05.02.2016

Berufliche Bildung stärken

Die Attraktivität der beruflichen Bildung stärken – das ist das Ziel der ZDH-Initiative "Höhere Berufsbildung". "Die berufliche Bildung muss stärker in den Fokus gerückt werden", fordert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift schulmanagement.

 

Das Handwerk kann zum Stichtag September des laufenden Ausbildungsjahres 2015 mehr als 1.400 zusätzliche neue Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr und somit die erste Steigerung nach vier Jahren vermelden. Diese sehr erfreuliche Entwicklung darf jedoch nicht den Blick auf den virulenten Fachkräftemangel verstellen. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung sowie das Bundesinstitut für Berufsbildung projizieren für das Jahr 2025, dass auf dem Arbeitsmarkt vier Millionen beruflich qualifizierte Fachkräfte fehlen werden. Die demografische Entwicklung und die hohe Studierneigung junger Menschen führen zu rückläufigen Auszubildendenzahlen in der dualen beruflichen Ausbildung. Nach Angaben der Ausbildungsberichterstattung des Statistischen Bundesamtes wurde im Jahr 2014 mit insgesamt 484.195 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen in der Wirtschaft erneut ein historischer Tiefstand erreicht. In keinem Jahr seit der Wiedervereinigung lag die Zahl der Neuabschlüsse niedriger. Die Zahl der Studienanfänger übersteigt mit 503.888 die der abgeschlossen Ausbildungsverträge im Jahr 2014 erneut. Die beschriebenen Entwicklungen führen dazu, dass im Handwerk in den Ausbildungsjahren 2014 und 2015 jeweils rund 20.000 Lehrstellen unbesetzt blieben.

Daraus entsteht ein Handlungsdruck sowohl für die Betriebe, die Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen können, als auch für die Berufsschulen, die zukünftig nicht mehr ausgelastet sind. Negative gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Effekte ergeben sich daraus, dass unter anderem wichtige Fach- und Führungspositionen nicht mehr bzw. nicht mehr qualifikationsadäquat besetzt werden können. Nach aktuellen Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn steht allein im Zeitraum von 2014 bis 2018 in rund 135.000 Familien-unternehmen die Übergabe an. Dies entspricht 27.000 Übergaben pro Jahr.

Gerade diese Klein- und mittelständischen Betriebe rekrutieren ihre Fach- und Führungskräfte über die berufliche Bildung. Zudem stellt die berufliche Bildung für diese Betriebe eine wichtige Funktion für den Technologie- und Innovationstransfer dar. Diese besonderen volkswirtschaftlichen Beiträge der beruflichen Bildung müssen wir im Fokus haben.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks stellt sich als Spitzenverband seiner Verantwortung. Mit der Initiative "Höhere Berufsbildung" werden systematisch-strukturiert Aspekte zur Stärkung der Attraktivität der Berufsbildung im Handwerk verknüpft. Die Handwerksinitiative zeigt chancenreiche Bildungs- und Karrierewege mit dem Meisterabschluss im Zentrum auf, die von der Berufsorientierung in den allgemeinbildenden Schulformen über die duale Berufsausbildung mit dem Abschluss Geselle zur zentralen Aufstiegsfortbildung Meister flankiert von Studienangeboten mit Abschluss Bachelor und Master führen. Das Konzept  "Höhere Berufsbildung" folgt den Leitlinien:

• Stärkung der Attraktivität der Berufsbildung,
• Lösung im System der dualen beruflichen Bildung unter Berücksichtigung bestehender Lernorte und Lehrverträge mit einem Ausbildungsbetrieb,
• Durchlässigkeit zwischen beruflicher und allgemeiner Bildung,
• Sicherung einer breiten Akzeptanz auf Ebene der Politik und Ebene der Nachfrager (Jugendliche und Unternehmen) sowie
• Weiterentwicklung bestehender Berufslaufbahnkonzepte in den 130 Aus-bildungsberufen des Handwerks.

Eine erste bundesweite Bildungsmarke zur weiteren Stärkung der Attraktivität der Berufsbildung soll das "BerufsAbitur" werden. Mit der Verknüpfung von Gesellenabschluss und all-gemeiner Hochschulzugangsberechtigung sollen leistungsstarke Jugendliche für das Hand-werk gewonnen werden. Sie haben damit sehr gute Voraussetzungen, in einem Handwerks-betrieb anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen und bei Wunsch beziehungsweise Bedarf im Kontext des Berufs/Unternehmens ein Studium beginnen können.

Es existieren bereits in den meisten Handwerksberufen ausgearbeitete Berufslaufbahnkonzepte. Diese zeigen auf, welche beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, aufbauend auf dem Gesellenabschluss (z. B. Kfz-Mechatroniker) existieren. Ein Beispiel stellen die Fortbildungen zum Kfz-Servicetechniker, zum Kraftfahrzeugtechnikermeister und zum Betriebswirt im Kfz-Handwerk dar. Für die berufliche Fortbildung besteht jedoch künftig die Notwendigkeit im Rahmen des Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (DQR) auf den DQR-Stufen 5 bis 7 einheitliche Bildungsmarken zu gestalten. Diese Bildungsmarken müssen in Bezug auf Qualitätsstandards und Prüfungsanforderungen den beiden akademischen Bildungsmarken Bachelor und Master entsprechen. Der Handwerksmeister ist eine solche etablierte Bildungsmarke. Mit dem Servicetechniker, der nach dem Gesellenabschluss zum Meister hinführt, existiert eine weitere Marke auf der DQR-Stufe 5. Zudem werden mit dem Konzept "Höhere Berufsbildung" die Vorteile akademischer Bildungsangebote für die berufliche Bildung erschlossen. Dazu werden kombinierte Qualifikationen entwickelt, wie das Triale Studium, in dem drei eigenständige Qualifikationen (Geselle, Meister und Bachelor) in einem hybriden Ansatz verknüpft werden.

Alle konzeptionellen Überlegungen orientieren sich am künftigen Fach- und Führungskräftebedarf des Arbeitsmarkts. Über den Weg der marktgesteuerten dualen Berufsbildung soll die Qualifizierung für den künftigen Bedarf an Fachkräften und Unternehmerpersönlichkeiten im Handwerk sichergestellt werden. Das Handwerk bietet attraktive Perspektiven für jeden – "Es ist nicht wichtig, wo du herkommst, sondern wo du hinwillst!"

Das Konzept "Höhere Berufsbildung" reflektiert die grundlegenden Überlegungen in Österreich und der Schweiz. In der Schweiz wurde 2004 mit der Reform des dortigen Berufsbildungsgesetzes ein wichtiger Schritt zur Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung erreicht – diese wurde in der Verfassung des Landes manifestiert.

Der Fokus politisch Handelnder lag in den vergangenen Jahren einseitig vor allem auf der Stärkung der akademischen Bildung. So wurden der Qualitätspakt Hochschullehre mit 2 Milliarden Euro und der Hochschulpakt mit 20,2 Milliarden Euro Fördervolumen ins Leben gerufen.

Nachdem sich die Bundesregierung in den vergangenen Jahren primär der akademischen Bildung gewidmet hat, sollte jetzt die berufliche Bildung stärker in den Fokus gerückt werden. Daher fordert das Handwerk nach dem Hochschulpakt einen Pakt für die berufliche Bildung. Mit dem Konzept der "Höheren Berufsbildung" leistet das Handwerk hierzu einen konstruktiven Beitrag.

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