28.11.2016

Tür zum Handwerk steht für alle offen

Das Handwerk wächst und braucht dringend mehr Auszubildende und Facharbeiter, so Handwerkspräsident Wollseifer im Interview mit FOCUS Online.

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt scheint mühsamer als gedacht. Woran liegt das?

Hans Peter Wollseifer:
Es gibt einige Integrationsbremsen. Aber lassen Sie uns mit dem Positiven beginnen: Im Integrationsgesetz ist die Drei-Plus-Zwei-Regelung festgeschrieben. Wenn ein geduldeter Flüchtling also drei Jahre eine Ausbildung durchlaufen hat, kann er auf jeden Fall zwei weitere Jahre im Betrieb bleiben. Das gibt den Betrieben Planungssicherheit. Außerdem wurde die Altersgrenze gestrichen, nach der nur Jugendliche bis zu 21 Jahren eine Ausbildung beginnen konnten. Das ist sinnvoll, denn die meisten Flüchtlinge sind älter. Auch ist in Regionen, in denen es so gut wie keine Arbeitslosigkeit gibt, die Vorrangprüfung weggefallen, nach der geklärt werden musste, ob ein arbeitsloser Deutscher für einen bestimmten Arbeitsplatz zur Verfügung stünde...

Und was läuft nicht gut?

Wollseifer:
Wir dürfen beispielsweise keine Anreize setzen, die die Aufnahme einer Ausbildung verhindern.  Sozialleistungen, die den Lebensstandard in den Herkunftsländern übersteigen, stellen  einige junge Menschen vorschnell zufrieden. Hier muss die Politik eine Lösung schaffen.

Was schlagen Sie da vor? Kürzung der Sozialleistungen?

Wollseifer:
Gerade die Jugendlichen dürfen wir bei ihren Entscheidungen nicht alleine lassen, wir müssen sie intensiv begleiten und beraten. Bei uns im Handwerk gilt das Prinzip „fördern und fordern“. Die jungen Flüchtlinge dürfen nicht sofort in Hartz IV rutschen. Sie müssen durchgehend aktiviert werden. Man muss darum Mittel und Wege finden, die Motivation zur Leistungsintegration aufrecht zu erhalten.

Wo liegen weitere Schwierigkeiten?

Wollseifer:
Es gibt ein Problem im Hinblick auf die gesetzlich vorgeschriebenen Abmeldepflichten bei der 3+2-Regelung. Wenn ein Flüchtling nicht mehr zur Ausbildung erscheint, müssen die Arbeitgeber das innerhalb von zwei Wochen melden. Sonst drohen Strafen von bis zu 30.000 Euro. Wir kennen zwar noch keinen Fall, in dem solch ein Bußgeld angeordnet wurde. Doch allein die Drohung demotiviert viele Betriebe. Wir haben vorgeschlagen, dass die Krankenkassen die Abmeldung vornehmen, da sie sofort registrieren, wenn kein Lohn mehr gezahlt wird. Das ist ein praktikables Modell, das aber leider noch nicht umgesetzt wurde.


Wie viele Flüchtlinge bildet das Handwerk derzeit aus?

Wollseifer:
Zur Zeit sind rund 2500 in einer betrieblichen Ausbildung, die u.a. aus Afghanistan, Iran, Irak, Eritrea, Somalia und Syrien kommen. Viele weitere sind in Praktika und den zahllosen Initiativen der Handwerksorganisationen in Vorbereitung auf Ausbildung oder Beschäftigung. Ein Projekt wurde bereits erfolgreich abgeschlossen: Gemeinsam mit dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit wurden 300 junge Menschen geschult und in Ausbildung gebracht, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, wenn das möglich ist. Ihnen wollen wir Hilfestellung bieten, dass sie sich dann beim Wiederaufbau ihrer Länder einbringen können.

2500 klingt nicht viel.

Wollseifer:
Für die vielen Flüchtlinge aus dem vergangenen Jahr haben wir im April gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesbildungsministerium das  Projekt  „10.000 Wege in die Ausbildung“ gestartet. Innerhalb von zwei Jahren können hier bis zu 10.000 junge Menschen qualifiziert und in eine Ausbildung vermittelt werden. Hier gibt es noch ausreichend freie Kapazitäten. Doch aktuell werden nicht genügend Integrations- und Sprachkurse angeboten. Hier muss man zusätzliche Kapazitäten schaffen. Grundsätzlich muss den Menschen, die hierherkommen, deutlich gemacht werden, welch hohen Stellenwert das Handwerk in Deutschland hat – im Vergleich zu ihren Herkunftsländern.

