06.10.2016

"Mehr Respekt vor der Hauptschule!"

Eine Aufwertung der dualen Ausbildung fordert ZDH-Präsident Wollseifer im BILD-Interview.

Die aktuellen Polit-Krisen und wirtschaftlichen Umbrüche, Stichwort Digitalisierung, verunsichern viele Menschen. Was können Wirtschaft und Politik gegen die Unsicherheit tun?
Wollseifer:
Der Schlüssel ist die Bildung. Gute Schulen und gute Ausbildung sind der beste Schutz vor rechten Rattenfängern. Denn wer gut ausgebildet ist, der hat alle Chancen und muss keine Angst vor der Zukunft haben. Um das zu erreichen brauchen wir jedoch tausende zusätzliche Lehrer und Sozialarbeiter – gerade an Grund- und Hauptschulen.

Es machen immer mehr Schüler Abitur. Ist die Hauptschule überhaupt noch zeitgemäß?
Wollseifer:
Ich warne vor falschen Erwartungen und einer Überakademisierung. Viele Schüler mit Abitur stellen an der Uni plötzlich fest, dass ein Studium doch nichts für sie ist. Das verursacht Kosten und Frust, der vermeidbar ist. Eine Lehre muss endlich wieder den gleichen Stellenwert haben wie ein Studium.

Ist das Image der Hauptschule nicht ohnehin irreparabel beschädigt?
Wollseifer:
Nein! Aber mehr Respekt tut sicher Not. Fast jeder zweite Lehrling im Handwerk kommt von der Hauptschule. Diese Schulen bereiten auf die duale Ausbildung vor, sind für unsere Betriebe wichtige Partner, und die Politik sollte sie leistungsfähig erhalten.

In einigen Bundesländern gibt es gar keine Hauptschulen mehr. Muss die Abschaffung rückgängig gemacht werden?
Wollseifer:
Es wurde zuletzt viel für die Gymnasien und Gesamtschulen getan, jetzt sollten die anderen Schultypen dran sein. Rund 15 Prozent der Schulabgänger können nicht richtig rechnen und schreiben. Egal, wie eine Schule nun heißt – solche Werte bekommen wir nur durch Hilfe für jeden Einzelnen korrigiert. Aufgewertet werden müssen auch die Berufsschulen, die die Ausbildung im Betrieb ergänzen.

Die großen Dax-Konzerne beschäftigen gerade mal 56 Flüchtlinge. Wie viele sind es im Handwerk?
Wollseifer:
2450 Jugendliche aus acht nichteuropäischen Asylzugangsländern sind derzeit in Ausbildung. Zusammen mit der Regierung haben wir ein Projekt aufgelegt, das 10.000 Flüchtlinge auf eine Ausbildung vorbereiten soll. 1500 haben schon begonnen. Die Betriebe halten die Türen offen – denn es gibt immer noch 20.000 unbesetzte Lehrstellen im Handwerk, deutlich mehr als 2015.

Die Regierung will mit der Flexi-Rente längeres Arbeiten ermöglichen. Für viele Handwerker, z.B. Dachdecker, komme das aber gar nicht infrage, heißt es. Ist die Reform also ein Rohrkrepierer?
Wollseifer:
Keinesfalls. Wir leben Gott sei Dank immer länger. Daher müssen wir endlich aufhören, Menschen vorzeitig aufs Altenteil zu schieben. Die Flexi-Rente ist ein wichtiger Schritt. Sie hält auch über 63jährige in Beschäftigung, soweit sie das noch können, und ermöglicht es, über 67 hinaus zu arbeiten. Wer länger arbeitet, muss das auch deutlich im Geldbeutel spüren. Die Zuverdienstregelung muss der Bundestag noch korrigieren!

Und was ist mit denen, die körperlich kaputt sind und nicht länger arbeiten können?
Wollseifer:
Die brauchen eine auskömmliche Erwerbsminderungsrente. Aber im Handwerk greift der technische Fortschritt. Die körperlichen Belastungen sind heute meist viel niedriger als noch vor 20 Jahren. Und für Frührentner in Teilzeit gibt es genug zu tun, auch ohne große physische Belastung, etwa in Ausbildung, Kundenkontakt oder Qualitätssicherung.

Interview: Jan Schäfer