22.01.2016

Digitales Handwerk

Die Digitalisierung steht im Mittelpunkt der IHM 2016 ab 24. Februar, kündigt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der DHZ an.

DHZ: Herr Wollseifer, haben Sie nach den Vorfällen in Köln die Befürchtung, dass die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen kippt?

Wollseifer: Die Stadt ist weltoffen und tolerant – das habe ich als Kölner nie anders erlebt. Doch nach den Geschehnissen könnten Kritiker der Integration Oberwasser bekommen. Das dürfen wir nicht zulassen. Die Integration muss weiter gehen. Die Leistung derer, die sich dafür im Handwerk und anderswo einsetzen, darf nicht beeinträchtigt werden.

DHZ: Vor kurzem haben Sie von guten Ausbildungsperspektiven für Flüchtlinge im Handwerk gesprochen. Versprechen Sie da nicht zu viel?

Wollseifer: Nein, beide Seiten haben gute Chancen, Flüchtlinge und Betriebe. Das Handwerk hat einen Fachkräftebedarf und braucht Auszubildende. Abgesehen davon, haben wir schon Erfahrung mit der Ausbildung von jungen Ausländern, auch von Flüchtlingen. Wir wissen, wir dürfen die jungen Leute nicht allein lassen und wir müssen auch die Betriebe bei der Bewältigung der Bürokratie begleiten. Ich glaube, dann klappt das. Daneben brauchen wir eine geförderte Vorbereitung auf die Ausbildung.

DHZ: Überfordern wir uns da nicht?

Wollseifer: Natürlich schaffen wir es nicht, wenn jedes Jahr mehr als 1 Million Flüchtlinge kommen. Die Zahl muss zurückgehen. Das hat auch die Bundesregierung erkannt. Bei der Integration der Flüchtlinge will das Handwerk Unterstützung leisten.

DHZ: Wie soll das konkret aussehen?

Wollseifer: Wir haben rund 550 Bildungsstätten im Handwerk. Hier können wir mehrere Tausend Flüchtlinge aufnehmen, sie für eine Ausbildung vorbereiten und dann nahtlos in einen Betrieb vermitteln. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesbildungsministerium wollen wir das kurzfristig auf den Weg bringen.

DHZ: Viele Kammern engagieren sich schon bei der Integration von Flüchtlingen. Wie viele werden aktuell im Handwerk ausgebildet?

Wollseifer: Eine Statistik fehlt noch. Mehrere hundert sind es in jedem Fall. In vielen Kammern und Innungen wurden schon Pilotprojekte gestartet. Allein über die vom Entwicklungsministerium geförderten Projekte arbeiten wir in 15 Bildungsstätten mit 240 Flüchtlingen zusammen. Es ist eine Erstqualifizierung kombiniert mit Sprachvermittlung und Kompetenzfeststellung. Sie sollen später in Betrieben ausgebildet werden und so auch beim Wiederaufbau in ihren Ländern helfen können.

DHZ: Um Flüchtlinge besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird immer wieder über einen reduzierten Mindestlohn gesprochen. Weshalb kommt das für Sie nicht in Frage?
 
Wollseifer: Es darf nicht zur Verdrängung von einheimischen Arbeitskräften kommen. Instrumente der Arbeitsagenturen können jedoch genutzt werden – so kann der Mindestlohn für Langzeitarbeitslose für sechs Monate gekürzt werden.

DHZ: Vor einem Jahr war die Aufregung über den neuen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro groß. Gab es tatsächlich keine negativen Effekte im Handwerk?

Wollseifer: Wir haben dazu bisher keine Erkenntnisse. Die Nagelprobe kommt sowieso erst mit der nächsten Konjunkturdelle. Jetzt Forderungen nach einem noch höheren gesetzlichen Mindestlohn zu stellen, halte ich daher für völlig inakzeptabel. Für mich ist das Gesetz nach wie vor ein massiver Eingriff in die Tarifautonomie.

DHZ: Wie ein Damoklesschwert schwebt die Reform der Erbschaftsteuer über den Unternehmen. Was stört Sie am meisten?

