02.03.2016

"Integration ist machbar"

Im Interview mit der SuperIllu plädiert ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer für eine nachhaltige Integration von jungen Flüchtlingen.

Die Industrie kündigt seit Monaten an, Flüchtlinge einzustellen. Was macht das  Handwerk?
Hans Peter Wollseifer:  Das deutsche Handwerk hat schon immer gesellschaftliche Verantwortung übernommen, gerade in humanitären Fragen. In Zusammenarbeit mit dem Bundesbildungsministerium und der BA wollen wir jetzt 10 000 Flüchtlinge in unseren bundesweit 530 überbetrieblichen  Bildungsstätten so qualifizieren, dass sie die Voraussetzungen für eine Ausbildung erhalten. Die BA sorgt dabei dafür, dass die sprachliche Qualifikation vermittelt und die Kompetenzen erfasst werden, wir bereiten die Flüchtlinge dann auf die Arbeit vor und vermitteln sie in Betriebe. Das ist übrigens ein  Ansatz, der  dem Handwerk zugute kommt.  

Dem Handwerk zugute kommt? Sind Flüchtlinge ein Allheilmittel, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen?
Wollseifer: Sie sind zumindest eine Chance, die uns hilft, das demografische Problem langfristig zu lindern. Im vergangenen Jahr sind bundesweit im Handwerk 17 000 Lehrstellen unbesetzt geblieben. Deutschlandweit wird sich die Lage weiter verschärfen, was sich schon an den Schulabgängerzahlen zeigt: In Ostdeutschland haben wir zwar mit 130 000 pro Jahr die Talsohle erreicht, in Westdeutschland werden sie in den nächsten fünf Jahren aber von heute 720 000 auf 630 000  weiter sinken. Der Wettbewerb um die besten Köpfe nimmt  also weiter zu.. 

Im Vergleich dazu sind die 10 000 Qualifizierungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Oder?
Wollseifer: Es ist aber ein Weg, der zeigen wird, wie  Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann. Es geht doch um nachhaltige Lösungen. Die Flüchtlinge mit dauerhaftem Bleiberecht brauchen eine Perspektive, und  Unternehmen dürfen nicht überfordert werden. Nur wenn beides gelingt, werden wir die Eingliederung in den Arbeitsmarkt schaffen. Ich bin aber optimistisch. Bereits heute haben etwa 30 Prozent der Beschäftigten im Handwerk einen Migrationshintergrund. Das zeigt, dass Integration machbar ist.  

Pro Jahr werden zusätzlich 100 000 Wohnungen gebraucht. Rechnen Sie mit einer Sonderkonjunktur für die Handwerksbetriebe am Bau?
Wollseifer: Mehr Wohnungsbau bedeutet natürlich auch mehr Aufträge. Das Handwerk hat aber im Vergleich zur deutschen Wirtschaft schon in den letzten zwei Jahren überproportional zugelegt. Das wird sich dieses Jahr fortsetzen. Die niedrigen Zinsen, der niedrige Ölpreis und die sehr gute Beschäftigung beflügeln die Binnenwirtschaft. Wir bleiben die Stütze der Konjunktur und rechnen mit einem Wachstum rund um zwei Prozent.

Wenn die Betriebe schon gut ausgelastet sind, können sie dann noch  zusätzliche Aufträge stemmen?
Wollseifer: Es gibt sicherlich noch Kapazitäten, aber klar ist auch, dass die Wartezeiten länger werden. Hier wirkt sich der Fachkräftemangel aus. Darum werben wir ja so intensiv um junge Leute und bieten ihnen eine Karriere im Handwerk an. Gleichzeitig müssen wir die Produktivität steigern. Hier gibt es sicherlich noch Spielräume.

Apropos Produktivität - die Industrie setzt auf die Digitalisierung. Welche Rolle spielt sie für das Handwerk?
Wollseifer: Eine große Rolle. Im März starten wir zusammen mit dem Bundeswirtschaftsminister die Initiative digitale Kompetenzzentren, die demnächst in Dresden, Bayreuth, Koblenz und Oldenburg eröffnet werden. Die Digitalisierung hat im Handwerk längst Einzug gehalten.

Könnten Sie das genauer erklären?
Wollseifer: Ein Beispiel: früher hat ein Maler auf der Baustelle das Aufmaß genommen und im Büro später das Angebot erstellt. Heute kommt er mit dem Laptop, vermisst alles mit dem Laser und gibt das Angebot noch gleich vor Ort ab. So wie es die Industrie 4.0 gibt, gibt es auch das Handwerk 4.0.

Interview: Thilo Boss