Lösen die Flüchtlinge Ihren Fachkräftemangel?

Wollseifer:
Flüchtlinge sind nur eine Facette bei der Lösung des Fachkräfteproblems. Wir kümmern uns daher nicht nur um Flüchtlinge, sondern gezielt auch um Studienabbrecher, um Abiturienten oder gering qualifizierte Jugendliche, auch um die Migrantengruppen, die schon lange hier leben. Und wir schulen junge Langzeit-Arbeitslose.  Wir brauchen sie alle, denn aktuell sind 18.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt. Immerhin haben wir in diesem Jahr ein Prozent mehr Ausbildungsverträge als im Vorjahr. Wir hoffen, dass wir die Talsohle durchschritten haben. Doch wir werden weiter daran arbeiten, den Jugendlichen wie ihren Eltern und Freunden deutlich zu machen, dass sich eine Ausbildung im Handwerk lohnt.

Es hieß unlängst von der Bundesanstalt für Arbeit, dass die Flüchtlinge einen höheren Bildungsstandard hätten als gedacht...

Wollseifer:
Das können wir nicht bestätigen. Wir haben uns da aber nie Illusionen gemacht. Viele Berufe gibt es in den Herkunftsländern gar nicht. Oder aber es herrschen ganz andere Standards. Auch fehlt es oft an der schulischen Vorbildung. Uns war immer klar, dass es bis zu fünf oder sechs Jahren dauern kann, bis die Menschen wirklich Fuß gefasst haben.

Ihren Worten folgend werden sowohl Auszubildende als auch Arbeitskräfte gebraucht. Können Sie vor diesem Hintergrund verstehen, dass in Teilen der Bevölkerung Angst besteht, dass Flüchtlinge ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen?

Wollseifer:
Ja, ich verstehe das. Doch diese Angst ist unbegründet. Das Handwerk verzeichnet hohes Wachstum. In vielen Regionen finden sich keine Arbeitskräfte mehr. Zum weiteren Beschäftigungsaufbau können Flüchtlinge nur in geringem Maße beitragen. Ich kann nur sagen: Wir brauchen wirklich alle. Wir bemühen uns um die Schwächeren und werben um die Stärkeren. Und der Schlüssel zu allem ist Ausbildung. Wer über eine gute berufliche Ausbildung verfügt, besitzt damit den Schlüssel zu einem sicheren Arbeitsplatz und zu einem gesicherten Auskommen. Das ist auch das beste Mittel gegen die Verdrossenheit, die wir in Teilen der Gesellschaft erleben, das  macht weniger anfällig für Miesmacher und Polarisierer.

Viele werden darauf antworten, dass sie keine unbefristeten Verträge bekommen und zu Jobs gezwungen sind, die sie nicht ernähren.

Wollseifer:
Die Bundesregierung hat uns in dieser Legislaturperiode zu viele Wohltaten verabreicht. Die erste große Koalition hat die Rente mit 67 verabschiedet, die zweite lässt bestimmte Berufsgruppen mit 63 in Rente gehen. Das ist nicht zielführend. Wir brauchen nicht mehr Wohltaten. Wir brauchen Investitionen in Verkehrsinfrastruktur, in Breitbandinfrastruktur, in Bildung. Wir müssen die Rahmenbedingungen so setzen, dass die Betriebe weiter wachsen können. Dann geht es auch den Mitarbeitern gut, dann wird weiteres Personal benötigt. Die mittelständischen Betriebe dürfen nicht zusätzlich belastet werden. Ihnen geht es nicht um Rendite-Kennziffern. Ihnen ist zu verdanken, wenn reguläre Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden.

Sie treten im Dezember erneut zur Wahl als Präsident des Zentralverbands des Handwerks an. Was ist Ihre Motivation? Was möchten Sie umsetzen?

Wollseifer:
Die große Überschrift lautet „Mittelstand und Handwerk stärken“. Ich möchte mehr Wertschätzung erzeugen. Und ich möchte die berufliche Bildung noch stärker in den Fokus rücken. Nach dem Hochschulpakt, der richtig war, muss nun einen Pakt für die berufliche Bildung folgen. Das ist wichtig für den gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Darauf gründete die Stärke Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten. Darauf muss unser Land auch in Zukunft bauen,  das darf nicht verloren gehen.

Die Fragen stellte Martina Fietz.