26.10.2016

Mehr Handwerk wagen

Berufliche Exzellenz muss besser gefördert werden, fordert ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer in einem Gastbeitrag für die Mittelbayerische Zeitung.

In vielen erfolgreichen Handwerksbetrieben ist es selbstverständlich, dass Handwerker und Akademiker Hand in Hand arbeiten. Von dieser Praxis ahnen jedoch junge Menschen kaum etwas, die entscheiden sollen, wohin es im Leben gehen wird.

Aber in jedem BMW, jedem Airbus und jedem Kreuzfahrschiff steckt jede Menge Zulieferung von Handwerksbetrieben. Viele "Hidden Champions" prägen das b-to-b-Geschäft.

Im Privatkundengeschäft haben junge, moderne Handwerker ebenfalls das Spektrum deutlich erweitert. Die einen verkaufen im Internet konfigurierte und bestellte Holztische. Und Orthopädietechnikermeister wetteifern um die beste High-Tech-Lösung für behinderte Mitmenschen.

Handwerk ist für junge Menschen aber oft auch eine Leidenschaft. Ehrliche handwerkliche Arbeit bringt eine große Befriedigung. Zu Kopf und Hand gesellt sich dann das Herz.

Ich frage mich oft, warum die duale Ausbildung so lange schlecht geredet wurde. Warum vor allem der Weg zu Abitur und Studium gefördert wurde. Deutschland hat diese lange und erfolgreiche Tradition der handwerklichen Ausbildung. Da muss man doch drauf bauen!

Geraten die Grundfesten unseres Erfolges jetzt ins Wanken? Die Entwicklung macht uns Sorgen. 58 Prozent der Schulabgänger hatten 2015 Abitur und wollten studieren.

Das Handwerk hat vor einigen Jahren mit seiner Imagekampagne begonnen, jungen Menschen, die nicht nur Bücher wälzen wollen, Erfolgsgeschichten aus dem Handwerk zu erzählen. Jetzt warten wir darauf, dass alle Schulformen, auch die Gymnasien echte Berufsorientierung bieten – nicht nur Studienberatung. Dass Hauptschulen mit dem Handwerk kooperieren, damit ihre Absolventen weiter die Chance zum Aufstieg im Handwerk erhalten.

Seit Jahren erleben unsere Betriebe einen Wachstumsschub, müssen sich völlig neuen Anforderungen stellen. Der Medizintechnikhersteller liefert plötzlich in die USA. Feinwerkmechaniker schicken ihre Werkzeuge nach Israel oder China. Rollladen- und Sonnenschutzunternehmen müssen die Ausrüstung 40stöckiger Glastürme planen und umsetzen. Dafür brauchen sie vor allem gute Fachkräfte – und zusätzlich Meisterinnen und Meister, Ingenieure und Betriebswirte.

Betriebe, die noch vor fünf Jahren befürchten mussten, Abiturienten nach der Gesellenprüfung würden eh weiterziehen, denken längst um. Sie vereinbaren mit den jungen Menschen Karrierepläne, unterstützen die Meisterausbildung oder ein duales Studium. Finanziell ist das Handwerk eine gute Alternative. Bachelorabsolventen und Handwerksmeister verdienen in ihrem Berufsleben annähernd gleich viel.

Wir kämpfen darum, der beruflichen Bildung wieder die notwendige Attraktivität zu geben. Dazu gehört ein Programm für Aus-, Fort- und Weiterbildung im Rahmen einer höheren Berufsbildung. Notwendig ist auch ein Berufsabitur, das leistungsstarke Jugendliche nach dem mittleren Abschluss abholt und duale Ausbildung im Betrieb und Vermittlung von Abi-Stoff verbindet.

Wichtig ist aber auch, dass die Politik für berufliche Exzellenz vergleichbar viel Geld aufbringt, wie bereits für akademische Exzellenz. Wir brauchen gerade in Deutschland ausgezeichnete Ausbildung in beiden Bereichen.

Berlin/Regensburg, 26. Oktober 2016