04.01.2016

Handwerk bietet Vorbereitungskurse für Flüchtlinge an

Das Handwerk bietet betriebliche Ausbildungskapazitäten für junge Flüchtlinge im Handwerk. Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), stellt im Interview mit der Rheinischen Post (28.12.2015) jedoch fest: "Ohne praktische und berufssprachliche Vorbereitung geht es meist nicht. Deshalb bieten wir der Bundesregierung an, für die jungen Flüchtlinge in den 550 Bildungsstätten des Handwerks entsprechende Kurse durchzuführen."

Welche Erfahrungen macht das Handwerk bei der Beschäftigung von Flüchtlingen?
Hans Peter Wollseifer: Wir haben bisher gute Erfahrungen mit einigen hundert Irakern, Syrern, Afghanen, Afrikanern und Südosteuropäern gemacht, die im Handwerk in den vergangenen Jahren eine Ausbildung begonnen haben. Diese jungen Flüchtlinge hatten die Chance, sich während der langen Wartezeit auf Entscheidungen der Ausländerbehörden mit Sprachkursen auf eine Ausbildung vorzubereiten. Das ist mitentscheidend für den Ausbildungserfolg.

Wie sieht es aus mit Migranten, die in ihren Heimatländern schon als Handwerker tätig waren?
Wollseifer:  Seit 2012 kann man sich von den Handwerkskammern ausländische Berufsabschlüsse und Qualifikationen anerkennen lassen. Wir bieten auch Nachqualifizierungen an. Oft bringen Migranten viele praktische Erfahrungen mit, müssen bei uns aber theoretisches berufliches Wissen nachholen. Zielführend ist auch einfach ein Praktikum im Betrieb, dann wissen wir, was sie können. Die Qualifikationen sind sehr unterschiedlich. Ich war selbst mit meinem Unternehmen in Kabul tätig. Dort haben wir gravierende Unterschiede zwischen der Qualifikation unserer und der dortigen Facharbeiter festgestellt. Es gibt dort zum Beispiel bestimmte Geräte einfach nicht, etwa Lasergeräte für Messungen am Bau. Es fehlen auch präzise Wasserwaagen, man nutzt nur Schnur und Lot. Da müssen wir natürlich nachqualifizieren.

Was muss die Bundesregierung tun, damit das Handwerk Flüchtlinge schneller integrieren kann?
Wollseifer:  Im Moment werden junge Flüchtlinge aus dem Irak, Afghanistan oder anderen  Herkunftsländern, die eine Ausbildung begonnen haben, zunächst nur für ein Jahr geduldet. Damit ist für den Betrieb nicht klar, ob der Flüchtling seine dreijährige Ausbildung auch erfolgreich beenden kann. Wir fordern die Ausländerbehörden auf, diese Regelung ausbildungsfreundlich zu handhaben, so dass die Flüchtlinge während einer einmal aufgenommenen Ausbildung nicht abgeschoben werden. Denn die Ausbildung ist auch eine Investition des Betriebs. Erklärtes Ziel ist es, die Flüchtlinge auch nach der Ausbildung noch ein, zwei Jahre als Facharbeiter im Betrieb zu halten.

Viele junge Flüchtlinge sind gar nicht fit für eine Ausbildung. Wie kann die Regierung da helfen?
Wollseifer:  Wir haben noch betriebliche Ausbildungskapazitäten für junge Flüchtlinge im Handwerk. Doch ohne praktische und berufssprachliche Vorbereitung geht es meist nicht. Deshalb bieten wir der Bundesregierung an, für die jungen Flüchtlingen in den 550 Bildungsstätten des Handwerks entsprechende Kurse durchzuführen.  In den Bildungsstätten stehen jeweils bis zu 40 Plätze für diese Kurse zur Verfügung. Wir könnten dort also bis zu 20.000 junge Flüchtlinge für eine Ausbildung fitmachen. Die Kosten pro Monat und pro Flüchtling schätzen wir auf rund 1000 Euro. Darüber sprechen wir gerade mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesbildungsministerium. Das ist eine gute Investition, weil die Migranten so schnell in den Arbeitsmarkt integriert würden und hoffentlich bald Steuern und Beiträge selbst zahlen können.

Haben Sie dieses Jahr alle Lehrstellen besetzen können?
Wollseifer:  Wir haben in diesem Jahr 2015 das erste Mal seit vielen Jahren wieder mehr Ausbildungsverträge unterschreiben können als im Vorjahr. Den Abwärtstrend bei den Auszubildenden im Handwerk haben wir also stoppen können. Wir haben 2015 über 140.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen,  0,7 Prozent mehr als 2014. Andererseits blieben 2015 wieder gut 17.000 Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt, weil wir nicht ausreichend junge Leute finden. Viele Betriebe bemühen sich daher bereits jetzt um Lehrlinge für das nächste Ausbildungsjahr, das ja erst im August 2016 beginnt.

Um die Flüchtlinge unterzubringen, brauchen wir viel mehr günstigen Wohnraum. Herr Schäuble möchte den Wohnungsbau mit einer begrenzten Sonderabschreibung ankurbeln. Eine gute Idee?
Wollseifer: Wir brauchen dringend und schnell mehr günstigen Wohnraum, nicht nur für die Flüchtlinge. Deshalb ist der Vorschlag des Bundesfinanzministers, den Wohnungsbau mit einer begrenzten Sonderabschreibung anzukurbeln, absolut richtungsweisend. Kontraproduktiv ist dagegen das Vorhaben von Justizminister Maas, die Möglichkeit für Wohnungseigentümer zu verringern, Modernisierungsaufwendungen auf die Miete umzulegen. Das würde notwendige Investitionen bremsen. Das Handwerk steht für den schnellen Bau neuer Wohnungen zur Verfügung, da haben wir auch noch Kapazitäten. 

Wie ist Ihre Prognose für das nächste Jahr im Handwerk?
Wollseifer: Das Handwerk schaut zum Jahreswechsel optimistisch in die Zukunft. Unsere Auftragsbücher sind voll. Die Konjunktur wird von der guten Entwicklung am Binnenmarkt getragen. Wir erwarten 2016 wieder ein Wachstum von zwei Prozent. Die Zahl der Beschäftigten bleibt stabil. Gerne würden wir sie erhöhen, aber wir finden nicht genügend Fachkräfte und Auszubildende. 

 

Interview: Birgit Marschall