19.10.2017

Handwerk: Sozialkassen nicht noch mehr belasten

Handwerks-Präsident Hans Peter Wollseifer setzt hohe Erwartungen in eine mögliche Jamaika-Koalition. „Wenn es gut läuft, kann ein Jamaika-Bündnis wichtige Impulse setzen und für Deutschland einen Modernisierungsschub bringen“, sagt Wollseifer. Im Interview mit der NOZ vor den Vollversammlungen des Deutschen Handwerks in Berlin äußert er sich außerdem sehr positiv über die Situation der Betriebe. „Ja, es boomt, und das schon seit längerer Zeit.“

Die Sondierungen für eine Jamaika-Koalition laufen: Skepsis oder Zuversicht beim Handwerk?

Wir müssen nach dem Wahlergebnis Politik ein Stück weit neu denken. Es geht darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und Erneuerung voranzubringen. Nach meinem Eindruck sind sich die Verhandlungsführer dieser großen Verantwortung bewusst, gehen positiv und zielorientiert in die Gespräche. Sie sollten den Mut haben, auch neue Wege zu gehen. Wenn es gut läuft, kann ein Jamaika-Bündnis wichtige Impulse setzen und für Deutschland einen Modernisierungsschub bringen. Was für das Handwerk und die Wirtschaft insgesamt wichtig ist: Die Regierungsbildung darf keine Hängepartie werden. Dafür gibt es zu viele Aufgaben, die nach einer Lösung schreien. Wir brauchen rasch eine handlungsfähige Regierung, die mit Mut die Zukunft gestaltet.

Wäre eine erneute Große Koalition – mit Blick auf Stabilität – die bessere Variante gewesen?

Die leichte Antwort wäre: Ja, da weiß man, was man hat. Aber wir dürfen nicht vergessen: Wirtschaftsfreundlich waren die Beschlüsse von Union und SPD in den letzten vier Jahren nicht immer. Milliardenschwere Projekte wie die Rente mit 63 und die Mütterrente sind da nur zwei Beispiele. So etwas können wir uns nicht noch einmal leisten.

Die CSU fordert aber weitere Nachbesserungen bei der Mütterrente ...

Das Handwerk ist ganz entschieden dagegen. Das belastet unsere Sozialkassen in der Zukunft noch mehr.

Erwarten Sie, dass sich die FDP durchsetzt mit der Forderung nach Steuerentlastung für den Mittelstand von 30 Milliarden Euro pro Jahr?

In Sondierungen geht man mit Zahlen hinein ¬– ob die dann stehen bleiben, ist eine andere Frage. Klar ist: Die kalte Progression muss abgebaut werden. Es kann nicht sein, dass wir unsere Mitarbeiter gut bezahlen und die von Lohnerhöhungen fast nichts spüren. Aus den vollen Steuer- und Sozialkassen muss mehr in die Portemonnaies unserer Beschäftigten fließen. Zudem muss der Solidarzuschlag weg. Bei den Sozialabgaben darf keinesfalls die 40-Prozent-Marke überschritten werden.

Sind durch das starke Abschneiden der AfD negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu erwarten?

Ganz generell gilt: Wenn Populisten, Nationalisten und Europafeinde Politik machen, ist das nicht unbedingt Werbung. Schlechtreden und Hasstiraden schaffen kein gutes Investitionsklima. Das ist nicht gut für das Handwerk und den Standort Deutschland insgesamt.

In der Politik und im Handwerk gibt es Forderungen, für jene Berufe wieder die Meisterpflicht einzuführen, die im Zuge der Handwerksnovelle abgeschafft wurde ...

Seit 2004 kann man sich in 53 Gewerken auch ohne Meisterbrief selbstständig machen. Nach Meinung vieler war das ein Fehler, der zu Qualitätsverlust, zu einer geringeren Zahl an Lehrlingen und zu einem Anstieg an Soloselbstständigen geführt hat. Deshalb wird jetzt die Reform der Reform von 2004 gefordert. Damit wird ein Herzensthema des Handwerks aufgegriffen. Nur der Meisterbrief garantiert Qualität und gute Ausbildung. Nicht umsonst hat Deutschland mit 6,4 Prozent die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in der EU. Nur mit der qualitativ sehr hochwertigen Arbeit von Meisterbetrieben werden wir in Zeiten immer höherer Ansprüche und im Wettbewerb bestehen können. Der Meister ist ein Gütesiegel und ein identitätsstiftendes Element im Handwerk. Wo erkannt wird, dass 2004 Fehler gemacht wurden, muss man den Mut zur Kehrtwende haben.

Was tun Sie konkret?

Wir nehmen die Politik beim Wort. Im Zentralverband des deutschen Handwerks wird eine eigens dafür eingerichtete hochkarätige Planungsgruppe den Prozess politisch begleiten und alle Bemühungen unterstützen, die die damaligen Entscheidungen korrigieren wollen. Aber die Wiedereinführung des Meisters ist leider nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das wird nur gelingen, wenn wir gut geprüfte Argumente haben, die europa- und verfassungsfest sind.

Können sich Handwerker auch weiter vor Aufträgen kaum retten?

Ja, es boomt, und das schon seit längerer Zeit. Für 2017 erwarten wir auf jeden Fall ein Umsatzplus, voraussichtlich um die drei Prozent. Damit sind wir sehr zufrieden, auch wenn uns Fachkräfte bitter fehlen und weiter fast 19 000 Lehrstellen unbesetzt sind. Doch es gibt Lichtblicke: Knapp 4000 Jugendliche mehr als 2016 haben in diesem Jahr eine Ausbildung im Handwerk begonnen. Das satte Plus von 2,9 Prozent bestätigt, dass unsere Anstrengungen erfolgreich sind, Jugendliche fürs Handwerk zu begeistern. Die Talsohle haben wir hoffentlich durchlaufen. Was uns freut: Zunehmend kommen Abiturienten zu uns, 13 Prozent der Auszubildenden haben die Reifeprüfung.

Was bedeutet der Fachkräftemangel für die Verbraucher?

Der Kunde muss im Durchschnitt zehn Wochen warten, bis sein Auftrag abgearbeitet wird. Das ist nicht schön. Aber klar ist: Notdienste stehen wie bisher bereit.

Muss der Kunde letztlich blechen, weil die Leistung des geschrumpften Personals kostbar wird?

Mit „Verknappungszuschlägen“ verärgern wir nur die Kunden. Das wissen auch die Betriebe. Die werden ganz überwiegend auch weiter sauber kalkulieren, sodass Engpässe nicht zulasten der Kunden gehen.