03.11.2016

Zusammenarbeit von Kopf und Hand

"Die Zusammenarbeit von Kopf und Hand – das ist das Geheimnis des wirtschaftlichen Erfolges in Deutschland", schreibt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer in einem Beitrag für das Münchner Uni-Magazin.

Von Hans Peter Wollseifer

Wer in eine Handwerkerfamilie hineingeboren wird, will nicht zwangsläufig Handwerker werden. Das liegt vor allem daran, dass Kinder und Jugendliche hautnah mitbekommen, wie sehr ein eigenes Unternehmen das Zeitbudget der Eltern strapaziert. Doch das Schicksal will es oft anders.

Mein Vorgänger als ZDH-Präsident hat zwei Gesellenbriefe im Handwerk erworben, dann aber Maschinenbau studiert. Als Diplomingenieur übernahm er schließlich doch nach einem Todesfall den Familienbetrieb. Der Präsident der Handwerkskammer Berlin ist Historiker – doch er kannte den Familienbetrieb, ein Facility-Management-Unternehmen. Als sein Vater plötzlich starb, wurde er Chef. Ich selbst kam gar nicht mehr zum angestrebten Architekturstudium, machte den Meisterbrief und musste als junger Unternehmer im Familienbetrieb ins kalte Wasser springen.

Ich finde, wir drei und viele andere im Handwerk haben es glänzend getroffen. Denn letztlich sind wir doch im Handwerk sozialisiert worden. Wir haben das Ringen mitverfolgt, wie kniffelige Kundenwünsche erfüllt werden konnten. Wir haben mitgefeiert, wenn der Betrieb einen Finanzengpass überwunden hat und wieder auf Wachstumskurs eingeschwenkt ist. Wir haben die häufige Sorge um die Mitarbeiter und ihre Familien mitverfolgt. Kurzum: Eigentlich haben wir als Kinder schon Unternehmer gelernt.

Heute ist es in vielen erfolgreichen Handwerksbetrieben längst selbstverständlich, dass Handwerker und Akademiker Hand in Hand arbeiten. Wobei die Rollenverteilung oft so ist, dass die Handwerksmeisterin oder der Handwerksmeister aus dem Kundenkontakt die Idee mitbringen, ausarbeiten und dann den Ingenieur entwickeln lassen. Und der Betriebswirt vermarktet das Produkt oder die Dienstleistung.

Von dieser Praxis ahnen jedoch junge Menschen kaum etwas, die entscheiden sollen, wohin es im Leben gehen wird. Auch ihre Entscheidungshelfer wissen davon wenig – Handwerk kommt für sie nur als Brötchen, Haus oder Reparatur vor. Nicht aber als Zulieferer im Auto-, Flugzeug-, Schiffs- und Maschinenbau oder in der Medizintechnik, nicht als weltweiter Anbieter von singulären Produkten im Anlagenbau, nicht als High-Tech-Handwerker etwa in der Orthopädietechnik. Das b-to-b-Geschäft ist jedoch traditionell ein spannender Bereich.

Im Privatkundengeschäft haben junge, moderne Handwerker aber ebenfalls das Spektrum deutlich erweitert. Die einen verkaufen im Internet konfigurierte und bestellte Holztische, andere gewinnen Strandläufer in Australien oder Schauspieler in Hollywood als Kunden für ihre orthopädischen Sandalen – mit individueller Passform. Erfolgreiches Marketing muss aber nicht digital sein – ein junger Bauunternehmer verteilt in der Nachbarschaft seines jeweils neuesten Bauprojektes Gummibärchen und einen Brief, mit der Einladung sich doch beim Abendspaziergang vom termingerechten Baufortschritt zu überzeugen. Er hat übrigens sein Handwerkerteam um Architekt, Statiker, Ingenieur ergänzt – Kopf und Hand.

Handwerk ist für junge Menschen aber oft auch eine Herzensangelegenheit. Ich will hier nicht von Selbstverwirklichung reden. Doch die ehrliche handwerkliche Arbeit bringt vielen Handwerkern eine große Befriedigung. Ich bin als Meister und Unternehmer stolz, wenn die Handwerker meines Betriebs etwa ein heruntergekommenes Haus erstklassig saniert haben.

Und statt "was mit Medien", ist für viele "was mit Holz" der berufliche Traum. Steinmetze müssen nicht nur kräftig sein – künstlerische Betätigung ist erwünscht. Schmuck oder Kleider sind für viele die ganz große Leidenschaft – doch nur die Ausbildung legt den richtigen Grundstein für späteren Erfolg im Beruf. Das alles müssen junge Menschen erst einmal erfahren und ausprobieren können.

Daher frage ich mich oft, warum der Staat die duale Ausbildung in den vergangenen beiden Jahrzehnten so schlecht geredet hat. Warum stets vor allem der Weg zu Abitur und Studium gefördert wurde. Deutschland hat diese lange und erfolgreiche Tradition der handwerklichen Ausbildung bis hin zur Spitzenqualifikation, dem Meisterbrief. Da muss man doch drauf bauen!

Beim Besuch mit der Bundeskanzlerin in China habe ich viel ehrliche Hochachtung bekommen. Chinesen wissen, wie man theoretisches Wissen in die jungen Menschen hineinstopft. "Doch wir haben viel zu wenige Facharbeiter, die die Pläne der Akademiker lesen und umsetzen können. Wir haben da meist nur angelernte Bauern", klagen sie.

Kopf und Hand – das ist das Geheimnis unseres wirtschaftlichen Erfolges in Deutschland. Darum beneidet uns die Welt.

