieren - Lernen und praktische Erfahrungen werden miteinander verbunden, und zudem verdienen die Auszubildenden Geld. Manche Mitgliedstaaten haben eine stark in der Arbeitswelt verankerte Ausbildungstradition, andere dagegen ein sehr verschultes System. Mit unserem Vorschlag respektieren wir diese Traditionen: Wir wollen keine Harmonisierung/Gleichmachung der Ausbildung, sondern Kriterien an die Hand geben, um bei der Schaffung qualitativ hochwertiger Ausbildung zu helfen. Etwa die Hälfte der EU-Mitgliedstaaten haben mindestens 50 Prozent der Qualitätskriterien bereits umgesetzt.

Manche Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, verfügen über ein gut funktionierendes Ausbildungssystem. Bietet der Europäische Qualitätsrahmen diesen Ländern trotzdem einen Mehrwert?

Alle Mitgliedstaaten können profitieren, manche mehr als andere. Deutschland ist eines der acht Länder, die schon mehr als zwei Drittel der Kriterien erfüllen. Das duale System hat hier eine lange Tradition, es gibt einen klaren Regulierungsrahmen und die Sozialpartner sind stark an der Steuerung beteiligt. Das hat Deutschland zweifellos geholfen, ein TOP-Performer mit der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu werden. Zusammen mit anderen Ländern (DK, AT, LU, CH) hat Deutschland auch einen digitalen Werkzeugkasten entwickelt, der die Bestandteile der Ausbildungssysteme und ihre Anwendung für andere Länder erklärt, die sich in Europa und darüber hinaus daran orientieren wollen. Trotz dieser Tatsachen hat auch in Deutschland das Ausbildungssystem gegenüber der Hochschulausbildung an Attraktivität verloren. Qualität und nachhaltige Ausbildung sicherzustellen ist eine permanente Herausforderung - hier sehen wir einen Mehrwert, den der Qualitätsrahmen bieten kann.

Was sind ganz allgemein gesprochen die nächsten Schritte?

Die Mitgliedstaaten werden jetzt auf Basis des Kommissionsvorschlags mit dem Rat in Verhandlungen treten, um sich auf ein endgültiges Dokument zu einigen. Die Kommission wird die Anwendung dieser Kriterien auch durch entsprechende EU-Mittel unterstützen. Allein der Europäische Sozialfonds ESF trägt jetzt schon mit bis zu 27 Millionen EUR zum Bereich Bildung und Ausbildung bei. 2018 wird die Kommission dann auch ein Set von nachfrageorientierten Unterstützungsdiensten starten. Diese sollen Mitgliedstaatenhelfen, die ihre Lehrlingssysteme verbessern oder reformieren wollen.