Wollseifer: Auf gar keinen Fall wollen wir ein Flat-Tax-Modell, wie es Einzelne aus den Koalitionsfraktionen ins Gespräch gebracht haben, also dass ein Steuersatz für alle gilt. Einige große Vermögen dürfen nicht auf Kosten vieler kleiner Unternehmen entlastet werden. Wir sind dafür, den ersten Gesetzesentwurf weiter zu modifizieren. Denn was die Nachweisgrenze für den Arbeitsplatzerhalt angeht, sind wir mit den drei Mitarbeitern pro Betrieb nicht einverstanden - auch wenn die Auszubildenden nicht mitgerechnet werden. Wir plädieren für eine Grenze von mindestens fünf Mitarbeitern und eine anteilige Berücksichtigung von Teilzeitkräften. Auch muss die Bestimmung des begünstigten Vermögens rechtssicher und sachgerecht erfolgen – da überzeugen die bisherigen Vorschläge nicht.

DHZ: Fordern Sie da nicht zu viel?

Wollseifer: Das sehe ich nicht so. Bisher hatten wir die Zusage, dass es in dieser Legislaturperiode keine Steuererhöhungen gibt. Im ersten Referentenentwurf wurden die Mehreinnahmen auf 200 Millionen Euro beziffert. Wenn jetzt von 1,5 Milliarden Euro die Rede ist, dann sind das beim derzeitigen Gesamtaufkommen von rund 4,6 Milliarden Euro rund 30 Prozent. Wichtig sind uns auch großzügigere Stundungsregelungen. Wenn ein Betrieb durch die Erbschaftsteuer geschwächt wird, sollte er diese zinsfrei stunden können.

DHZ: Andere Baustelle: Wie groß ist die Gefahr, dass viele Handwerksbetriebe angesichts des Tagesgeschäftes die Digitalisierung verschlafen?

Wollseifer: Deshalb stellen wir das Thema Digitalisierung auf der Internationalen Handwerksmesse in den Mittelpunkt. Wir wollen Leuchtturmunternehmen zeigen, die auch Bundeskanzlerin Merkel beim Messerundgang präsentiert werden. Aber wir dürfen uns nicht nur an der Spitze orientieren. Der Markt entwickelt sich für alle weiter. Wir wollen die Betriebe dabei unterstützen.

DHZ: Bundeswirtschaftsminister Gabriel hat dem Handwerk ein digitales Kompetenzzentrum zugesagt. Wie weit ist das gediehen?

Wollseifer: Ziel ist es, mit den Bundeswirtschaftsminister auf der IHM den Startschuss für das "Kompetenzzentrum Digitales Handwerk" zu geben. Bei der IHM selbst werden sich das Zentrum und seine Partner facettenreich vorstellen. Mit unserem Konzept leisten wir in Europa Pionierarbeit in Sachen Digitalisierung des Mittelstands. Wir wollen zeigen, was in den einzelnen Branchen möglich ist und den Betrieben Hilfestellung bei ihren unternehmerischen Entscheidungen genauso bieten wie bei der Qualifizierung der Mitarbeiter.

DHZ: Apropos Zukunft, welchen konjunkturellen Ausblick geben Sie für das Handwerk?

Wollseifer: Wenn nicht noch ein gravierender Wintereinbruch kommt, rechnen wir wie für das vergangene Jahr mit einem Umsatzplus von zwei Prozent. Unsere Betriebe sind derzeit sehr zufrieden. Mich persönlich wundert das ein bisschen.

DHZ: Weshalb?

Wollseifer: Denken Sie nur an die Bürokratie. Auch die Rente mit 63 ist nicht leicht zu verkraften. Gleichwohl bezeichnen 90 Prozent unserer Betriebe ihre Lage als sehr gut, gut oder zumindest zufriedenstellend. Das sind Werte, wie wir sie ansonsten nur kurz nach der Wende hatten. Wir müssen den Schwung jetzt für Investitionen nutzen. Das gilt auch für die Politik. Wir brauchen wieder mehr Politik für die Wirtschaft. Besonders im Blick habe ich dabei Investitionen in die Infrastruktur. Wir sehen ansonsten Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit als Wirtschaftsstandort bedroht.

Zuletzt: Welche guten Vorsätze haben Sie sich als Handwerkspräsident für 2016 vorgenommen?

Wollseifer: Für das Handwerk würde ich mir wirklich wünschen, dass wir bei der Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung einen Schritt weiter kommen. Mein Ziel ist es, das Berufsabitur dieses Jahr zum Durchbruch zu bringen. Die jungen Leute haben dann neben einer abgeschlossenen dualen Ausbildung auch das Abitur.


Interview: Karin Birk und Frank Muck