Geraten die Grundfesten dieses Erfolges jetzt ins Wanken? Die Zahlen sind dramatisch. 58 Prozent der Schulabgänger hatten 2015 Abitur und wollten studieren. Vor zwei Jahrzehnten lag die duale Ausbildung soweit vorn. Doch die Politik, teilweise getrieben von der OECD, begann ihren großen Werbefeldzug für Abitur und Studium. Hauptschulen verkümmerten zu Restschulen – dabei brachten sie in den 80er Jahren noch ehrgeizige und talentierte junge Menschen hervor, die in großer Zahl den Meisterbrief erwarben und beruflichen Erfolg hatten. Die Binnenmarktkrise Ende der 90er Jahre traf den handwerklichen Mittelstand schwer – erst die Arbeitsmarkt- und Sozialreformen brachten den "kranken Mann Europas", das war Deutschland damals, wieder auf Trab.

Seit dieser Krise legt das Handwerk eine Erfolgsgeschichte hin, profitiert vor allem vom Aufschwung am Binnenmarkt. Aber auch neue Entwicklungen wie das Internet bescherten Stollenbäckern weltweit neue Kunden, machten Städter zu Online-Stammkunden bei ländlichen Biofleischereien, schufen Optikern oder Sanitärbetrieben zusätzliche Standbeine im Web, brachten koreanische Industrie und deutsche Handwerksbetriebe zusammen.

Dieser einmalige Wachstumsschub stellt aber auch völlig neue Anforderungen an unsere Betriebe. Der Medizintechnikhersteller liefert plötzlich an US-Giganten und muss die Wartung seines Gerätes in Intensivstationen jenseits des Atlantiks rund um die Uhr sicherstellen. Feinwerkmechaniker verhandeln über ihre Werkzeuge mit Robotikfirmen in Israel oder China. Sanitärbetriebe müssen kaufmännisch einen blitzschnell gewachsenen Handelsbetrieb stemmen. Rollladen- und Sonnenschutzunternehmen wollen die Ausrüstung 40stöckiger Glastürme planen und umsetzen. Dafür brauchen sie Meisterinnen und Meister, Facharbeiter mit Spezialkenntnissen, aber auch Frauen und Männer als Ingenieure oder Betriebswirte.

Besonders Leistungsbereite absolvieren ein triales Studium – Gesellenbrief, Meisterbrief, Bachelor in Handwerksmanagement. Aber auch ein duales Studium, meist im fachlichen Bereich wie Holz oder Metall, fordert ganz schön – bringt aber auch einen absolut sicheren Arbeitsplatz. Betriebe, die noch vor fünf Jahren glaubten, Abiturienten nach der Gesellenprüfung würden eh weiterziehen, denken längst um. Sie vereinbaren mit den jungen Menschen Karrierepläne. Und wenn ein Studium sein soll, dann kann es sich eine Kandidatin durch Teilzeitarbeit im Betrieb verdienen – und weiß genau, wo sie danach im Betrieb wieder weiter arbeiten kann.

Hier stehen erfolgreiche Handwerksbetriebe der Industrie nicht mehr nach.

Im Handwerk gibt es auch Berufe, die Abiturienten, gerne auch junge Frauen, besonders anziehen. Etwa Augenoptik, Hörgeräteakustik oder auch Zahntechnik. Die Berufe arbeiten alle mit moderner digitaler Technik. Sie haben Zukunft. Und sie bieten schnelle Karrieren. Mit Gesellenbrief und Meisterbrief winken Filialleitung oder Selbständigkeit. Diese Berufe haben Renommee – im Ausland ist oft ein Studium notwendig – und sie erlauben den von vielen geschätzten direkten Kundenkontakt, gepaart mit individueller Hilfe.

Finanziell ist das Handwerk in jedem Fall eine Alternative. Bachelorabsolventen und Handwerksmeister verdienen in ihrem Berufsleben annähernd den gleichen Betrag. Für leistungsstarke Abiturienten oder Studienaussteiger ist die berufliche Bildung mit Karriereziel also lohnend.

Wobei es den meisten gar nicht so sehr auf besonders großartige Verdienste ankommt. Sie haben einfach gemerkt, dass nur Theoretisieren und Bücher wälzen nichts für sie ist. Sie wollen abends sehen, was sie am Tag geschafft haben.

Betriebe und Handwerksorganisationen kämpfen an allen Fronten, um der beruflichen Bildung wieder die notwendige Attraktivität zu geben. Dazu gehört ein Programm für Aus-, Fort- und Weiterbildung im Rahmen einer höheren Berufsbildung. Notwendig ist auch ein Berufsabitur, das leistungsstarke Jugendliche nach dem mittleren Abschluss abholt und duale Ausbildung im Betrieb und Vermittlung von Abi-Stoff verbindet. In Österreich und der Schweiz ist man damit bereits erfolgreich. 16 Bundesländer sind schwerer zu überzeugen.

Wichtig ist aber auch, dass die Politik für berufliche Exzellenz vergleichbar viel Geld aufbringt, wie bereits für akademische Exzellenz. Wir brauchen gerade in Deutschland ausgezeichnete Ausbildung in beiden Bereichen.

Berufliche Bildung und akademische Bildung müssen in unserer Gesellschaft wieder den gleichen Stellenwert bekommen. Der Einsatz lohnt sich für alle Seiten. Wenn Akademiker und Handwerker weiter Hand in Hand arbeiten mache ich mir um die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland und um das Wohlergehen der nächsten Generation keine Sorgen.

Der Artikel im Uni-Magazin: https://www.uni-muenchen.de/aktuelles/medien/mum/archiv/2016/mum_04_16.pdf Der Essay findet sich auf Seite 10.