02.05.2017

Meisterbrief ist eine Lebensversicherung gegen Arbeitslosigkeit

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der Neuen Westfälischen in Bielefeld.

Herr Wollseifer, dem Handwerk geht es so gut wie selten und trotzdem will niemand Handwerker werden. Woran liegt das?

Hans Peter Wollseifer: Dem Handwerk geht es tatsächlich gut, die Umsätze steigen. Mehr als 90 Prozent der Betriebe bewerten die Situation als befriedigend oder sogar als sehr gut. Aber es stimmt: Trotzdem haben wir Schwierigkeiten bei Nach- und Neubesetzungen. Die deutsche Wirtschaft braucht eine Million Fachkräfte, auch das Handwerk. Und wir haben Schwierigkeiten, Nachwuchs zu bekommen.

Woran liegt das?

Wollseifer: Zum einen an den weiter rückläufigen Schülerzahlen in den alten Bundesländern. Und dann gibt es den Trend zu Abitur und Studium. Heute studieren 60 Prozent eines Jahrgangs, vor zehn Jahren starteten so viele eine duale Ausbildung. Uns fehlen dadurch die Fachkräfte. Da muss man wirklich fragen, ob das nicht am Arbeitsmarkt vorbei geht.

Wenn 60 Prozent ins Studium gehen, dann ist das Handwerk so etwas wie ein Resteverwerter?

Wollseifer: Alle Wirtschaftsbereiche suchen Auszubildende. Das Handwerk hatte bei rund 136.000 neuen Azubis sogar ein Plus - aber es sind nicht genug. Wir sind daher aktiv, werben seit Jahren intensiv um alle Jugendlichen, die Schwächeren wie die Leistungsstarken.

Welche Aktivitäten meinen Sie?

Wollseifer: Wir kümmern uns in den Familienunternehmen mit hohem Engagement auch um Jugendliche mit schwächeren Abschlüssen, um Migranten, aber auch um Studienaussteiger. Die Betriebe brauchen sie alle. Aber es ist auch gesellschaftliches Engagement dabei. Wir müssen verhindern, dass sich Parallelgesellschaften bilden. Oder frustrierte Studenten am Leben scheitern. Leistungsstarken Schülern wollen wir ein Berufsabitur anbieten: In vier Jahren können die Jugendlichen Abitur und Gesellenbrief in Schule und Betrieb erwerben. In Nordrhein-Westfalen und in fünf weiteren Bundesländern starten im Sommer erste entsprechende Angebote.

An den Berufsschulen kursieren Berichte, wonach rund 80 Prozent der Prüflinge durchfallen. Ist das Panikmache?

Wollseifer: Eine Durchfallquote von 80 Prozent? Das ist Quatsch. Wir haben in Deutschland 130 Ausbildungsberufe in den Bereichen Gesundheit, Holz, Metall, Textil oder Lebensmittel. Da sind die Anforderungen natürlich sehr unterschiedlich. Ich empfehle Schülern unsere Kampagne unter dem Hashtag #einfachmachen. Sie erlaubt einen unverstellten Blick auf das Handwerk.


Erinnern Sie sich noch an Ihre eigene Prüfung? War die schwer?

Wollseifer: Natürlich erinnere ich mich. Ich glaube, man empfindet jede Prüfung als schwer. Meine Meisterprüfung im Maler- und Lackierer-Handwerk habe ich in Bielefeld abgelegt, daran habe ich gute Erinnerungen. Das ist auch eine Zeit der Persönlichkeitsbildung. Die Meisterprüfung ist übrigens so etwas wie eine Lebensversicherung gegen Arbeitslosigkeit. Nur 1,8 Prozent der Handwerksmeister sind arbeitslos. Das ist ja praktisch Vollbeschäftigung.

Könnten Sie mit Ihrer Meisterprüfung von damals heute noch etwas anfangen? Wahrscheinlich nicht, weil die Digitalisierung dazwischengekommen ist.

Wollseifer: Berufe entwickeln sich ja ständig weiter. Stillstand ist Rückschritt. Ich kann nur jedem empfehlen, die Angebote der ständigen Weiterbildung anzunehmen.

Und wie läuft es mit der Digitalisierung im Handwerk?

Wollseifer: Die findet statt, in Produktion, Logistik, Personaleinsatz, Büro. Mit dem Wirtschaftsministerium haben wir das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk geschaffen. Da kommt täglich Neues, von dem alle Betriebe profitieren können.

Trotzdem wird die Digitalisierung einige Handwerksbranchen auslöschen.

Wollseifer: Sie verändert erst einmal die Berufe. Junge Betriebe kommen mit neuen Ideen. In Köln setzt eine Schreinerei 7-Achs-Roboter ein, hat Designer und Künstler damit als neue Kunden gewonnen. Der Zahntechniker und der Zahnarzt nehmen Abdrücke künftig digital und setzen 3-D-Druck ein, Dachdecker nutzen Drohnen. Da ist Handwerk bereits 4.0.


Sie kommen heute zum Vortrag beim Industrie- und Handelsclub nach Bielefeld in den Campus Handwerk. Wir Ostwestfalen halten den Campus ja für den besten in ganz Mitteleuropa. Oder haben Sie in Köln etwas Besseres?

Wollseifer: Wir haben ein hochmodernes Technologiezentrum, das ist auch architektonisch herausragend. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Bielefelder Campus Handwerk seinesgleichen sucht.

Demnächst zieht dort ein neuer Hauptgeschäftsführer ein. Haben Sie Tipps für ihn?

Wollseifer: Das Handwerk in NRW, insbesondere auch in Bielefeld ist gut geführt. Wir haben im Handwerk immer das Ziel, dass alle an einem Strang ziehen. Das ist wichtiger Teil meiner Arbeit als ZDH-Präsident – und das wird man auch in Ostwestfalen-Lippe hinkriegen.

Das Interview führt Stefan Schelp und erschien am 1. Mai 2017 in der Neue Westfälischen in Bielefeld