16.09.2016

Arbeitswelt verändert sich: Handwerk sieht Digitalisierung als Chance

Von Hans Peter Wollseifer

Früher ging es mit Zollstock und Aufmaß auf die Baustelle - heute kommen Laser und Laptop zum Einsatz, dazu noch eine passende App. 3-D-Drucker arbeiten in technischen Handwerksberufen ebenso wie beim Zahntechniker. Der Vertriebsweg Internet ist selbstverständlich geworden. High-Tech ist in Werkstätten der Orthopädietechniker eingezogen, Handwerk 4.0 in die Schreinerwerkstatt. Digital arbeitende Mediengestalter haben Drucker abgelöst. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Das Handwerk arbeitet daran, mit Hilfe der Digitalisierung neue Geschäftsfelder und Kundengruppen zu erschließen, sowie Arbeitsprozesse zu optimieren.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt steckt vor allem voller Chancen für das deutsche Handwerk. 83 Prozent der Führungskräfte von Handwerksorganisationen stimmten in einer Sonderumfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) so ab.

In der neuen digitalen Arbeitswelt im Handwerk geht es um Qualitätsarbeitsplätze. Aus- und Weiterbildung werden immer wichtiger. Tausende Betriebsinhaber sind weltweit vernetzt und investieren in digitale Geschäftsprozesse. Sie brauchen qualifiziertes Personal, um beispielsweise an plattformgesteuerten Bauvorhaben teilnehmen oder das "smart home" installieren und fernwarten zu können.

Qualifizierung kostet Geld. In die 530 Bildungsstätten des Handwerks, in denen wir die Fachkräfte für die Digitalisierung auf höchstem Niveau ausbilden, muss investiert werden – genauso wie in Hochschulen und Universitäten. Die digitalisierungsspezifische Ausstattung der Bildungs- und Kompetenzzentren des Handwerks muss dem aktuellen Stand der Technik entsprechen. Auch die Lehrkräfte müssen mit einschlägigen inhaltlichen und didaktischen Kenntnissen auf der Höhe der Zeit gehalten werden - digitales Lehren und Lernen ist das Stichwort. Geld darf daher nicht nur in die Hochschulen fließen! Wir brauchen auch eine Elite im Beruf!

Der Bundeswirtschaftsminister unterstützt das - eines der fünf Kompetenzzentren für die Digitalisierung ging an das Handwerk. Dort können sich kleine und mittlere Unternehmen über neue Marktmöglichkeiten durch eine IT-basierte Produktion und Dienstleistungen informieren und sich mit spezifisch auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Angeboten versorgen. So können sie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und technologisches Potenzial ausschöpfen. Das ist der Kern unserer digitalen Agenda Handwerk 4.0. Auch die auf KMU spezialisierten Berater in den Kammern und Fachverbänden unterstützen bei Technologieberatung und bei der Integration neuester Computertechnik.

Am für den digitalen Umbau notwendigen schnellen Ausbau leistungsfähiger Breitbandnetze hapert es bisher jedoch. In der ZDH-Umfrage kommen 93 Prozent der Befragten zu dem Schluss, dass der Ausbau außerhalb der Ballungszentren mit den Notwendigkeiten digitaler Geschäftsprozesse nicht Schritt hält. Die Politik ist hier gefragt: Nur mit einer zukunftsfähigen Infrastruktur auf Glasfaserstandard können Handwerksbetriebe ihre Ziele umsetzen. Deutschland darf digital nicht abgehängt werden. Das gilt nicht nur für die Industrie, sondern für alle Wirtschaftsbereiche. Wir brauchen zudem einen effektiven Datenschutz, der der Leistungsfähigkeit mittelständischer Unternehmen Rechnung trägt.

Denn eins ist klar: die Digitalisierung verändert fast alle Arbeitsplätze. Das darf uns keine Angst machen. Es ist eine große Chance, die wir nutzen müssen. Neues wagen, Innovationen vorantreiben – das zeichnet das Handwerk seit jeher aus. Es ist diese Fähigkeit, sich anhand von Kundenbedürfnissen jedes Mal ein Stückchen neu zu erfinden, die das Handwerk erfolgreich und marktfähig bleiben lässt. Und es ist die große Bandbreite des Handwerks zwischen der Integration von Hightech und individueller Maßfertigung, die dabei unsere Stärke ausmacht – analog wie digital. Mehr zum Thema